Jagdgewehr-Prozess "Sie sind schon gestraft genug"

Er ist schuldig, aber gestraft worden ist er durch das Leben, nicht das Gericht: Das Amtsgericht Neuruppin hat den Fall eines Mannes verhandelt, der sein Jagdgewehr offen herumstehen ließ - und die fahrlässige Tötung seiner Tochter mitverantworten muss.

Von Uta Eisenhardt, Neuruppin


Neuruppin - Den Rettungskräften bot sich ein tragisches Bild, als sie am Nachmittag des 10. Januar 2006 ins Haus der Familie S. ins brandenburgische Linow gerufen wurden. Im Wohnzimmer stand noch der Weihnachtsbaum, an einer Wand lehnte ein großes Repetiergewehr. Am Fenster gegenüber lag ein sechsjähriges Mädchen in einer großen Blutlache. Neben der Sterbenden kniete ihr Großvater. Der alte Mann wurde als einziger von den Beamten, die den Tatort fotografierten, nicht aus dem Zimmer geschickt.

Die kleine Nancy verblutete. Sie starb an einer faustgroßen, kraterförmigen Verletzung des linken Brustkorbes. "Eine Wunde, die mit dem Leben nicht vereinbar ist", sagte die Notärztin heute vor dem Amtsgericht Neuruppin. Dort fand der Prozess gegen den Vater des Mädchens statt: Dem 36-jährigen Dirk S. wurde fahrlässige Tötung durch Unterlassen vorgeworfen. Der schnauzbärtige, untersetzte Wachschützer hatte an jenem Tag seine Waffe unverschlossen im Wohnzimmer stehen lassen. Dann verließ er das Haus mit seiner Frau, seine Töchter Nancy und die damals 14-jährige Franziska blieben allein. Kaum eine Stunde später geschah das Unglück.

Ein Anruf - und ein überstürzter Aufbruch

Das Gericht rekonstruierte die Geschehnisse jenes Dienstags im Januar 2006 wie folgt: Eigentlich wollte der passionierte Jäger an jenem Nachmittag zur Jagd gehen. Wie immer nahm er sein Gewehr aus dem abgeschlossenen Waffenschrank in der Schlafstube im Erdgeschoss des Zweifamilienhaus. Dann ging er mit der Waffe ins Obergeschoss und stellte sie in den Flur. Das patronengefüllte Magazin legte er auf ein Telefonschränkchen.

Weil er bei der Jagd in der Nacht zuvor das Magazin im Hause vergessen hatte und deshalb noch einmal umkehren musste, entschloss er sich, es diesmal gleich in die Waffe zu stecken. Dann brachte er die Waffe ins Wohnzimmer - damit Tochter Nancy nicht an das geladene Gewehr gelangen konnte und zog sich im Hauswirtschaftsraum seine Jagdkleidung an.

Plötzlich rief ihn seine Frau: Sie habe ihren Termin beim Physiotherapeuten vergessen, der sei in einer halben Stunde im Nachbarort anberaumt. Wenn sie den Termin noch schaffen wollten, müssten sie jetzt sofort fahren. Dirk S. und seine Frau fuhren überstürzt los.

Dass er das geladene Gewehr im Wohnzimmer vergessen hatte, viel S. erst wieder ein, als er erfuhr, dass seine Tochter Nancy angeschossen worden war. Doch da war das Wohnhaus der Familie S. von der Polizei bereits zum Tatort erklärt worden.

"Nancy hat geschossen, Nancy, Nancy"

Wie genau es zu dem tödlichen Schuss kam, ist derzeit noch unklar. Anhand der Spuren verdächtigten die Beamten noch am selben Abend die ältere Schwester, die Sechsjährige beim Spielen mit der Waffe erschossen zu haben. Franziska äußerte zwar Schuldgefühle, blieb aber bei ihrer Version: Sie habe in ihrem Zimmer im Erdgeschoss Schularbeiten erledigt, als sie einen Schuss hörte. Dann sei sie hoch ins Wohnzimmer gelaufen, habe dort ihre Schwester und die Waffe gefunden, die sie auch berührt hätte. Anschließend sei sie zu den Großeltern gelaufen, die eine Wohnung im selben Haus bewohnen.

"Nancy hat geschossen, Nancy, Nancy", habe Franziska damals gerufen, berichtete ihr Großvater heute im Gerichtssaal. Außerdem gab der Mann an, Franziska gehört zu haben, wie sie die Treppe zum Wohnzimmer erst herauf und anschließend wieder herunter gepoltert sei. Durch seine Aussage stützte er Franziskas Version des Tathergangs.

Doch im Gerichtssaal ist die Version von der Selbstverletzung des Mädchens, an welche die zahlreich erschienenen Familienangehörigen so gern glauben möchten, kaum haltbar. Die Sechsjährige hätte mit ihren Ärmchen niemals den Abzug der über einen Meter langen Repetierbüchse erreichen können, argumentiert der Rechtsmediziner. Auch der waffentechnische Gutachter schloss sich dieser Sicht an. Seiner Meinung nach muss die ältere Schwester etwa ein, zwei Meter von Nancy entfernt gestanden haben, als sie den tödlichen Schuss abgab. Nur so erklären sich die Spuren an Gardine und Fensterbrett, die auf eine von oben nach unten gerichtete Flugbahn hinweisen.

"Sie standen am Anfang der Kette"

Bei dem tödlichen Spiel habe Franziska ihre jüngere Schwester sicherlich nicht töten wollen, sagte Amtsrichter Frank Jüttner. "Möglicherweise war es ein Necken. Vielleicht wusste Franziska, dass Nancy Angst vor Waffen hatte." Er spricht den Familienvater schuldig im Sinne der Anklage, doch er verhängt keine Strafe. "Sie sind schon gestraft genug, würde der Volksmund sagen", so Jüttner. Der Angeklagte sei jeden Tag mit dem Verlust seiner Tochter konfrontiert. "Wenn mit einer Strafe kein Strafzweck erreicht wird, dann macht die Strafe keinen Sinn. Solch ein Ausnahmefall liegt hier vor."

Doch eines hat der Richter nicht nur dem Angeklagten, sondern der gesamten traumatisierten Familie mit auf den Weg gegeben: "Dem Gericht macht es große Sorge, dass Verdrängung bei Ihnen eine große Rolle spielt." Der Angeklagte habe aber mit seinem Verhalten nicht nur das Leben seiner Tochter Nancy zerstört, sondern auch das der inzwischen 16-jährigen Franziska.

Die steht am nächsten Montag wegen fahrlässiger Tötung ihrer Schwester vor einem Jugendschöffengericht in Neuruppin. Die Jugendliche habe sich die Verantwortung nicht allein aufgebürdet. "Sie standen am Anfang der Kette", mahnte der Richter und fügte hinzu: "Wir könnten uns vorstellen, dass es besser wäre, wenn in der Familie ausgesprochen wird, wie es tatsächlich war."



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