Fall Jeffrey Epstein Obduktion in der Gerüchteküche

Die Todesumstände des Ex-Finanziers Jeffrey Epstein bleiben weiter ungeklärt. Verschwörungstheorien machen die Runde - angefacht von Präsident Donald Trump, aber auch von seriösen Medien.

Donald Trump, heutige Ehefrau Melania, Jeffrey Epstein und dessen Vertraute Ghislaine Maxwell in Mar-a-Lago, Florida, im Februar 2000
Davidoff Studios/ Getty Images

Donald Trump, heutige Ehefrau Melania, Jeffrey Epstein und dessen Vertraute Ghislaine Maxwell in Mar-a-Lago, Florida, im Februar 2000

Von , New York


Dr. Michael Baden kennt sich aus mit prominenten Leichen. Im Lauf seiner langen Karriere hat der US-Gerichtsmediziner die Attentate auf John F. Kennedy und Martin Luther King untersucht, im Mordprozess gegen O.J. Simpson ausgesagt und die sterblichen Überreste des NS-Kriegsverbrechers Josef Mengele mit identifiziert.

Jetzt ist der 85-Jährige erneut mit einem Todesfall beschäftigt, um den sich wilde Spekulationen ranken - Jeffrey Epstein.

Der Ex-Finanzier, angeklagt wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger, war am Samstag tot in seiner New Yorker Gefängniszelle aufgefunden worden. Die Justiz geht von Suizid aus, doch die offizielle Todesursache stand auch in der Nacht zum Mittwoch weiter aus - was nun die abenteuerlichsten Verschwörungstheorien anheizt.

Michael Baden habe als Vertreter der Verteidigung an Epsteins Obduktion teilgenommen, bestätigte die New Yorker Chef-Gerichtsmedizinerin Barbara Sampson, die die Prozedur am Sonntag vornahm. So etwas, versicherte sie, sei "Routine".

Im Tod noch mysteriöser als im Leben: Haftfoto des Ex-Finanziers Jeffrey Epstein
Justice Services/Handout/File Photo/ REUTERS

Im Tod noch mysteriöser als im Leben: Haftfoto des Ex-Finanziers Jeffrey Epstein

Doch nichts an diesem Fall ist Routine. Schon vor Epsteins Tod kursierten Gerüchte über den geheimnisumwobenen Finanzmanager, der mit Politikern und Prominenten verkehrte, etwa Donald Trump, Bill Clinton und Prinz Andrew. Wer wusste was von Epsteins üblen Machenschaften? Was wusste der im Gegenzug über die Geheimnisse seiner Freunde? Und woher kam sein Geld wirklich?

Alle Genannten haben eine Verwicklung in Epsteins Geschäfte vehement dementiert. Doch je länger sein Tod zurückliegt, desto wilder werden die Gerüchte.

Halbgares Hörensagen

Kein Wunder. Die Ermittlungen gegen Epstein sind zwar vorbei, die gegen mutmaßliche Komplizen aber nicht, allen voran seine untergetauchte Ex-Vertraute Ghislaine Maxwell. Auch die Todesumstände Epsteins - in einer Zelle, die hätte bewacht werden sollen - bleiben ungeklärt. Am Dienstag wurde der Gefängnisdirektor versetzt; zwei Wärter, die nach Informationen der "New York Times" eingeschlafen waren und dann Protokolle gefälscht hatten, wurden suspendiert.

Das Metropolitan Correctional Center in Manhattan, wo Epstein starb
Jeenah Moon / REUTERS

Das Metropolitan Correctional Center in Manhattan, wo Epstein starb

In einem Land, in dem paranoide Verschwörungstheorien Tradition haben, vom Kennedy-Attentat über angeblich in der Wüste gecrashte und vom Militär versteckte Ufos bis hin zu den US-Wahlen 2016, fällt das Epstein-Mysterium auf fruchtbaren Boden. Das Gerede begann schon am Wochenende.

Multipliziert wurde es binnen Minuten über Twitter, wo Zweifler sofort Mord witterten - wahlweise im Auftrag Trumps, Clintons oder anderer Verdächtiger. Eine weitere Fraktion glaubt, Epsteins Tod sei mit einem Double vorgetäuscht worden und er in Wahrheit im Zeugenschutz. Das halbgare Hörensagen wird von den Medien überhöht und verhärtet die politischen Fronten - zu Lasten der Dutzenden Opfer, von denen schon jetzt kaum eine mehr spricht.

