Skandal um Uni-Zuwendungen von Epstein Peinliche Spenden

Der Fall Jeffrey Epstein zieht weiter Kreise: Jetzt trat ein renommierter Forscher am MIT wegen seiner Kontakte zu dem US-Finanzier zurück. Auch andere Unis schätzten lange das Geld des Sexualstraftäters.

Campus des Massachusetts Institute of Technology: Die Eliteuniversität hatte Epstein eigentlich als Spender disqualifiziert
Charles Krupa/ AP

Campus des Massachusetts Institute of Technology: Die Eliteuniversität hatte Epstein eigentlich als Spender disqualifiziert

Von , New York


Das MIT Media Lab ist eine der renommiertesten Tech- und Forschungsgruppen der Welt. Angesiedelt am Massachusetts Institute of Technology (MIT), rühmt es sich für disruptive Ideen. Sein Motto: "Inventing the Future" - die Zukunft erfinden.

Doch es ist die eigene Vergangenheit, die dem Media Lab nun zu schaffen macht.

Genauer gesagt: seine Verbindungen zum US-Finanzier Jeffrey Epstein. Auch einen Monat nach dessen Tod zieht der Skandal weiter Kreise. Jüngster Fall: Joichi Ito, der bisherige Leiter des Media Labs. Der japanische Forscher trat am Wochenende von allen Ämtern zurück. Er hatte im Namen des MIT Millionenspenden von Epstein angenommen und deren Herkunft vertuscht.

Zurückgetretener MIT-Tech-Guru Joichi Ito
Ruben Sprich/REUTERS

Zurückgetretener MIT-Tech-Guru Joichi Ito

Itos Schicksal ähnelt dem anderer, die über ihre Kontakte zu Epstein stolperten. Donald Trump und Bill Clinton haben sich eiligst von dem einstigen Freund distanziert. Prinz Andrew und Epsteins Ex-Anwalt Alan Dershowitz kämpfen nun ihrerseits gegen Missbrauchsvorwürfe. Arbeitsminister Alex Acosta verlor seinen Job, weil er ins erste Epstein-Verfahren verwickelt war.

Die Verbindung Epsteins zum MIT illustriert aber noch eine andere Dimension des Falls: Epstein suchte die Nähe von Wissenschaftlern und Akademikern, die aus Geldgier über seine Biografie hinwegsahen - und ihn damit in seinem kriminellen Narzissmus unterstützten.

Der gut vernetzte Multimillionär war 2008 als Sexualstraftäter mit einer milden Strafe davongekommen. Im Juli klagte ihn die US-Staatsanwaltschaft erneut an, Dutzende minderjährige Mädchen missbraucht zu haben. Anfang August wurde er tot in seiner U-Haft-Zelle aufgefunden. Obduktionsbefund: Suizid.

Doch wer wusste von - und duldete - Epsteins Machenschaften? Wie groß war das von seinen Millionen gesponnene Netzwerk wirklich?

Epstein fand zum MIT, der weltberühmten Forschungsuni bei Boston, als einer von vielen Großspender, mit denen sich solche US-Institutionen finanzieren. Im August erklärte MIT-Präsident Rafael Reif "voller Scham und Schmerz", die Universität habe in 20 Jahren rund 800.000 Dollar von Epstein erhalten und damit unwissentlich von seinen "horrenden" Taten abgelenkt: "Keine Entschuldigung kann das wiedergutmachen."

Es war ein Fingerzeig. Zuvor hatte sich Media-Lab-Chef Ito, ein hoch angesehener Tech-Guru, für seine Epstein-Kontakte entschuldigt. Epstein habe 250.000 Dollar ans Media Lab gespendet und weitere 1,2 Millionen Dollar für Start-up-Investmentfonds. Auch habe er, Ito, Epstein mehrmals privat besucht, ohne aber etwas von den "schrecklichen Taten" bemerkt zu haben. Es sei "eine Fehleinschätzung" gewesen.

Das Magazin "New Yorker" enthüllte am Freitag freilich, dass Itos Verantwortung viel weiter ging. Demnach war Epstein seit 2008 in der MIT-Datenbank als "disqualifiziert" markiert. Trotzdem habe Ito ihn gedrängt, weiter zu spenden und 7,5 Milionen Dollar von anderen wie Bill Gates zu arrangieren. Auch habe Epstein das Media Lab 2015 besucht.

Ito und andere hätten Epsteins Namen dabei geheim gehalten, hieß es in dem Bericht des Investigativreporters Ronan Farrow. Die frühere Media-Lab-Mitarbeiterin Signe Swenson sagte am Sonntag im TV-Sender CNN, sie habe vergeblich gegen Epsteins Rolle protestiert und schließlich frustriert gekündigt.

Nur wenige Stunden nach den Enthüllungen trat Ito zurück. Zugleich legte er seine Ehrenämter bei zwei Stiftungen und im Aufsichtsrat der "New York Times" nieder.

Das MIT ist nicht die einzige akademische Institution, die mit Epstein Beziehungen pflegte. Epstein und der Unternehmer Leslie Wexner, dessen Vermögen er managte, finanzierten 1990 einen Neubau für das jüdische Zentrum der Eliteuni Harvard unweit des MIT. Eine Tafel im Foyer erinnerte lange an die Spender, bis sie der Unizeitung "Harvard Crimson" zufolge 2018 entfernt wurde. Harvard bestätigte auch, dass Epstein 6,5 Millionen Dollar für ein Forschungsprogramm gespendet habe. Das Geld sei längst ausgegeben.

