Jagd auf Kriminellen Thomas Wolf ist nicht zu fassen

Mietwohnung, Mercedes, Freundin: Acht Jahre lang lebte der Gewaltverbrecher Thomas Wolf in Frankfurt - unbehelligt und unerkannt. Doch nach der Entführung einer Bankiersgattin ist der 56-Jährige auf der Flucht. Jüngst entkam er der Polizei auf einem Fahrrad ohne Sattel.

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Hamburg - Thomas Wolf könnte Lehrer sein, Busfahrer oder Bademeister. Sein Haar ist grau und schütter, die Erscheinung "stattlich und gepflegt", er spricht fließend mehrere Fremdsprachen, wie selbst die Frankfurter Polizei nahezu anerkennend mitteilt. Der 56-Jährige scheint der bundesdeutsche Jedermann zu sein, anscheinend angepasst, jovial-freundlich, unaufregend unauffällig - einer, mit dem sich plaudern lässt, einer, der nett grüßt, sagen die Nachbarn.

Doch Thomas Wolf wird gesucht, so intensiv und so lange schon wie kaum ein anderer Krimineller in Deutschland. In Frankfurt beschäftigt sich derzeit eine 80-köpfige Sonderkommission unter Leitung des Kriminaloberrats Matthias Weber ausschließlich mit der Jagd auf den als gefährlich eingestuften Flüchtigen. Die Mission der Fahnder: Fangt den Wolf!

Der gebürtige Düsseldorfer soll am 27. März die Frau eines leitenden Bankangestellten an der Tür ihres Wohnhauses in Wiesbaden entführt und zwei Millionen Euro Lösegeld gefordert haben. Laut Polizei dirigierte Wolf den Mann per Handy an eine Brücke über die Autobahn 66. Dort musste der Bankier die schwarze Tasche mit den 1,8 Millionen Euro ablegen, die er in der Kürze der Zeit hatte aufbringen können.

Wenig später hielt demnach ein silberfarbener Golf (Kennzeichen: HH-FU 7109) unter der Brücke, eine Mann griff sich die Tasche und brauste davon. "Wir haben keinerlei Zweifel, dass es sich dabei um Wolf handelte", sagte Polizeisprecher André Sturmeit SPIEGEL ONLINE. Es gebe zahlreiche Sachbeweise und Zeugenaussagen: "Für uns ist das eine Tatsache." Vor allem aber ist es ein Wendepunkt in Wolfs Leben.

Unerkannt im Westend

Acht Jahre lang hatte der Gesuchte, der 2000 aus einem Gefängnis entkommen war, unerkannt und unbehelligt in einem Mehrfamilienhaus im Frankfurter Westend gelebt. Er bediente sich eines gefälschten niederländischen Passes und gab sich als David van Dijk aus.

Auch seine Lebensgefährtin, angeblich eine Lehrerin, hatte laut Polizei keine Ahnung, wer ihr Partner wirklich war. Der 1,85 Meter große Mann trieb viel Sport, ging regelmäßig schwimmen, stemmte Gewichte und schraubte am Auto seiner Freundin herum, einem weißen Mercedes 200 E. Niemand schöpfte Verdacht.

Nach Angaben der Ermittler hat Wolf, der fließend Englisch und Niederländisch spricht, niemals einen Beruf erlernt und im Gefängnis lediglich einen Hauptschulabschlusskurs absolviert. Seine kriminelle Karriere hingegen begann vergleichsweise früh.

Als Teenager stahl er Fahrräder und klaute in Geschäften, aus einem Landesjugendheim büxte er aus. Nach einer ersten Gefängnisstrafe folgten weitere Diebstähle, aber auch schwerere Delikte wie Körperverletzung und Raub. Wolf musste wieder in Haft, brach aus, es folgte ein Banküberfall und erneut Gefängnis. Zum Jahreswechsel 1999/2000 kehrte Wolf von einem Hafturlaub nicht in die Justizvollzugsanstalt Moers-Kapellen zurück.

Dafür überfiel er im April 2000 eine Bank in Hamburg und erbeutete eine halbe Million Mark. Drei Jahre später soll es dann ein Institut im niederländischen Eindhoven gewesen sein. "Er hat nie besonders viel Wert darauf gelegt, unerkannt zu bleiben", so Polizeisprecher Sturmeit. Wolf sei mit seiner falschen Identität als David van Dijk in Frankfurt "wohl gut zurechtgekommen". Seine Normalität war Tarnung genug.

Flucht auf dem Fahrrad

Und diese Methode scheint immer noch zu funktionieren. Obschon sein Fahndungsbild mittlerweile im ganzen Land verbreitet worden ist und ihn Dutzende Beamte suchen, reist Wolf seit Ende März 2009 munter durch das Bundesgebiet. Nach Erkenntnissen der Frankfurter Sonderkommission "Wolf" war der Gesuchte in Berlin, München und Bremen unterwegs, ehe er am 1. Mai überstürzt sein Auto in einem Waldstück stehen ließ und auf einem Fahrrad ohne Sattel flüchtete. Vermutlich war er von Jägern aufgeschreckt worden.

Der Serientäter hatte zuvor laut Polizei in einem Berliner Parkhaus zwei Kennzeichen-Paare gestohlen. Eines davon (AP-FY 43) war an den in Frankfurt gemieteten silberfarbenen Golf Variant montiert, den Wolf bei Harpstedt im Morast festgefahren hatte. Das andere (M-XA 8036) lag in dem Wagen, mit dem er zuvor rund fünf Wochen lang auf der Flucht war. Darin fanden sich auch noch das Kennzeichen KT-LV 44, das schon im Februar im Raum Würzburg gestohlen worden war.

Mitte April hatte sich Wolf, auf dessen Ergreifung 100.000 Euro Belohnung ausgesetzt sind, dann in München aufgehalten. Die Polizei fand in seinem Auto Belege für einige Einkäufe, unter anderem in einem Supermarkt. In einem dortigen Fachgeschäft kaufte Wolf auch ein dunkelblaues Fahrrad der Marke Winora, mit dem er seit seiner hastigen Flucht in Niedersachsen unterwegs sein könnte.

Nichts zu verlieren

Denkbar ist aber auch, dass er seine Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, einem Taxi oder per Anhalter fortsetzte oder versucht hat, erneut ein Auto zu mieten oder einen Unterschlupf zu finden. In Berlin hatte Wolf bereits am 22. und 23. April eine Wohnung gesucht. Wenige Tage später, es war der 27. April, ging der Gesuchte dann seelenruhig ins Bremer Hallenbad Huchting - zum Schwimmen.

Wolf werde sich nun neue Gebrauchs- und Alltagsgegenstände kaufen müssen, vermuten die Fahnder. Darin sehen sie ihre Chance. Und auch das verschreibungspflichtige Schilddrüsen-Medikament L-Thyroxin, das der Serientäter einnehmen muss, könnte die Beamten auf Wolfs Fährte führen. Hinweise nimmt die Polizei unter der Telefonnummer 0800/110 33 33 entgegen.

Eines aber ist den Polizisten sehr klar: Der Mann, den sie mit großem Aufwand suchen, ist bewaffnet und gefährlich. Und er hat nichts mehr zu verlieren.

Mit Material von dpa



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