Mutmaßliche IS-Frau Jennifer W. Schlimmer als die anderen furchtbaren Geschichten

Jennifer W. soll dem IS angehören - und Mitschuld tragen, dass eine Fünfjährige im Irak in der Sonne verdurstete. Die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation erinnert sich an die Mutter der Kleinen.

Die Angeklagte Jennifer W., versteckt hinter einem Aktendeckel (Archivfoto)
Peter Kneffel/ DPA

Die Angeklagte Jennifer W., versteckt hinter einem Aktendeckel (Archivfoto)

Von Wiebke Ramm, München


Jennifer W. wirkt unbeteiligt. So als hätte all das nichts mit ihr zu tun, was die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation an diesem Tag vor dem Oberlandesgericht München berichtet. Die Angeklagte hält ihren Kopf leicht zur Seite geneigt und hört konzentriert zu, wie die Dolmetscherin die Worte der Zeugin vom Arabischen ins Deutsche übersetzt. Jennifer W. kann auch ein wenig Arabisch. Vielleicht versteht sie sogar ohne Übersetzung, was die Frau über ihre Begegnung mit Nora T. erzählt.

Nora T. ist die Mutter des fünf Jahre alten Mädchens Reda, für dessen Tod Jennifer W. mitverantwortlich sein soll. Die 28-jährige aus dem niedersächsischen Lohne soll im Sommer 2015 im irakischen Falludscha zugelassen haben, dass das Kind, angekettet in der Sonne, verdurstete.

Jennifer W. ist unter anderem wegen Mordes durch Unterlassen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und IS-Mitgliedschaft angeklagt. Anfang 2016 kehrte Jennifer W. vom sogenannten Islamischen Staat zurück nach Deutschland. Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft ist sie noch heute Anhängerin der Terrororganisation.

"Sie hat alles erzählt. Ich habe alles aufgeschrieben"

Die Zeugin an diesem Tag ist eine Mitarbeiterin der jesidischen Hilfsorganisation Yazda. Ende August 2017 habe sie in einem Flüchtlingslager im Irak mit der Mutter Nora T. gesprochen. Diese sei dort drei Tage zuvor angekommen. "Sie hat alles erzählt. Ich habe alles aufgeschrieben", sagt die Zeugin. Das Gespräch habe etwa eineinhalb Stunden gedauert.

Die Yazda-Mitarbeiterin sagt, sie habe bestimmt Hunderte Jesidinnen über ihr Leid in IS-Gefangenschaft befragt. Viele Frauen hätten von Folterungen, von Versklavung durch IS-Terroristen erzählt, nahezu alle von Vergewaltigungen. Und trotzdem sagt die Yazda-Mitarbeiterin: "Die Geschichte von Nora war ein sehr, sehr schlimmer Fall, den ich nicht vergessen konnte."

Nora T. habe ihr erzählt, dass sie und ihre Tochter in Falludscha als Sklavinnen gehalten wurden. Von einem Iraker und seiner deutschen Ehefrau. Das fünfjährige Kind sei eines Tages etwa eineinhalb Stunden lang der Sonne ausgesetzt gewesen, es sei gefesselt worden, sodass es sich nicht bewegen konnte. "Und dann ist sie gestorben." Die Zeugin wiederholt, dass sie viele furchtbare Geschichten gehört habe, "aber das war der einzige Fall, in dem ein Kind so getötet wurde".

In benachbarten Dörfern aufgewachsen

Die Zeugin kannte Nora T. von früher. Sie seien in benachbarten Dörfern aufgewachsen, beide seien Kurdinnen jesidischen Glaubens. Eines Tages sei Nora T. verschwunden gewesen. Es mögen vielleicht fünf Jahre vergangen sein, bis sie Nora T. dann im Flüchtlingslager wiedergesehen habe. "Sie war anders. Auf einmal hatte sie graue Haare. An ihrem Gesicht konnte man die Erschöpfung und die Müdigkeit erkennen."

Was Nora T. der Yazda-Mitarbeiterin im Detail gesagt hat, wollen die Richter an diesem Tag nicht hören. Sie wollen Nora T. selbst dazu befragen. Am 4. und 5. Juli soll die Mutter als Zeugin aussagen. Nora T. ist Nebenklägerin im Prozess gegen Jennifer W. Der Hauptverhandlung ist sie bisher ferngeblieben. Vor Gericht wird sie von der Berliner Anwältin Natalie von Wistinghausen vertreten.

Anwältin von Wistinghausen fragt die Zeugin, welche Erkenntnisse die Yazda-Mitarbeiter über die Situation der jesidischen Minderheit im Irak haben. Die Zeugin sagt, seit 2014 seien mehr als 6000 Frauen entführt worden. Mehr als 3000 Frauen seien verschwunden. "Niemand weiß, ob sie noch am Leben sind." Sie sagt auch: "Denen, die gerettet wurden oder die fliehen konnten, geht es sehr schlecht, sie sind psychisch am Ende."

Jesiden seien für den IS Ungläubige, "Frauen und Kinder sind eine Art Beute für sie". Jesidische Frauen würden auf Sklavenmärkten unter muslimischen Männern wie Waren gehandelt. "Ein Mensch wird verkauft, und der Mann darf dann alles machen mit dieser Frau."

"Wurde Nora T. auch verkauft?", fragt Anwältin von Wistinghausen. Die Verteidigung von Jennifer W. interveniert. "Das hätten wir ganz gerne von Frau T. selber gehört", sagt auch der Vorsitzende Richter.

Die Zeugin sagt, sie habe über die sozialen Medien erfahren, dass in Deutschland eine Frau wegen Tötung eines fünfjährigen Mädchens in Falludscha angeklagt werde. Sie habe sofort gedacht: "Das ist dieses Mädchen."

Die Angeklagte hat die Behörden selbst auf den Fall gebracht

Verteidigerin Seda Basay sucht nach Widersprüchen in der Aussage der Yazda-Mitarbeiterin, sie spricht vom "mutmaßlichen Kind" von Nora T. und fragt, wie viele Kinder sie denn insgesamt habe. Drei, sagt die Zeugin: das getötete Mädchen, einen Sohn, der vermisst werde, und einen weiteren Jungen. Verteidigerin Basay lässt ihr den Bericht vorlegen, den die Zeugin nach dem Gespräch mit Nora T. geschrieben hat. Darauf steht, sie habe zwei Kinder, nicht drei. "Eines ist tot", sagt die Zeugin.

Basays Kollege, Ali Aydin, zitiert weitere Worte aus dem Bericht. Über den Gesundheitszustand von Nora T. stehe dort, die Frau sei psychisch krank. "Sie ist nicht psychisch krank", sagt die Yazda-Mitarbeiterin. "Aber sie war psychisch angeschlagen. Das ist die Folge aus dem, was sie erlebt hat."

Als die Yazda-Frau mit Nora T. sprach, wussten die deutschen Ermittler nicht, wo sich die Mutter des mutmaßlich getöteten Kindes aufhält. Von einem toten Mädchen erfuhren sie erst im Juni 2018, am selben Tag, als Jennifer W. festgenommen wurde.

Jennifer W. selbst hatte davon erzählt. Den Mann, dem sie sich anvertraute, hielt die Angeklagte für einen IS-Kämpfer. Tatsächlich war er ein Informant des FBI, der mit der deutschen Polizei zusammenarbeitete.



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