Zeuge in Prozess gegen frühere KZ-Sekretärin »Frau Furchner ist eine resolute Dame«

Die angeklagte Schreibkraft aus dem KZ Stutthof schweigt vor Gericht. Bei einer Durchsuchung in ihrem Seniorenheim war sie offenbar gesprächiger. Ermittler beschreiben eine bemerkenswerte Begegnung.
Aus Itzehoe berichtet Julia Jüttner
Angeklagte vor Gericht: Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Beihilfe zum Mord in 11.380 Fällen vor

Angeklagte vor Gericht: Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Beihilfe zum Mord in 11.380 Fällen vor

Foto: Marcus Brandt / dpa

Irmgard Furchner saß in ihrem Zimmer im Pflegeheim Quickborn-Heide auf dem Bett und sah fern, als sie an einem Vormittag Anfang 2017 unerwartet Besuch bekam. Ein Staatsanwalt und zwei Beamte des Landeskriminalamtes Kiel stellten sich vor und hatten Fragen.

Es war nicht das erste Mal, das Irmgard Furchner von Ermittlern zu einem Lebensabschnitt vernommen wurde, der Jahrzehnte zurücklag, weit weg im heutigen Polen, und der zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte gehört: Irmgard Furchners Zeit als Schreibkraft im Konzentrationslager Stutthof nahe Danzig, in dem rund 65.000 Inhaftierte ums Leben kamen.

Knapp zwei Jahre lang war Irmgard Furchner die Sekretärin des Lagerkommandanten – eine wichtige Zeugin in den Jahren nach dem Krieg, als die strafrechtliche Aufarbeitung von NS-Verbrechen schleppend in Gang kam. Dreimal, in den Jahren 1954, 1964 und 1982, wurde sie zu ihrer Tätigkeit in Stutthof befragt.

»Geistig wach«

Aber die beiden Männer und die Frau, die an diesem Wintertag 2017 in ihrem Zimmer im Seniorenheim standen, hatten nicht nur Fragen, sondern auch einen Durchsuchungsbeschluss. Irmgard Furchner war keine Zeugin mehr, sondern auf einmal Beschuldigte. Sie wurde mit dem Verdacht konfrontiert, in 11.380 Fällen Beihilfe zum Mord geleistet zu haben.

Irmgard Furchner war empört. So schildert es der Staatsanwalt an diesem Dienstag im Landgericht Itzehoe. Er beschreibt, wie die damals fast 92-Jährige auf ihrem Bett saß, »geistig wach und rege«, nur schwerhörig.

Ihr Verteidiger Wolf Molkentin interveniert. Er hatte erreicht, dass die Zeugenaussagen aus den Fünfziger-, Sechziger- und Achtzigerjahren nicht verwertet werden dürfen; seinen Antrag, auch Furchners Aussagen von 2017 nicht verwenden zu dürfen, lehnte das Gericht ab.

Und so berichtet der Staatsanwalt von der Begegnung mit der ehemaligen Zivilangestellten der SS vor fünf Jahren. Diese habe »sehr emotional, unwirsch« und »mit Bockigkeit« reagiert. Er habe das Gefühl gehabt, dass sie den Ernst der Lage verkannt habe.

»Reines Gewissen«

Auch deshalb habe er sie ausführlich über ihre Rechte belehrt und ihr erklärt, warum nach so vielen Jahrzehnten nun gegen sie ermittelt werde: Dass die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg das Verfahren angestoßen habe; dass der Bundesgerichtshof 2016 das Urteil gegen den Auschwitz-Buchhalter Oskar Gröning bestätigt und diese Entscheidung den juristischen Weg dafür geebnet habe, dass Menschen wie sie angeklagt werden können.

Die Rentnerin habe wenig Verständnis dafür gehabt, dass nach so langer Zeit gegen sie ermittelt werde, sagt der Staatsanwalt. Sie habe das als »lächerlich« bezeichnet, von einem »reinen Gewissen« gesprochen und betont, sie habe niemanden getötet, keine Tötungen wahrgenommen, das Lagergelände selbst nie betreten und keinen Kontakt zu Inhaftierten gehabt. Mehrfach habe man ihr versichert, sie habe »nichts falsch gemacht«.

Lagerkommandant Paul-Werner Hoppe verfasste Exekutionsbefehle, machte die Dienstpläne für die Wachmannschaften, erteilte Deportationslisten für die Züge nach Auschwitz. Als Schreibkraft soll Irmgard Furchner notiert haben, was Hoppe ihr diktierte. Was bekam sie damals mit von der Folter und dem systematischen Morden der Nationalsozialisten?

»Hoppe war ein passionierter Gärtner«

Irmgard Furchner 2017

Sie habe eingeräumt, als Schreibkraft in der Lagerkommandantur in Stutthof gearbeitet zu haben, sagt der Staatsanwalt im Gericht. Auch habe sie sich an die Namen zweier Telefonistinnen erinnert, an Details zu ihrer Schreibarbeit jedoch nicht, nur an ein Schreiben: Einer Bestellung für Gartenbedarf, Hoppe sei »passionierter Gärtner« gewesen.

»Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!«

Für die Vertreter der Nebenklage klingt das wie Hohn. Ob er sich ernstgenommen gefühlt habe, fragt Rechtsanwalt Markus Horstmann den Zeugen. Er habe es nicht geglaubt, aber hingenommen, antwortet der Staatsanwalt. »Frau Furchner ist eine resolute Dame, zumindest war sie das damals.« Er hat nicht vergessen, wie sie ihm zurief: »Junger Mann, machen Sie mal hin, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!«

Sie sei »dienstverpflichtet« worden, habe sie gesagt. Und: »Ich wurde gerufen und musste gehen.« Das widerspricht den Angaben des historischen Sachverständigen Stefan Hördler, Experte für Wehrmachts- und SS-Strukturen, der sagt, zu der Zeit, in der Irmgard Furchner ihre Tätigkeit begonnen habe, sei der Kommandanturstab um weibliche Zivilangestellte erweitert worden. Diese hätten dort freiwillig angefangen, sowohl ihre Zustimmung als auch die des Arbeitsamtes habe vorliegen müssen. Zwangsversetzungen dorthin habe es nicht gegeben.

Die Durchsuchung des »spärlich möblierten, kleinen Einzelzimmers«, in dem Frau Furchner wohnt, habe nicht lange gedauert, sagt der LKA-Beamte, der damals den Staatsanwalt begleitete. Tagebuchaufzeichnungen, Fotos und andere für das Verfahren relevante Dokumente konnten nicht gefunden werden. Auf der Flucht habe sie nicht viel mitnehmen können, habe Furchner gesagt, den Rest habe ihr Sohn im Rahmen des Umzugs in das Seniorenstift vernichtet.

In welcher Verfassung Frau Furchner gewesen sei, fragt der Vorsitzende Richter Dominik Groß mehrfach. »Für ihr Alter war sie in einem sehr guten Zustand«, sagt der LKA-Beamte, sie habe »gut folgen« können.

Ihr Verteidiger widerspricht am Ende der Verwertung beider Zeugenaussagen. Es blieben Zweifel daran, dass seiner Mandantin bei der Vernehmung klar gewesen sei, welche Konsequenzen ihre Äußerungen haben könnten, so Molkentin.

Am Ende des unerwünschten Besuchs 2017 habe Frau Furchner den Beamten übrigens gedroht, »eine große deutsche Tageszeitung« zu informieren, sagt der Staatsanwalt. Welches Medium sie meinte, sagte er nicht.

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