Nach Flucht vor Prozessauftakt Frühere KZ-Sekretärin aus U-Haft entlassen – aber mit Fußfessel

Irmgard Furchner ist nach einigen Tagen im Gefängnis wieder frei. Die 96-jährige Angeklagte war vor Prozessbeginn geflohen – nun will das Gericht sicherstellen, dass sie zum nächsten Termin erscheint.
Richter ohne Angeklagte: Irmgard Furchner erschien nicht zum Prozessauftakt im Landgericht Itzehoe am 30.09.21

Richter ohne Angeklagte: Irmgard Furchner erschien nicht zum Prozessauftakt im Landgericht Itzehoe am 30.09.21

Foto: POOL / REUTERS

Die ehemalige Sekretärin im Konzentrationslager Stutthof Irmgard Furchner ist aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Das Landgericht Itzehoe habe den Haftbefehl auf eine Haftbeschwerde der 96-Jährigen hin außer Vollzug gesetzt, teilte es mit .

Gegen Furchner seien nicht näher spezifizierte »Sicherungsmaßnahmen« angeordnet worden. Es sei sichergestellt, dass die Angeklagte zum nächsten Gerichtstermin erscheinen werde, teilte das Gericht auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP mit.

Nach SPIEGEL-Informationen muss Furchner eine Fußfessel tragen. Das sei »eine gute Entscheidung des Gerichts«, sagt Nebenklagevertreter Stefan Lode dem SPIEGEL. Damit könne eventuell »der Trotz gebrochen« werden. »Denn man zeigt, dass man als Gericht nicht sanktionslos hinnimmt, wenn die Hauptperson eines Strafprozesses einfach Gerichtsterminen fernbleibt. Gleichzeitig erspart man der sehr alten Frau aber auch das Gefängnis und lässt ihr damit die Würde.«

Der Prozessbeginn hatte sich am Donnerstag verzögert, weil die Frau nicht bei Gericht erschienen und stattdessen aus ihrem Heim geflohen war . Erst nach einigen Stunden wurde sie aufgegriffen. Das Gericht hatte am 30. September bis auf Weiteres Untersuchungshaft angeordnet und damit auf den Versuch der ehemaligen Sekretärin im KZ Stutthof reagiert, sich dem Verfahren zu entziehen.

Schon vor dem Prozess hatte Furchner in einem Brief an den Vorsitzenden Richter mitgeteilt, sie wolle nicht vor Gericht erscheinen. Die alte Frau fürchtete Hohn und Spott. In einem Strafprozess ist die Anwesenheit einer Angeklagten jedoch unerlässlich.

Der Prozess gegen Furchner wird am 19. Oktober fortgesetzt. Für diesen Termin ist die Verlesung der Anklage geplant. Der Frau wird Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen vorgeworfen. Als Stenotypistin und Schreibkraft in der Kommandantur von Stutthof bei Danzig soll sie zwischen Juni 1943 und April 1945 den Verantwortlichen des Lagers bei der systematischen Tötung von Gefangenen Hilfe geleistet haben. In dem deutschen KZ und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen zu Kriegsende starben nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralstelle in Ludwigsburg rund 65.000 Menschen.

bbr/jjc/dpa/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.