Italien Polizei fasst mögliche Hintermänner der Duisburger Mafia-Morde

Fahndungserfolg der Polizei: In Italien sind zehn Verdächtige festgenommen worden, die in den Sechsfach-Mord von Duisburg verwickelt sein sollen. Unter ihnen sind hochrangige Mitglieder rivalisierender Mafia-Clans.


San Luca - Mehrere Hundert Carabinieri haben in einer landesweit angelegten Blitzaktion zehn Mafiosi festgenommen, die in die Morde von Duisburg verwickelt sein sollen, wie italienische Zeitungen berichten.

Die Festnahmen fanden in den Orten Bovalino und Benestare in Kalabrien sowie in Bologna und Udine statt. Auch in San Luca, seit Jahrzehnten Hochburg der Auseinandersetzungen zwischen den Mafia-Clans Pelle-Vottari und Nirta-Strangio, griffen die Ermittler zu.

Die zehn Verdächtigen sollen wichtige Vertreter der beiden Familien sein. Dem Fernsehsender Reggio TV zufolge sind unter ihnen auch Maria Pelle und Antonella Vottari, Ehefrau und Schwester des Mafia-Bosses Francesco Vottari, welcher dem gleichnamigen Clan der 'Ndrangheta vorsteht. Die beiden Frauen sollen laut Anklage aktiv an den kriminellen Aktivitäten der Familie beteiligt gewesen sein. Francesco Vottari selbst war im vergangenen Oktober festgenommen worden.

Deutsche Ermittler reagierten verärgert auf den Alleingang der italienischen Kollegen. Sie hätten erst durch Presseanfragen von der Aktion erfahren müssen, empörte sich ein Beamter gegenüber SPIEGEL ONLINE. Auf Nachfrage des Duisburger Mordkommissionsleiters am Morgen hätten italienische Ermittler ihren deutschen Kollegen dann mitgeteilt, es gebe "keinen direkten Zusammenhang" zu den Morden im Ruhrgebiet. Auch befinde sich unter den Gefassten kein in Deutschland Gesuchter.

Unter den Inhaftierten soll sich jedoch Giuseppe Pelle befinden, Stellvertreter von Antonio Pelle, der den gleichnamigen Clan geführt hat und als einer der 30 gefährlichsten Mafia-Bosse gilt.

Den Festgenommenen wird vorgeworfen, Mitglieder einer organisierten Verbrecherorganisation zu sein, die in San Luca und Umgebung sowie in Deutschland tätig ist. Die Mitglieder der Clans sollen mit Waffen und Sprengkörpern gehandelt haben und international tätig sein.

Bei dem Blutbad in Duisburg im August 2007 waren sechs Mitglieder der Familie Pelle-Vottari getötet worden. Den Ermittlern zufolge ist nun eine minutiöse Rekonstruktion der Geschehnisse in Duisburg und ihrer Hintergründe möglich.

Ein aus zwei Männern bestehendes Mordkommando hatte am 15. August 2007 sechs Italiener eines verfeindeten Mafia-Clans vor einem Restaurant in der Duisburger Innenstadt erschossen. Einer der beiden Täter konnte schnell identifiziert werden. Bereits im August erließ die Staatsanwaltschaft Duisburg Haftbefehl wegen Mordes gegen den aus dem kalabrischen Siderno stammenden Giovanni Strangio.

Hintergrund der Bluttaten ist ein seit Jahren tobender Kampf zwischen den beiden rivalisierenden Familienclans Nirta-Strangio und Vottari-Pelle-Romeo, der im Gebiet Kalabriens bereits zu mehreren Tötungsdelikten geführt hat.

