Bericht über Jeffrey Epstein "Er sah zerzaust aus, schlief manchmal auf dem Boden"

Wie verliefen die letzten Tage im Leben des Jeffrey Epstein? Laut "New York Times" setzte er auch im Gefängnis auf die Macht des Geldes - stieß damit aber an Grenzen.

Epstein als Gerichtszeichnung: "Jemand, der unendliche Ressourcen hatte"
Jane Rosenberg/ REUTERS

Epstein als Gerichtszeichnung: "Jemand, der unendliche Ressourcen hatte"


Laut Autopsie erhängte sich Jeffrey Epstein in seiner New Yorker Gefängniszelle - keine zwei Wochen nachdem er aus einer gesonderten Überwachung wegen Suizidgefahr in den normalen Vollzug zurückverlegt worden war. Warum wurde er in seiner Zelle nicht so streng überwacht wie vorgeschrieben? Und wie verhielt sich der Multimillionär im Gefängnis? Diesen Fragen ist die "New York Times" (NYT) in einer Rekonstruktion nachgegangen.

Für den Artikel befragte die Zeitung unter anderem Anwälte und Mitarbeiter des Metropolitan Correctional Center in New York. Das Gefängnis ist berüchtigt für seine schlechten Haftbedingungen. Dem Bericht zufolge nutzte Epstein seinen Wohlstand zunächst aber erfolgreich dazu, sein Leben hinter Gittern möglichst erträglich zu gestalten.

So habe er zahlreiche Anwälte dafür bezahlt, ihn an bis zu zwölf Stunden pro Tag zu besuchen. Auf diese Weise konnte der frühere Investmentbanker seine Zelle verlassen und die Juristen in einem privaten Besprechungszimmer treffen.

Diese Treffen soll Epstein oft schweigend und anscheinend gelangweilt verbracht haben. Er und sein Anhang hätten dabei regelmäßig zwei Waren- und Getränkeautomaten geleert. "Es war Schichtarbeit, komplett entworfen von jemandem, der unendliche Ressourcen hatte, um so viel Komfort wie möglich zu bekommen", zitiert die Zeitung einen Anwalt, der im Gefängnis regelmäßig Klienten besucht.

Epstein, der minderjährige Mädchen sexuell ausgebeutet haben soll, versuchte einem regelmäßigen Besucher des Gefängnisses zufolge auch, sich bei anderen Häftlingen beliebt zu machen und so Attacken auf sich zu vermeiden. So habe der 66-Jährige mindestens drei Insassen Geld auf deren Konten beim Gefängnisladen überweisen lassen - eine Art Schutzgeldzahlung. Männer, die Minderjährige missbrauchen, stehen am unteren Ende der Gefängnishierarchie und werden häufig angegriffen.

Ein Wandgemälde als Mahnung

Epstein war bereits 2005 wegen des Missbrauchs einer 14-Jährigen angeklagt worden. Mit Hilfe von Topanwälten konnte er damals aber eine außergerichtliche Einigung aushandeln und musste letztlich nur 13 Monate hinter Gittern verbringen, während der er sogar in einem Büro arbeiten durfte. Offenbar als Mahnung an die Möglichkeit einer erneuten Verhaftung soll es in Epsteins New Yorker Villa ein Wandgemälde gegeben haben, das ihn selbst als Häftling zeigte, berichtet die "New York Times".

Nach seiner erneuten Inhaftierung hatte Epstein vergeblich versucht, gegen eine hohe Kaution in seine Villa in Manhattan entlassen zu werden, wo er sich auf eigene Kosten unter Hausarrest stellen lassen wollte. Dies wurde jedoch abgelehnt. Fünf Tage später wurde Epstein bewusstlos in seiner Zelle gefunden, mutmaßlich nach einem Suizidversuch. Er wurde vorübergehend unter 24-Stunden-Beobachtung gestellt, die jedoch nach einigen Tagen wieder aufgehoben wurde.

David Schoen, ein Rechtsanwalt der Epsteins Team verstärken sollte, berichtete der "New York Times", er habe den Millionär drei Tage nach dem Ende der Suizid-Überwachung als "sehr, sehr optimistisch" erlebt. In den darauffolgenden Tagen soll sich Epsteins Zustand dann aber sichtlich verschlechtert haben. "Er war der Kommunikation mit Dritten beraubt, sah zerzaust aus, schlief manchmal auf dem Boden.", zitiert die Zeitung einen Anwalt.

Auch am letzten Tag vor seinem Tod traf Epstein sich der "NYT"-Rekonstruktion zufolge bis in den Nachmittag hinein mit Anwälten. In der Nacht hätte seine Zelle eigentlich alle halbe Stunde kontrolliert werden sollen. Die zwei zuständige Wärter sollen aber eingeschlafen sein und später Protokolle gefälscht haben, sie wurden mittlerweile suspendiert.

Dem Bericht zufolge leidet das Gefängnis wie viele Haftanstalten in den USA unter massiver Personalnot, die auch durch einen Sparkurs der Regierung von US-Präsident Donald Trump verursacht wurde. Beide Aufseher für Epstein hätten Überstunden gemacht - einer freiwillig, der andere sei zu einer 16-Stunden-Schicht gezwungen worden. Insgesamt waren in der Nacht von Epsteins Tod laut offiziellen Angaben 18 Gefängnismitarbeiter im Dienst - für die Bewachung von 750 Häftlingen.

dab



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