Promi-Finanzberater Jeffrey Epstein Tod eines Insassen

Der angeklagte US-Finanzberater Jeffrey Epstein wurde tot im Gefängnis aufgefunden. Schon kursieren zu dem Fall Verschwörungstheorien - es geht um Epstein und die Geheimnisse prominenter Freunde.

Jeffrey Epstein bei einer Anhörung vor Gericht: Sein Tod "wirft ernste Fragen auf, die beantwortet werden müssen"
Jane Rosenberg/ REUTERS

Jeffrey Epstein bei einer Anhörung vor Gericht: Sein Tod "wirft ernste Fragen auf, die beantwortet werden müssen"

Von , New York


Die offizielle Erklärung war äußerst knapp. Unter der Überschrift "Tod eines Insassen" folgten ein paar dürre Sätze: Ein New Yorker Häftling namens Jeffrey Epstein sei gegen 6.30 Uhr früh leblos in seiner Zelle aufgefunden, ins Krankenhaus gebracht und dort für tot erklärt worden. "Das FBI ermittelt."

Mit diesem Statement der Gefängnisaufsicht wurde der Fall Epstein wohl noch undurchsichtiger: Epstein - ein vorbestrafter Ex-Finanzier, der mit Prominenten und Präsidenten verkehrte - starb am Samstag hinter Gittern, während er auf seinen Sensationsprozess wegen Sexhandels und sexuellen Missbrauchs minderjähriger Mädchen wartete. Dem 66-Jährigen drohten 45 Jahre Haft. Zu diesem Prozess wird es nun nicht mehr kommen, das steht fest. Alles andere scheint ungewiss.

Das Leben des hochkarätigsten Untersuchungshäftlings Amerikas endete nach Angaben von US-Justizminister Bill Barr offenbar durch Suizid im Metropolitan Correctional Center (MCC), einem berüchtigten Gefängnis in Lower Manhattan. Barr, der sich entsetzt zeigte, kündigte eine Untersuchung an. Epsteins Tod "wirft ernste Fragen auf, die beantwortet werden müssen". Der erste Notruf hatte die Feuerwehr um 6.39 Uhr erreicht.

Beobachtung Epsteins wegen Suizidgefahr Ende Juli eingestellt

Epstein war in einem MCC-Spezialflügel für namhafte und besonders gefährdete Angeklagte untergebracht gewesen. Hier hatte zuletzt auch der Kartellboss Joaquín Guzmán ("El Chapo") gesessen. Guzmán und andere Häftlinge hatten dort horrende Zustände beklagt, die "schlimmer als in Guantanamo" seien.

Nach einem ersten mutmaßlichen Suizidversuch vor drei Wochen war Epstein rund um die Uhr unter Beobachtung gestellt worden. Diese Kontrolle sei jedoch am 29. Juli beendet worden, meldeten mehrere US-Medien. Warum, blieb unklar. Die Nachrichtenagentur AP berichtete, diese Entscheidung sei nur möglich, wenn die Gefängnischefin und der leitende Psychologe der Einrichtung zustimmen.

Auch deshalb gibt es Zweifel an der amtlichen Darstellung. Epsteins Verbindungen waren so weitreichend und die Umstände seines Todes wirken so rätselhaft, dass sofort wilde Spekulationen kursierten, angefacht von Linken, Rechten - und vom Mann mit dem lautesten Megafon, Präsident Donald Trump: Der gab per Retweet einer Verschwörungstheorie Auftrieb, Epstein sei ermordet worden - im Auftrag der Clintons, über die Epstein zu viel gewusst habe.

Little St. James Island in der Karibik: Epsteins Privatinsel
Marco Bello/ REUTERS

Little St. James Island in der Karibik: Epsteins Privatinsel

Trump und Bill Clinton gehörten früher zum Kreis um Epstein. Er bewirtete seine Gäste in Villen in New York, Florida und der Karibik sowie an Bord seiner Privatjets, von denen einer inoffiziell "Lolita Express" genannt wurde.

Die New Yorker Justiz hatte Epstein im Juli wegen sexuellen Missbrauchs Dutzender teils 14-jähriger Mädchen angeklagt. Ähnliche Vorwürfe hatten Epstein bereits 2008 ins Gefängnis gebracht, er musste aber nur knapp ein Jahr Haft absitzen.

Ermittler gehen von Komplizen und Mitwissern aus

Der damalige US-Staatsanwalt Alexander Acosta begründete das mit dem Druck höherer Stellen, für die Epstein wichtig gewesen sei. Acosta stieg später unter Trump zum US-Arbeitsminister auf, stürzte dann aber über seine Verwicklung in die Affäre.

Mit Epsteins Tod platzt der Prozess, doch nicht der gesamte Fall. In der Anklage spricht die Justiz von ungenannten Komplizen und Mitwissern Epsteins. Staatsanwalt Geoffrey Berman erklärte noch am Samstag, dass die Ermittlungen andauerten, was den Straftatbestand der Verschwörung angehe. Epsteins mutmaßlicher Suizid sei "verstörend", doch man werde weiter dafür sorgen, dass seinen Opfern Gerechtigkeit zuteilwerde.

Krankenhaus in Manhattan: Hier wurde Epstein für tot erklärt
Jeenah Moon/REUTERS

Krankenhaus in Manhattan: Hier wurde Epstein für tot erklärt

Auch die Staranwältin Lisa Bloom, die mehrere mutmaßliche Epstein-Opfer vertritt, kündigte an, dass die Zivilklagen auf Wiedergutmachung weitergehen würden - nur jetzt gegen Epsteins Nachlassverwalter: "Wir fangen gerade erst an."

Am Freitag - nicht mal 24 Stunden vor Epsteins Tod - hatte ein Gericht Dokumente publik gemacht, die Epstein und mehrere Prominente belasteten. Darin behauptete eine Frau, Epstein habe sie als Minderjährige zum Geschlechtsverkehr mit seinen Freunden gezwungen. Ähnlich hatte dieselbe Frau zuvor schon Bill Clinton, den britischen Prinz Andrew und den Anwalt Alan Dershowitz beschuldigt. Alle haben die Vorwürfe abgestritten.

"Wir brauchen Antworten"

Auch Trump war gut mit Epstein befreundet, in Epsteins Adressbuch fanden sich einst 14 Telefonnummern Trumps. Ihre Beziehung zerbrach aber nach Angaben der "Washington Post" 2004 wegen eines Immobiliendeals: Trump schnappte Epstein eine Villa in Florida vor der Nase weg und verkaufte diese später mit großem Gewinn an einen russischen Geschäftsmann weiter.

"Ich war kein Fan von ihm, das kann ich Ihnen sagen", sagte Trump am Tag nach Epsteins Festnahme vor Journalisten. Nun fachte Trump Gerüchte über ein mutmaßliches Mordkomplott an. Der Präsident, der zu einem zehntätigen "Arbeitsurlaub" in New Jersey weilt, empfahl seinen 63 Millionen Twitter-Fans die Behauptung eines Kommentators, Epsteins Suizid sei fraglich: "Epstein hatte Informationen über Bill Clinton", hatte der geschrieben. "Und jetzt ist er tot." Lynne Patton, eine langjährige Trump-Vertraute, verbreitete ähnliche Verschwörungstheorien gegen die Clintons über Instagram.

Aber nicht nur Konservative versuchten, aus Epsteins Tod Kapital zu schlagen. "Wir brauchen Antworten", schrieb die demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez.



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