Jagd auf das Phantom Österreichische Polizei zog Wattestäbchen schon vor Wochen ein

Aufregung über das angebliche "Phantom von Heilbronn": Haben verunreinigte Wattestäbchen mit DNA-Spuren einer Fabrikarbeiterin einen der größten Ermittlungsfälle der vergangenen Jahre ausgelöst? Jetzt kommt heraus, dass Polizisten in Österreich schon seit längerem einen Verdacht hatten. Und reagierten.

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Hamburg - Es war dieser Tote in der Disco, der die österreichischen Ermittler schließlich stutzig werden ließ. Am 28. September 2008 starb in Linz ein 21-jähriger Bosnier - fünf Männer hatten ihn im Treppenhaus eines Tanzlokals bei einer Prügelei tödlich verletzt. Auf dem Finger des Opfers fanden Kriminaltechniker wenig später die DNA der in Deutschland gesuchten Serienkriminellen, die sie alle nur "das Phantom von Heilbronn" nennen.

Seit Jahren suchten Dutzende Beamte in mehreren Ländern mit größtem Aufwand diese "unbekannte weibliche Person", die im Verdacht stand, seit Mai 1993 an zahlreichen Diebstählen und Einbrüchen, einem Raubüberfall sowie mindestens zwei versuchten und drei tatsächlich erfolgten Morden beteiligt gewesen zu sein - darunter auch an der Erschießung der Polizistin Michèle Kiesewetter, 22, vor knapp zwei Jahren in Heilbronn.

Doch die Kriminalisten in Linz, so sehr sie sich auch mühten, konnten keine Verbindung zu einer Frau feststellen. Weder die festgenommenen Tatverdächtigen noch die Bekannten ihres Opfers konnten erklären, wie die DNA-Spur an den Finger des Mannes gekommen war.

"Für uns entstand daraus der begründete Verdacht, es nicht mit einer unbekannten Frau, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach mit kontaminierten Werkzeugen zu tun zu haben", sagte der Pressesprecher des österreichischen Bundeskriminalamts, Gerald Tatzgern, SPIEGEL ONLINE.

Große Verwirrung

Die Gen-Spur der Gesuchten war in Österreich von 2004 bis 2007 bei insgesamt 16 Diebstählen aufgetaucht, in acht Fällen konnten die Täter gefasst werden. Die "Kronen"-Zeitung hatte noch im November 2008 berichtet, in Klagenfurt sei ein mit internationalem Haftbefehl gesuchter Kaukasier festgenommen worden, bei dem die Ermittler die weibliche DNA der Unbekannten gefunden hätten. Seinerzeit sei eine zweite Probe angeordnet worden. Die Verwirrung war wohl groß.

Anfang 2009 hätten die österreichischen Behörden dann, so sagt es der BKA-Sprecher Tatzgern, "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen", dass es das "Phantom" tatsächlich gibt. Gleichzeitig habe man die Wattestäbchen, die von der Firma Greiner Bio-One International AG vertrieben worden seien, als verunreinigte Spurenträger identifiziert.

Es sei daher veranlasst worden, sämtliche Stäbchen des Herstellers, die in den österreichischen Sicherheitsbehörden im Umlauf gewesen seien, sofort aus dem Verkehr zu ziehen. "Die Delikte waren auch so unterschiedlich, die konnten nichts miteinander zu tun haben", sagte Tatzgern.

Möglichkeit einer verunreinigten DNA-Spur

Die Greiner Bio-One International AG teilte am Donnerstagabend offiziell mit, dass die Abstrichbestecke nicht für die DNA-Analytik zertifiziert seien. Die Wattestäbchen würden sterilisiert, doch "mögliche vorhandene DNA-Verunreinigungen menschlichen oder tierischen Ursprungs können durch eine Sterilisation nicht beseitigt werden".

Das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg prüft nach Angaben der Heilbronner Staatsanwaltschaft seit April 2008 intensiv die Möglichkeit einer verunreinigten DNA-Spur. Im Kriminaltechnischen Institut des LKA in Stuttgart seien seither bereits mehrere hundert unbenutzte Wattestäbchen als sogenannte Leerproben untersucht worden. Ohne Ergebnis. Dennoch werde der Hypothese seit Februar verstärkt nachgegangen, hieß es.