Höhepunkt der Auseinandersetzungen war Weihnachten 2006 der Mord an der Ehefrau eines Clanchefs der Nirta-Strangios. Ein Sohn wurde dabei verletzt.

ala/jdl

'Ndrangheta - Die kalabrische Mafia
Macht
Lange Zeit stand die 'Ndrangheta - die kalabrische Mafia - im Schatten der sizilianischen Cosa Nostra. Doch im Zuge der Fahndungserfolge in Sizilien seit Beginn der neunziger Jahre hat sich das Blatt gewendet. Heute gilt die 'Ndrangheta mit einem geschätzten Jahresumsatz von 44 Milliarden Euro als eine der mächtigsten Mafia-Vereinigungen Europas. Weitere kriminelle Organisationen in Süditalien sind die Camorra im Raum Neapel und die Sacra Corona Unita in Apulien.
Wurzeln
Die Wurzeln der Organisation reichen bis ins 19. Jahrhundert. Angeblich leitet sich das Wort 'Ndrangheta vom griechischen "andragathos" ab, was "tapferer Mann" bedeutet. Lange verdienten die "Tapferen" ihr Geld vor allem mit Entführungen und Erpressung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wanderten führende Köpfe in die USA aus, bauten dort die italo-amerikanische Mafia mit auf.
San Luca
Inoffiziellen Angaben italienischer Ermittler zufolge stehen etwa 10.000 Mann im Dienst der 'Ndrangheta, unterteilt in etwa hundert Familienclans. Die traditionell mächtigsten Familien stammen aus der Hochburg San Luca am Rande des Aspromonte, der schwer zugänglichen Gebirgsregion im äußersten Süden Italiens - die der Organisation seit langem als Rückzugsraum dient.

Die Vendetta von San Luca ist eine Familienfehde, der auch die Italiener ibeim Blutbad von Duisburg zum Opfer fielen. Sie geht auf einen Karnevalsscherz am 11. Februar 1991 in San Luca zurück: Nach Angaben italienischer Medien gab es damals einen Streit, der eskalierte; Eier flogen, es kam zu einer Schlägerei zwischen den Familien Strangio-Nirta und Pelle-Romeo. Tage später wurden in einem Hinterhalt zwei junge Männer ermordet. Bis zum 25. Dezember 2006 blieb es jahrelang ruhig, doch dann wurde Maria Strangio, 33, ermordet - seither wird die Familienfehde wieder blutig ausgetragen. Sie hat mindestens 26 Menschen das Leben gekostet.

Kalabrien
Wie stark die 'Ndrangheta immer noch ihrer Heimat Kalabrien verbunden ist, zeigen Zahlen aus Italien, nach denen 70 Prozent aller Unternehmer in Kalabrien den verhassten "Pizzo", das Schutzgeld, zahlen sollen. Die restlichen 30 Prozent der Unternehmen und Geschäfte befänden sich direkt in der Hand der Mafia.
Deutschland
Duisburg gelte nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts (BKA) als Stützpunkt der 'Ndrangheta, sagte Mafia-Experte Jürgen Roth der Nachrichtenagentur dpa. Offiziell seien in Deutschland 160 Angehörige der Clans aus der Hochburg San Luca gemeldet. Sie hätten sich im Ruhrgebiet, in Erfurt und in Leipzig angesiedelt. Nach BKA-Erkenntnissen seien Lösegelder aus Entführungen in Deutschland investiert worden. Im Raum Duisburg hätten Clan-Angehörige mehrere Pizzerien und Discotheken eröffnet. Ziel solcher Unternehmen ist in der Regel Geldwäsche. Experten aus Deutschland und Italien sagten übereinstimmend, das Massaker an sechs Italienern in der Ruhrgebietsstadt sei der bisher blutigste Anschlag der italienischen Mafia in Deutschland. Er habe eine "neue Qualität", weil eine Familienfehde (die Vendetta von San Luca) mit einem Mord großer Brutalität auf fremdem Boden ausgetragen werde.

Die Welt
Das Betätigungsfeld ist gewachsen, längst haben die Mafiosi die schwer zugänglichen Bergregionen Kalabriens verlassen und sind in Deutschland, Spanien, Frankreich, Holland und Belgien tätig, außerdem in Kanada, Austalien, den USA und Südamerika. Spezialgebiet der 'Ndrangheta ist Kokainhandel. Dort ist sie europäischen Drogenfahndern zufolge mittlerweile eine der mächtigsten Gruppen. Die Organisation soll nach neuen Schätzungen die kolumbianischen Drogenkartelle in den Schatten gestellt haben. Weitere Einnahmequellen: Geldwäsche, Waffenhandel und Erpressungen, außerdem zahlreiche legale Wirtschaftszweige wie etwa die lukrative Müllentsorgung.

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