Holocaustüberlebende in Prozess gegen frühere KZ-Sekretärin »Die Angst ist geblieben, bis zum heutigen Tag«

Zwei Frauen am selben Ort des Schreckens: Im Prozess gegen eine frühere Sekretärin des KZ Stutthof beschreibt eine Holocaustüberlebende, was sie im Lager erlebt hat. Was wusste die Angeklagte?
Aus Itzehoe berichtet Julia Jüttner
Holocaustüberlebende Towa-Magda Rosenbaum in ihrer Küche in Bnei Brak

Holocaustüberlebende Towa-Magda Rosenbaum in ihrer Küche in Bnei Brak

Foto: Markus Horstmann

Von der Kommandantur des Konzentrationslagers Stutthof aus blickte man auf die Hölle, in der die Inhaftierten um ihr Leben kämpften: menschenunwürdige Baracken aus Holz, eine Gaskammer, ein Krematorium. Rund 65.000 Menschen starben.

Towa-Magda Rosenbaum hat die Hölle überlebt. Die 97-Jährige, geboren in Ungarn, lebt heute in Bnei Brak in Israel. An diesem Dienstagmorgen sitzt sie in ihrer Küche; nur hier hat sie eine stabile WLAN-Verbindung. Rosenbaum schildert die wohl schlimmsten Jahre ihres Lebens. Sie war 20 Jahre alt, als sie nach Stutthof kam, weil sie Jüdin ist.

Ihre Stimme dringt aus Lautsprechern in den improvisierten Saal des Landgerichts Itzehoe am Rande des dortigen Gewerbegebiets. Auch hier sitzt eine betagte Dame, Irmgard Furchner, ein Jahr jünger als Towa-Magda Rosenbaum. Auch sie war in Stutthof, zwischen Juni 1943 und April 1945, montags bis samstags. Sie war die Sekretärin des Lagerkommandanten Paul-Werner Hoppe.

Maschinerie des Tötens

Staatsanwältin Maxi Wantzen ist davon überzeugt, dass Irmgard Furchner durch ihre Tätigkeit dazu beitragen hat, die Maschinerie des Tötens aufrechtzuerhalten, und hat sie wegen Beihilfe zum Mord in 11.380 Fällen angeklagt.

Towa-Magda Rosenbaum blickt in die Kamera, sie hat sich in eine cremefarbene Stola gehüllt, auf dem Kopf trägt sie einen weinroten Turban. Neben ihr sitzt ihr Rechtsanwalt Markus Horstmann. Er ist am Wochenende von Düsseldorf nach Tel Aviv gereist. »Frau Rosenbaum spricht gutes Deutsch«, sagt Horstmann. Towa-Magda Rosenbaum lächelt und unterbricht ihn: »Aber nicht perfekt.«

Sie erzählt dann auf Deutsch, das sie in der Schule gelernt und nie intensiv gesprochen hat, wie sie vier Tage vor ihrem 20. Geburtstag, am 16. August 1944, von Auschwitz nach Stutthof gekommen sei, gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Edith. Ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder waren in Auschwitz ermordet worden.

»Sie war ein Barbar«

»Pass auf Magda auf!«, seien die letzten Worte ihrer Mutter an Edith gewesen, als sie in Auschwitz von ihren Töchtern getrennt worden sei. Daran habe sich die ältere Schwester ihr Leben lang gehalten, heute habe deren Tochter Hana diese Aufgabe übernommen. Auch sie sitzt in der Küche.

»Es hat unser ganzes Leben kaputt gemacht, seelisch kaputt gemacht«, sagt Towa-Magda Rosenbaum. Sie berichtet von Läusen am Körper und von einer Aufseherin, die sie mit einer Peitsche malträtiert habe. »Ihr Name war Barbara. Sie war ein Barbar, barbarisch.« Der Körper habe noch Stunden nach den Schlägen gebrannt. Towa-Magda Rosenbaum schaut ins Leere. »Die guten Erinnerungen gehen langsam aus dem Kopf«, sagt sie. »Die schlechten bleiben.«

Irmgard Furchner blickt zur Leinwand, als hörte sie zu.

