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22. August 2019, 13:50 Uhr

Menschenhandel in Italien

Wie die nigerianische Mafia Frauen versklavt

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Im süditalienischen Castel Volturno kontrollieren Banden aus Nigeria die Prostitution. Sie holen Frauen illegal ins Land und erpressen Zehntausende Euro von ihnen - auch mithilfe von Voodoo-Ritualen.

Als Isoke Aikpitanyi das erste Mal anschaffen geht, gibt man ihr nur ein Kleidungsstück: einen Slip. Es ist kalt an diesem Dezembertag in Italien. Sie besteht darauf, ihre Jeans anzubehalten. Doch die kann sie nicht schützen vor den Kunden, die sie ab jetzt "bedienen" muss.

Schon bald versteht das Mädchen aus Nigeria, wie ausweglos seine Lage ist. "Ich hatte keinen Ausweis, kein Geld und keinen Ort, an den ich fliehen konnte", schreibt Aikpitanyi Jahre später in ihrem Buch "Die Mädchen aus Benin City". "Ich hatte Angst vor der Polizei, kannte nur ein einziges Wort auf Italienisch und musste meine Reiseschulden bezahlen - 30.000 Euro."

Und sie wusste, was mit den Mädchen passierte, die nicht zahlten. Mädchen wie ihre Zimmergenossin Itohan, die totgeprügelt wurde, weil sie nicht als Prostituierte arbeiten wollte.

Neben den angeblichen Kosten für den oft Monate dauernden Horrortrip nach Italien zahlen die nigerianischen Frauen demnach auch für Kost, Logis, Licht, Strom, Kleidung - und ihren Platz auf dem Bürgersteig. "Fehlt nur noch, dass sie dich die Luft bezahlen lassen, die du atmest", schreibt Aikpitanyi über die Zuhälter. Viele Frauen, die in die Prostitution gezwungen werden, seien Analphabetinnen, die noch nie eine Schule besucht hätten und noch nicht einmal rechnen könnten.

Und dann gibt es noch die Geister.

"Voodoo ist ein mächtiges Mittel, um Kontrolle über die Frauen zu erlangen", berichtet der italienische Fotograf Alessio Paduano, der den Alltag der afrikanischen Sexsklavinnen dokumentiert hat. Sogenannte native doctors drohten den Frauen bei Regelverstößen mit Flüchen aller Art - Krankheiten, Katastrophen, dem Tod von Verwandten. "Der mentale Druck ist so groß, dass kaum ein Opfer je Widerstand leistet oder sich an die Polizei wendet", sagt er. Die Frauen sind vor Angst wie gelähmt und tun, was von ihnen verlangt wird.

Selbst wenn es gelingt, die vom Zuhälter geforderten Ablösesummen von bis zu 60.000 Euro zu begleichen, ist die Flucht aus dem Milieu Illusion. Die Frauen versuchen, einen normalen Job zu bekommen, scheitern aber an fehlender Ausbildung und der schlechten Arbeitsmarktlage in Italien. "Fast alle kehren dann zur Prostitution zurück", sagt der Fotograf. Der einzig mögliche "Aufstieg" im Gewerbe ist der zur "Madame": Sie leitet die sogenannten Connection Houses, wo es neben käuflichem Sex auch Essen und Unterhaltung gibt.

Viele afrikanische Prostituierte sind in Kontakt mit Familienangehörigen, reden aber nicht über ihr Schicksal. Zu groß ist die Scham - auch, weil sie wegen der grotesk hohen Forderungen der Zuhälter noch nicht einmal Geld nach Hause schicken können.

In Nigeria ist das Problem bekannt. Die Hoffnung auf ein Ende des Menschenhandels war groß, als der einflussreiche geistliche Führer Eware II im März 2018 in Benin City ein Edikt herausgab, wonach nigerianische Frauen nicht mehr nach Europa verschleppt und sexuell ausgebeutet werden dürften. Ausdrücklich verbot er jede Form von Voodoo und Juju. Doch das Geschäft mit dem Sex floriert weiter.

Im Video: Verflucht und verkauft - In der Hand der Madame

Nigerianer handeln mit Erlaubnis der Camorra

Rund 25.000 Menschen leben in Castel Volturno, geschätzt zwei Drittel von ihnen sind Zugewanderte. Der italienische Mafia-Experte Sergio Nazzaro bezeichnet den einst mondänen, heute verwahrlosten Küstenort als das "Epizentrum der nigerianischen Mafia". Die kriminellen Organisationen aus Afrika dominierten Prostitution und Drogenhandel.

