Mutmaßliche IS-Frau Jennifer W. Dem V-Mann in die Falle getappt

Im Irak soll Jennifer W. ein angekettetes Kind verdursten lassen haben. Vor Gericht erzählte nun ein Polizist, wie die Ermittler der Frau aus Niedersachsen auf die Spur kamen.

Jennifer W. im Landgericht München (am 9. April): Anklage ausgeweitet
Peter Kneffel/dpa

Jennifer W. im Landgericht München (am 9. April): Anklage ausgeweitet

Von Wiebke Ramm, München


Jennifer W. schweigt vor Gericht, doch es gibt vier Aktenordner voller Chatprotokolle. Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft geht daraus hervor, dass die 27-jährige Niedersächsin ihre Rückkehr zur Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) plante. Die junge Frau tauschte sich im Mai und Juni 2018 per Chat mit einem Mann aus, den sie für ein IS-Mitglied hielt. Er sollte ihr bei ihrer Reise nach Syrien oder in den Irak helfen. Tatsächlich war er ein V-Mann der US-Bundespolizei FBI. Das V steht für Vertrauen. Und Jennifer W. hatte nach kurzem Zögern offenbar eine ganze Menge Vertrauen zu diesem Mann.

Am 29. Juni 2018 holt der FBI-Informant Jennifer W. im niedersächsischen Lohne mit dem Auto ab. Doch die Fahrt geht nicht an die türkisch-syrische Grenze, sondern nach Bayern. Das Auto ist verwanzt. Und die Ermittler hören mit, wie Jennifer W. vom IS schwärmt. Nahe Ulm wird sie festgenommen. Seither sitzt Jennifer W. in Untersuchungshaft. Und seit April 2019 muss sie sich vor dem Oberlandesgericht München unter anderem wegen IS-Mitgliedschaft verantworten.

Vor Gericht berichtet an diesem Tag ein Oldenburger Polizist, welche Erkenntnisse die Chatprotokolle, die Gespräche im Auto und weitere Ermittlungen ergeben haben. Stefan H., 44 Jahre alt, hat die Ermittlungen gegen Jennifer W. geleitet.

"Ich gehöre hierher"

Er berichtet, dass sich Jennifers Mutter im Herbst 2014 erstmals an die Polizei gewandt habe. Ihre Tochter sei zum Islam konvertiert und möglicherweise in den Irak zum IS gereist. Die Mutter präsentierte eine Handynachricht: "Ich gehöre hierher. Mach dir keine Sorgen, auf uns passen Mudschahidin auf." IS-Kämpfer bezeichnen sich als Mudschahidin. Die Polizei habe keine Ansätze für Ermittlungen gesehen, sagt Stefan H.

Im Herbst 2015 habe sich die Mutter wieder bei der Polizei gemeldet. Ihre Tochter sei schwanger und wolle zurück nach Deutschland. Jennifer W. sei mittlerweile in der Türkei, wo sie sich um Ausweispapiere bemühe. Anfang 2016 sei die Mutter dann selbst in die Türkei gereist, um ihrer Tochter zu helfen, sagt der Zeuge. Mutter und Tochter wurden von den türkischen Behörden festgenommen und nach Deutschland abgeschoben. In Niedersachsen passierte Jennifer W. nichts. Erst im Mai 2018 sei vom Verfassungsschutz der Hinweis gekommen, dass Jennifer W. eine erneute Ausreise zum IS vorbereite. Die Polizei in Oldenburg übernahm die Ermittlungen.

Auf ihrem Facebook-Profil habe sich Jennifer W. "Sahida Al Gariba" genannt. Der Polizist übersetzt es mit: "die fremde Märtyrerin". Sie habe dort offen mit dem IS sympathisiert und andere aufgefordert: "Heiratet und wandert zum 'Islamischen Staat' aus!" Auch Jennifer W. habe in den Irak zurückkehren wollen. "Das Luxusleben hier gebe ihr nichts", habe sie gegenüber dem V-Mann geäußert.

"Kam Ihnen einmal der Gedanke, dass diese Vertrauensperson vielleicht ein bisschen mehr gemacht hat, als nach deutschem Recht getan werden sollte?", fragt Verteidiger Ali Aydin den Polizisten. Dem Zeugen will so ein Gedanke nicht gekommen sein. Er sagt: "Aus unserer Sicht war das so nicht ersichtlich."

Der Verteidiger von Jennifer W. nennt Beispiele aus den Chatprotokollen. Demnach hatte die Angeklagte Schwierigkeiten, ihre Rückreise zum IS zu finanzieren. Für falsche Pässe und Fahrtkosten seien mehrere Tausend Euro nötig gewesen. Die Angeklagte habe versucht, über den An- und Verkauf von Handys Geld zusammenzubringen. "Kannst du nicht mehr Telefone verkaufen?", soll der V-Mann geschrieben haben. "Nein, das kann ich nicht", habe Jennifer W. geantwortet.

Der V-Mann soll erwidert haben, dass er schon die falschen Pässe bezahlt habe und vielleicht auch bei den Reisekosten helfen könne. Die Verteidigung sagt, dies klinge, "als habe die V-Person diverse Kosten selbst übernommen". Der Ermittlungsbeamte widerspricht, für ihn klinge es, als habe der V-Mann das Geld nur ausgelegt.

Das Mädchen verdurstete

Schließlich soll Jennifer W. dem V-Mann auch von dem Schicksal des fünfjährigen Mädchens Reda berichtet haben. Das Kind und dessen Mutter, beides Kurden jesidischen Glaubens, sollen Anfang 2014 vom IS gefangen genommen worden sein.

Jennifer W. und ihr irakischer Ehemann sollen Reda und ihre Mutter Nora im Sommer 2015 auf einem IS-Sklavenmarkt gekauft und in ihrem Haus im irakischen Falludscha als Sklaven gehalten haben. Als das Kind ins Bett gemacht habe, habe ihr Mann es zur Strafe bei mindestens 45 Grad in der Sonne an ein Fenstergitter gefesselt. Das Mädchen verdurstete. Die Mutter des Kindes nimmt als Nebenklägerin am Prozess teil.

Verteidigerin Seda Basay-Yildiz fragt den Beamten nach Erkenntnissen zum Tod des Kindes. Der Polizist sagt, es gebe die Angaben der Mutter und die Angaben der Angeklagten während der Autofahrt mit dem V-Mann. Im Auto soll Jennifer W. davon gesprochen haben, dass "unser kleines Kind" gestorben sei. Es sei "ein schlimmer Tag" gewesen.

"Ist das Kind denn gestorben?", fragt Basay-Yildiz nun den Zeugen. Offizielle Dokumente über den Tod gebe es nicht, sagt der Polizist, nur die Aussagen der Mutter und die abgehörten Worte der Angeklagten.

Mord durch Unterlassen wirft die Bundesanwaltschaft Jennifer W. vor. Und an diesem zweiten Verhandlungstag kommen weitere Vorwürfe hinzu. Der Vorsitzende Richter, Reinhold Baier, erteilt der Angeklagten den rechtlichen Hinweis, dass sie womöglich auch noch wegen Menschenhandels und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Form von Versklavung und Folter verurteilt werden könnte. Im Fall des Mädchens Reda mit Todesfolge.



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