Angebliches Geständnis eines Kindermörders Protokoll des Grauens

Ibrahim B. wird verdächtigt, zwei Kinder getötet zu haben. Angeblich legte der mutmaßliche Mörder im Gefängnis sogar Geständnisse ab, die Mithäftlinge niederschrieben. Sind die Protokolle der Taten echt?
Fundort von Leichenteilen bei Wunstorf: DNA-Analyse wird Gewissheit bringen

Fundort von Leichenteilen bei Wunstorf: DNA-Analyse wird Gewissheit bringen

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Hannover - Jenisa verließ die Wohnung ihrer Eltern in Hannover-Linden, sie wollte ihre Tante besuchen, der Weg war nicht weit: Die Tante wohnte im Ihme-Zentrum, einem grauen Koloss im Herzen der Landeshauptstadt. Zum Treffen kam es jedoch nicht an jenem 7. September 2007. Jenisa, damals acht Jahre alt, verschwand. Der Fall war seither ein einziges Rätsel.

Doch nun scheint sich einiges aufzuklären - was für die Angehörigen jedoch bedeutet, dass ihre zarte Hoffnung nun schmerzlicher Gewissheit weichen muss. Sieben Jahre nach Jenisas Verschwinden haben Kriminaltechniker der Polizei in einem Waldstück an der Kreisstraße in Wunstorf bei Hannover hinter hohem Gestrüpp menschliche Knochen gefunden. Die Ermittler gehen davon aus, dass sie von Jenisa stammen, eine DNA-Analyse soll möglichst schnell Gewissheit bringen. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft ist bereits sicher, dass es sich um die Knochen eines Kindes handelt.

Den Fundort hatten Mithäftlinge des Mannes benannt, der schon kurz nach Jenisas Verschwinden in das Visier der Kriminalisten geraten war: Ibrahim B., heute 43 Jahre alt, der damalige Lebensgefährte von Jenisas Tante. Doch obschon er mehr als einen Monat lang in Untersuchungshaft saß, konnten die Beamten ihm am Ende die Tat nicht nachweisen. Er kam auf freien Fuß. Und tötete wohl noch ein Kind.

"Ich wollte, dass sie bis zum Lebensende leiden"

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hat B. inzwischen wegen Mordes an dem fünfjährigen Dano angeklagt. Der Junge war Mitte März 2014 verschwunden, drei Wochen später fanden Kriminaltechniker seine Leiche. Nach Erkenntnissen der Ermittler war das Kind geschlagen, missbraucht und anschließend erdrosselt worden. Ibrahim B., der zuvor neben der Familie des Jungen im ostwestfälischen Herford gelebt hatte, räumte die Tat in seiner Vernehmung ein. Am 1. Oktober soll in Bielefeld der Prozess gegen ihn beginnen.

Ungewöhnlich indes ist, wie nun zugleich der Vermisstenfall Jenisa aufgeklärt worden sein könnte. Einem Bericht der "Bild"-Zeitung  zufolge unterzogen zwei andere Häftlinge den mutmaßlichen Kindesmörder Ibrahim B. in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld einer Art Verhör. Der Anwalt des Diebes Mohammed K., 33, und des Räubers Manfred H., 49, bestätigte die Darstellung des Blattes auf Anfrage.

Demnach fertigten die Laienermittler sogar ein neunseitiges Protokoll an, das B. schließlich unterschrieben haben soll. Darin benannte Ibrahim B. wohl nicht nur den Ort, an dem er Jenisas Leiche abgelegt hatte, sondern offenbarte angeblich auch ein Motiv für seine Tat. Er habe sich an Jenisas Familie rächen wollen, die Jenisas Tante, seine damalige Lebensgefährtin, gegen ihn aufgehetzt hätte. "Ich wollte, dass sie bis zum Lebensende leiden", bekannte B. offenbar gegenüber seinen Mitgefangenen. Daher habe das Mädchen sterben müssen, denn der Tod eines Kindes bereite "unendlichen Schmerz".

Zweites Protokoll enthält weiteren Missbrauch

"Es handelt sich nicht um ein echtes Geständnis", sagt hingegen die Verteidigerin von Ibrahim B., die Bielefelder Rechtsanwältin Christina Peterhanwahr. Vielmehr müsse nun genau geprüft werden, unter welchen Umständen dieses handschriftliche Dokument entstanden sei und ob ihr Mandant es tatsächlich unterschrieben habe. "Was man davon zu halten hat, wird sich herausstellen", so Peterhanwahr.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen existiert noch ein zweites Protokoll, das wesentlich umfangreicher und detaillierter ist. In dem Schriftstück soll Ibrahim B. zudem bekennen, sich an einem weiteren Kind vergangen, dieses aber nicht getötet zu haben.

Bislang ist unklar, ob B. sich auch den Ermittlern gegenüber einlassen wird. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hannover, Kathrin Söfker, sagt, die Verteidigung könne noch zu den Hinweisen der Mithäftlinge Stellung nehmen. Deren Aussage über das angebliche Geständnis des Mannes hat jedoch nach dem Fund der Leichenteile ein ganz anderes Gewicht bekommen.

Ibrahim B. hatte sich bereits bei seiner Befragung 2007 in Widersprüche verstrickt. So gab er ein Alibi an, das sich nicht bestätigte. Zudem hatte ihn am Tattag ein Zeuge in der Nähe der Autobahnauffahrt gesehen, an der Kleidung des Mädchens abgelegt worden war. Darüber hinaus machte B. bei der Polizei falsche Angaben zu seinem Auto.

Gleichwohl verliefen die Ermittlungen gegen ihn schließlich im Sande. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft konnte bei der kriminaltechnischen Untersuchung unter anderem im Wagen lediglich eine einzelne Körperschuppe von Jenisa gefunden werden. Auch in der Wohnung und an der sichergestellten Kleidung des Mädchens sei das Spurenaufkommen von B. gering gewesen.

Eine Anklage wegen Kindesentziehung lehnte das Landgericht Hannover 2010 ab. Nun stehen Ibrahim B. möglicherweise zwei Mordprozesse bevor.

Mit Material von dpa