"Seit die italienische Mafia verstärkt in legale Wirtschaftszweige investiert und dort ihre Milliarden wäscht, sind in der Straßenkriminalität Freiräume entstanden, die von afrikanischen Gruppierungen genutzt werden", sagt Nazzaro. Dies geschehe aber in Absprache mit der Camorra. "Die Nigerianer wollen die italienische Mafia nicht ersetzen. Sie wissen genau, dass sie nur zu Gast sind."

Die Kontrolle über das Territorium hält der nationalen Antimafiabehörde DIA zufolge weiter das Kartell der "Casalesi", ein Zusammenschluss aus mehreren italienischen Mafiafamilien. Die Polizei hat laut Nazzaro kaum Einblick in die nigerianischen Strukturen, weil aus diesen Kreisen niemand mit den Behörden zusammenarbeite: "Bei den Nigerianern gibt es keine Kronzeugen." Um die autonom handelnden Banden zu bekämpfen, müssten die Ermittler verstärkt auf Beamte setzen, die aus Nigeria stammten und mit den Verhältnissen vertraut seien.

Freikirchen sind Teil des Systems

Laut Angaben des italienischen Arbeitsministeriums leben derzeit knapp 105.000 Nigerianer im Land, die meisten von ihnen Männer. Die Geldüberweisungen von Italien nach Nigeria haben sich seit 2016 verdoppelt und liegen bei fast 75 Millionen Euro, heißt es in einem Bericht der DIA. Ein erheblicher Teil davon soll aus illegalen Geschäften stammen. "Das Geld, das die nigerianische Mafia in Italien erwirtschaftet, landet zu einem Großteil im Heimatland und wird dort reinvestiert", sagt Nazzaro.

Auch in Deutschland sind nigerianische Menschenhändler auf dem Vormarsch. Der Bundesnachrichtendienst warnte unlängst vor der Ausbreitung "äußerst brutal agierender nigerianischer Strukturen der organisierten Kriminalität".

In Castel Volturno spielen die örtlichen Pfingstgemeinden im System der Unterdrückung eine besondere Rolle. Geschätzt 50 dieser Freikirchen soll es allein hier geben. Sie heißen "Feuerwort" oder "Christus, der Fels meiner Rettung", locken mit Zuspruch und charismatischen Gottesdiensten, aber auch Exorzismus und Heilsversprechen. So mancher Prediger soll die Frauen schon zu Gehorsam gegenüber ihren Peinigern aufgefordert haben - ganz im Sinne der Zuhälter.

Wie überall auf der Welt sind die Gläubigen in Castel Volturno aufgerufen, ein Zehntel ihres Einkommens an die Pfingstler zu spenden. Geld, das allzu oft aus illegalen Geschäften stammt. Immer wieder gibt es Vorwürfe, einige Geistliche würden sich an den Gläubigen bereichern oder mit der nigerianischen Mafia im Bunde stehen. Im Jahr 2003 wurden etwa 50 afrikanische Migranten wegen organisierter Kriminalität festgenommen. Unter ihnen war auch Odion Israel Aigbekean, ein nigerianischer Pastor aus der Nähe von Castel Volturno.

Nun zeigt gerade die Geschichte Italiens, dass organisierte Kriminalität und Kirche allzu oft unheilige Allianzen eingehen. Das Besondere an den Pfingstgemeinden ist aber, dass sie weitgehend unbeobachtet und ohne Kontrolle agieren.

"Es gibt sicher Geistliche, die seelsorgerisch tätig sind und die unter schrecklichen Umständen lebenden Frauen trösten", sagt Mafia-Experte Nazzaro. "Aber es gibt auch sehr luxuriös ausgestattete Kirchen und Pastoren, die sich die Frage gefallen lassen müssen, woher das ganze Geld stammt."

Der Niedergang und das Elend, die "soziale Katastrophe", die sich in Castel Volturno vollzogen hat, ist Nazzaro zufolge auch eine Folge verfehlter Politik. "Und wir sollten nicht vergessen, wer Prostitution und Drogenhandel möglich macht: Es ist der weiße Mann, der Frauen und Rauschgift kauft."

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