Ob sie mitbekommen habe, dass in Stutthof Menschen verbrannt worden seien, will der Vorsitzende Richter Dominik Groß von Towa-Magda Rosenbaum wissen. Nein, davon habe sie nur gehört. Wusste sie von der Gaskammer auf dem Gelände? Nein. Wusste sie, dass Menschen krank geworden sind? Nein.

Irmgard Furchner senkt langsam den Kopf, verharrt minutenlang. Ist sie eingenickt?

Mehrmals erinnert sich Towa-Magda Rosenbaum an ihren Geburtstag, vier Tage nach ihrer Ankunft in Stutthof. Ihre Haare, die ihr in Auschwitz geschoren worden waren, seien ein, zwei Zentimeter lang gewesen. Es gebe ein ungarisches Lied, darin heiße es: »Ich will noch einmal 20 Jahre alt sein.« Sie aber habe an jenem 20. August 1944 gesungen: »Ich will nicht noch einmal 20 Jahre alt sein.«

»Die Angst ist geblieben.«

Towa-Magda Rosenbaum

Im Oktober 1944 kam sie in das Außenlager Thorn. Dort habe sie Schützengräben ausheben müssen. »Wir waren 3000 gesunde Mädel«, sagt sie. Nur 900 von ihnen hätten überlebt, die meisten seien verhungert.

»Hunger kann man nicht vergessen. Schläge kann man nicht vergessen. Angst kann man nicht vergessen«, sagt Towa-Magda Rosenbaum. »Die Angst ist geblieben. Bis zum heutigen Tag.« Sie habe alles versucht, sie loszuwerden. Es sei ihr nicht gelungen.

Markus Horstmann, ihr Anwalt, sagt, das Erinnern sei für Nebenkläger wie Towa-Magda Rosenbaum eine »sehr große Schwierigkeit«. »Sie würde gerne vergessen. Aber sie kann nicht.« Er hält zwei Fotos in die Kamera: Towa-Magda Rosenbaum vor ihrer Inhaftierung und danach. Man könne deutlich sehen, was das Erlebte aus einem »fröhlich lächelnden Mädchen« gemacht habe.

In dem Prozess in Itzehoe geht es besonders um die Fragen: Was wusste die Angeklagte Irmgard Furchner? Was sah sie, wenn sie aus dem Fenster ihrer Schreibstube blickte? Was bekam sie mit, wenn ihr der Lagerkommandant Hoppe Schreiben diktierte?

Es sei mehr als das, was sie in Verfahren gegen Hoppe und andere SS-Größen zugegeben habe, meinen die Rechtsanwälte Stefan Lode und Christoph Rückel, die in dem Prozess mehrere Überlebende als Nebenkläger vertreten. In einer Vernehmung damals sagte Furchner: »Schreiben über eine Vergasung von Personen sind nicht durch meine Hände gegangen, ich habe weder derartige Befehle gesehen, noch hat Hoppe mir solche Schreiben diktiert.«

Die beiden Anwälte verweisen auf Aussagen ehemaliger Kolleginnen Furchners, die belegten, dass im Sekretariat der Kommandantur sehr wohl über die Vergasung und die Exekution Inhaftierter gesprochen worden sein soll. Eine von ihnen gab 1954 zu Protokoll, dass bei Exekutionsbefehlen immer die Todesart notiert gewesen sei. Und dass über die Fernschreibstelle Details über die Vergasung der Juden kundgetan geworden seien.

»Es war unter uns allgemein bekannt, dass jüdische Personen vergast wurden«, sagte eine andere Mitarbeiterin in einer Befragung. »Wer behauptet, nichts hiervon gewusst zu haben, dürfte nicht die Wahrheit sagen. Jedenfalls war dies unter Zivilisten, die wir dienstverpflichtet waren, bekannt.«

Ihr Mann überlebte Auschwitz

Towa-Magda Rosenbaum heiratete einen Mann, der Auschwitz überlebt hatte. Auf seinem Arm war ihm dort die Nummer 16255 eintätowiert worden. Sie wiederholt sie mehrmals im Gericht in Itzehoe.

In Israel hätten beide ein neues Leben begonnen, sagt sie.

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