Amerikas oberster Verschwörungstheoretiker: Präsident Donald Trump
SHAWN THEW/EPA-EFE/REX

Amerikas oberster Verschwörungstheoretiker: Präsident Donald Trump

Angefacht wird dieses Feuer von niemand Geringerem als Trump selbst. Der gab als einer der Ersten der These vom Mord im Namen Clintons Auftrieb - und legte am Dienstag nach: Clinton sei ja ein "sehr guter Freund" Epsteins gewesen - man frage sich, ob er auch Epsteins berüchtigte Privatinsel besucht habe. Epsteins Karibikvilla, die am Montag vom FBI durchsucht wurde, war der Anklage zufolge ein Tatort der inkriminierten Sexualverbrechen.

Kritiker monieren, dass Trump das Megafon seines Amts missbrauche, um falsche Anschuldigungen zu lancieren. Zumal auch er mit Epstein befreundet war - lange vor Clinton - und seinerseits von etlichen Frauen des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurde.

Doch "der eigennützige Fabulist" Trump hat nach Zählung der "Washington Post" als Präsident schon mehr als 12.000 Lügen verbreitet, um Gegner zu diffamieren, seine Basis anzuheizen oder einfach das Thema zu wechseln - darunter die abstrusesten Verschwörungstheorien. Musterbeispiel: Die infame Behauptung, Vorgänger Barack Obama sei gar kein US-Staatsbürger.

Epsteins Privatinsel in der Karibik: Was geschah auf Little St. James Island?
Marco Bello/ REUTERS

Epsteins Privatinsel in der Karibik: Was geschah auf Little St. James Island?

Trump und seine Anhänger sind diesmal freilich nicht die einzigen, die die amtliche Version in Frage stellen. Auch am anderen Ende des Parteienspektrums gibt es Spekulationen.

New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio, ein Demokrat, nannte die Suizid-Begründung in einem Interview "allzu bequem": Epstein habe Informationen "über einige der reichsten und mächtigsten Menschen im Land" gehabt. Der renommierte Journalist James Stewart enthüllte in der "New York Times", Epstein habe letztes Jahr ihm gegenüber geprahlt, "schädliche oder peinliche" Geheimnisse vieler "mächtiger Leute" zu kennen - etwa "sexuelle Vorlieben und Drogenkonsum". Diese Leute könnten nun "aufatmen", dass er sein Wissen mit ins Grab genommen habe.

Epsteins Tod ist der ultimative Ausdruck des heute gängigen Gebräus aus Realität, Fiktion und Propaganda. Er verbindet die Reizthemen der Trump-Ära: Sex, Korruption, undurchsichtige Finanzen, die Untaten einer reichen "Elite". Der Medienforscher Justin Hendrix nennt den Fall Epstein die "Weltmeisterschaft der Desinformation".

Spurlos verschwunden: Epsteins Vertraute und mutmaßliche Komplizin Ghislaine Maxwell
Patrick McMullan/ Getty Images

Spurlos verschwunden: Epsteins Vertraute und mutmaßliche Komplizin Ghislaine Maxwell

Die Wahrheit könnte profaner sein. Suizide sind in US-Gefängnissen in schockierender Weise an der Tagesordnung: 2014 starben nach Angaben des Justizministeriums 372 Häftlinge durch eigene Hand. Das Metropolitan Correctional Center (MCC), in dem Epstein inhaftiert war, gilt als besonders berüchtigt. Andere hochkarätige Gefangene wie Drogenboss Joaquin Guzmán ("El Chapo"), Milliardenbetrüger Bernie Madoff und mehrere Qaida-Terroristen saßen hier ein.

So bleibt unklar, warum Epstein trotz eines offenbaren früheren Suizidversuchs unbewacht war. Am Morgen seines Todes sei von seiner Zelle aus "Rufen und Kreischen" zu hören gewesen, meldete das TV-Network CBS am Dienstag. Vollzugsbeamte hätten versucht, ihn wiederzubeleben: "Atmen, Epstein, atmen."

Auch das Urteil der Gerichtsmedinizer dürfte das Rätselraten kaum beenden. Das weiß VIP-Leichenbeschauer Baden aus eigener Erfahrung: "Selbst wenn eine Autopsie beendet ist", schrieb er 1989 in seinen Memoiren, "hören die Spekulationen nicht auf."

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