Campus der Harvard University
Getty Images

Campus der Harvard University

Solche Konflikte sind in der privat finanzierten US-Forschung weder neu noch selten. "Seit wir Geld haben", sagte der Fundraising-Direktor Bill Stanczykiewicz von der Indiana University der "Washington Post", "haben wir schmutziges Geld."

Epstein, der selbst keinen Studienabschluss hatte, nutzte dieses System aus, um sich als Philanthrop zu profilieren - und seine Taten zu vertuschen. "Er gab viel Geld für die Forschung", sagte sein Ex-Anwalt Dershowitz, der an der Harvard-Universität Jura lehrte, dem SPIEGEL. Epstein habe oft zu "Seminaren" und Dinnerpartys mit prominenten Denkern geladen. "Er versammelte all diese genialen Menschen um sich."

Vereint in Forschung und Schmeichelei: Uni-Mäzen Jeffrey Epstein (l.) und Harvard-Professor Alan Dershowitz
Rick Friedman/ Corbis/ Getty Images

Vereint in Forschung und Schmeichelei: Uni-Mäzen Jeffrey Epstein (l.) und Harvard-Professor Alan Dershowitz

Manche waren Verfechter obskurer Theorien wie Kryonik (die Konservierung von Organen zur Wiederbelebung), Eugenik (eine kontroverse Rassenlehre) und Transhumanismus (die Fusion von Mensch, Technologie und Genetik). Alle diese Konzepte hatten eines gemeinsam - die Schaffung einer neuen Menschenform. So hatte Epstein nach US-Medienberichten den bizarren Traum, auf seiner Ranch in New Mexico Dutzende Frauen zu schwängern, um seine DNA in der Welt zu verbreiten und die Menschheit "zu verbessern".

Die Schnittstelle von Technologie und Mensch gehört auch zu den Forschungsbereichen des MIT Media Lab. Der wurde finanziert von Firmensponsoren wie Exxon Mobil, Citigroup, PepsiCo, GlaxoSmithKline - und Jeffrey Epsteins Millionen.

insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
OhMyGosh 09.09.2019
1.
Der gut vernetzte Multimillionär war 2008 als Sexualstraftäter mit einer milden Strafe davongekommen. Das Geld aus seiner üppig gefüllten Schatulle floss weiter in die Hochschulen. Wie sagte doch ein römischer Kaiser pointiert: Pecunia non olet. Doch, bester Vespasian, Geld kann sehr wohl stinken. Nicht in deinem Falle, du hattest eine Latrinensteuer erhoben. Aber Epstein missbrauchte und reichte minderjährige Mädchen an Freunde weiter. Und das stinkt gewaltig. Zum Himmel. Ebenso tut dies die unsägliche Ignoranz der Gesponserten.
Lerggenthal 09.09.2019
2. Was hülfe es?
Was hülfe es, wäre das Epsteingeld nicht in die Uni geflossen? Die Uni hätte irgend etwas wohl Sinnvolles nicht tun können. Epstein hat keinen anderen Nutzen aus den Spenden gezogen - er verkauft kein Epstein-Shampoo - als evtl. die Befriedigung seiner Eitelkeit. Wenn ich mit dem Geld eines Drogenhändlers ein Krankenhaus baue, habe ich mit dem auf illegale Weise verdienten Geld etwas Gutes getan. Schlecht wäre es, baute ich mit Philip-Morris-Geld ein Philip-Morris-Hospital, was Philip Morris für seine Reihwaschung nutzen könnte. Das unsägliche Gewäsch und die Rücktritte sind unnötig.
Newspeak 09.09.2019
3. ....
Seien wir doch ehrlich. Geld von Superreichen ist zu 80% schmutzig. Entweder, man nimmt es nicht, oder man steht dazu, alles andere ist doch nur Heuchelei.
krokodilklemme 09.09.2019
4. Ich bezweifle, dass es so einfach ist
"Epstein, der selbst keinen Studienabschluss hatte, nutzte dieses System aus, um sich als Philanthrop zu profilieren - und seine Taten zu vertuschen". Mit dem Geld konnte er sich (vieleicht) ein besseres Image kaufen, aber keine Taten vertuschen. Dazu hätte er gegenüber Polizei, Richtern und Staatsanwälten als "Sponsor" auftreten müssen, nicht bei Universitäten. Richtig aber, dass einzelne noch ihre Verantwortung sehen an den Unis.
georg.groeg 09.09.2019
5. Macht, Geld, Sex - missbrauch, Gewalt, Vergewaltigung
Zitat von LerggenthalWas hülfe es, wäre das Epsteingeld nicht in die Uni geflossen? Die Uni hätte irgend etwas wohl Sinnvolles nicht tun können. Epstein hat keinen anderen Nutzen aus den Spenden gezogen - er verkauft kein Epstein-Shampoo - als evtl. die Befriedigung seiner Eitelkeit. Wenn ich mit dem Geld eines Drogenhändlers ein Krankenhaus baue, habe ich mit dem auf illegale Weise verdienten Geld etwas Gutes getan. Schlecht wäre es, baute ich mit Philip-Morris-Geld ein Philip-Morris-Hospital, was Philip Morris für seine Reihwaschung nutzen könnte. Das unsägliche Gewäsch und die Rücktritte sind unnötig.
Immer wieder die selbe alte Geschichte in immer neuen Variationen. Trotzdem ist es kein Gewäsch und Rücktritte sind absolut notwendig. Alles andere wäre eine Kapitulation und Verrat an an den Gedanken von Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung. Wer die Missetaten verniedlicht und verharmlost, der macht sich mitschuldig und ermutigt zum Weitermachen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.