An der Existenz der Täterin gibt es auch nach Angaben der Saarbrücker Staatsanwaltschaft "begründete Zweifel". Sie seien entstanden, als die Identität einer im Forbach entdeckten, verbrannten Leiche geklärt werden sollte, sagte Behördensprecher Ernst Meiners. Man habe prüfen wollen, ob es sich bei dem Toten um einen im Jahr 2002 verschwundenen Asylbewerber gehandelt habe. Die Untersuchung des Fingerabdrucks in der Ausländerakte des Mannes auf DNA-Material habe am 19. März 2009 eine Übereinstimmung mit den Erbinformationen der Unbekannten ergeben. "Das konnte einfach nicht sein", so Meiners.

Der Fingerabdruckbogen des Asylbewerbers habe außerdem längere Zeit in einer Akte gelegen. Mit einem "garantiert DNA-freien" Wattestäbchen sei dann ein Gegentest gemacht worden. Das Ergebnis: "Plötzlich war die DNA des 'Phantoms' nicht mehr da", sagte Meiners. "Das ließ ja zumindest den begründeten Schluss zu: Das Untersuchungsmaterial ist irgendwie nicht in Ordnung."

insgesamt 18 Beiträge
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checker-vom-neckar 26.03.2009
1. Interessantes zum "Phantom"
findet man auch hier: http://stimme.de/heilbronn/polizistenmord/
G.Ott 27.03.2009
2. Heidelberg?
Ein "Phantom von Heidelberg" gab's schon gleich gar nicht.
SpieFo, 27.03.2009
3. Man stelle sich vor, da
manipuliert einer unserer "Dienste, oder sogar die Polizei selber, den Tatort mit etwas DNA eines Unbeteiligten. Wenn man einen Verdächtigen braucht, der kein Alibi hat, aber sonst irgendwie ins Raster passt, so braucht man doch nur seine DNA, um die Beweismittel zu manipulieren. Geht nicht? Gibt's nicht! Das perfekte Verbrechen ist möglich: Ein Täter entwendet DNA eines missliebigen und hinterlässt sie am Tatort. Woher nehmen? Wattestäbchen und vom Trinkglas, Kleidung, Zigarette, man braucht nur etwas Phantasie. Ich möchte das Gericht sehen, das einen DNA-Beweis nicht würdigt. Oder: Vielleicht liegt in diesem Vorfall sogar die Chance, in Zukunft auch sogenannte DNA-Beweise zu miskreditieren? Irgendwie hat sich den DNA-Beweis selbst entwertet, oder im Wert gemindert.
Wenzel Storch, 27.03.2009
4. Typische Reaktion
Wieviel Steuergelder dabei vernichtet wurden! Ein typischer, dem Zeitgeist entsprechender Vorgang.
Kampfbuckler, 27.03.2009
5. Ich glaube nicht an die Wattebauschfabrik als Schuldigen
Schon vor Monaten hatte ich in einem Leserforum empfohlen, DNA- Proben vom gesamten weiblichen Personal, vor allem in den DNA-Labors, zu nehmen, die in irgendeiner Form mit den Analysen zu tun hatten , denn die Bandbreite der Delikte durchbrach jede kriminologische Erfahrung, Son Täterprofil gab's ja noch nie, das reichte von Morden im Stile einer Hinrichtung bis zu Einbrüchen in ein Gartenhaus, um ne Cola oder ne Dose Erbseneintopf zu klauen. Ich habe aber immer noch eher den Verdacht, dass es bei der DNA-Untersuchung passierte, als dass seit 1993 , also über 15 Jahre hinweg ne Kontamination von ca 40 Wattestäbchen bei der industriellen maschinellen Produktion erfolgte. Wie hier schon dargelegt, werden die Stäbchen ja maschinell gefertigt und nicht in einer Manufaktur einzeln von Hand gezupft und gewickelt. Ich verstehe auch nicht, warum die Polizei noch Erfolgsmeldungen über die Spurensuche nach dem Phantom herausgab, obwohl bereits begründete Zweifel an der Untersuchungsmethode bestanden.
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