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Fall Jens Söring "Der schönste Tag meines Lebens"

Mehr als 33 Jahre saß Jens Söring wegen eines Doppelmordes in den USA in Haft. Nun ist der deutsche Staatsbürger zurück in seiner Heimat. Müde. Aber glücklich.

Viel zu sagen hat Jens Söring unmittelbar nach seiner Ankunft noch nicht. Jedenfalls nicht der Öffentlichkeit.

Mehrere Unterstützer begleiten den 53-Jährigen zu einer kurzen Pressekonferenz in einen nüchternen Konferenzraum am Frankfurter Flughafen, andere Helfer warten dort schon auf ihn. Sie haben teilweise seit vielen Jahren Kontakt zu dem Mann gehalten, der mehr als drei Jahrzehnte in den USA in Haft saß.

"Ohne euch wäre ich nie freigekommen"

"Endlich", rufen sie und jubeln, als Söring kurz nach 13 Uhr den Raum betritt. Es gibt Applaus, Umarmungen, Glückwünsche. "Ohne euch wäre ich nie freigekommen", entgegnet Söring seinen Helfern. Er war am späten Dienstagvormittag mit einer Linienmaschine aus Washington nach Deutschland zurückgekehrt. Es ist das vorläufige Ende einer sehr langen Geschichte.

Was man über den Fall Jens Söring wissen muss
Foto: Farbfilm/ DPA

Der deutsche Staatsbürger Jens Söring wurde 1990 von einem US-Gericht rechtskräftig für den Doppelmord an den Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom 1985 im US-Bundesstaat Virginia verurteilt. Söring erhielt zweimal eine lebenslange Freiheitsstrafe, Haysom wurde zu 90 Jahren Haft verurteilt. Am 25. November 2019 hat der Bewährungsausschuss (das so genannte "Parole board") entschieden, Söring und die Kanadierin Haysom aus der Haft zu entlassen, sie werden in ihre Heimatländer abgeschoben. Die beiden wurden jedoch nicht offiziell begnadigt. Der dafür zuständige Gouverneur Ralph Northam hatte eine umfassende Begnadigung Sörings explizit abgelehnt.

Söring lächelt, aber er wirkt müde. Ein gutes Dutzend Fernsehkameras und etwa 50 Journalisten warten auf ihn. Er trägt ein graues T-Shirt unter einer dunklen Winterjacke, eine helle Jogginghose und weiße Laufschuhe. Er spricht Deutsch mit einem leichten amerikanischen Akzent.

Söring sagt in die Mikrofone, er freue sich so sehr, dass er nach 33 Jahren, 6 Monaten und 25 Tagen zurück nach Deutschland gekommen sei. Seine Unterstützer stehen während seiner Stellungnahme hinter ihm und strahlen. "Das ist der schönste Tag meines Lebens", sagt Jens Söring.

"Ich danke Ihnen für Ihre Geduld": Jens Söring bei seiner Presseerklärung

"Ich danke Ihnen für Ihre Geduld": Jens Söring bei seiner Presseerklärung

Foto: Thorsten Wagner/ REUTERS

"Ich danke ihnen für Ihre Geduld"

Er bedankt sich auch bei der Presse. Und fügt hinzu: "Aber mein neues Leben in Freiheit, das muss ich jetzt selbst erst einmal kennenlernen. Bitte gönnen Sie mir ein wenig Ruhe, das zu tun". Er müsse nun erst psychologisch und emotional in Deutschland ankommen. Später aber werde er die vielen Fragen beantworten, die man an ihn habe: "Ich danke Ihnen für Ihre Geduld".

Dann sagt Jens Söring noch einige Sätze auf Englisch, dankt auch seinen Unterstützern in den USA und den Polizisten dort, die ihn während seiner Haft unterstützt hätten. Fragen beantwortet Söring keine. Seine Helfer führen ihn nach wenigen Minuten aus dem Raum und aus dem Flughafen. Sein Aufenthaltsort soll zumindest vorerst geheim bleiben.

Verurteilt zu zweimal lebenslanger Haft

Der Fall Jens Söring hatte in der Vergangenheit viel Aufsehen erregt. Seit 1986 saß der Deutsche wegen eines Doppelmordes im Gefängnis. Der damals 18-Jährige hatte die Tat zunächst zugegeben, sein Geständnis später aber widerrufen.

Mehr als drei Jahrzehnte hinter Gittern: Söring in der Justizvollzugsanstalt Brunswick (2003)

Mehr als drei Jahrzehnte hinter Gittern: Söring in der Justizvollzugsanstalt Brunswick (2003)

Foto: Carlos Santos/ AP

Söring erklärte damals, er habe seine Freundin vor der Todesstrafe durch den elektrischen Stuhl bewahren wollen. Als Sohn eines deutschen Diplomaten habe er fälschlicherweise geglaubt, Immunität zu genießen und nach Deutschland abgeschoben zu werden. (Lesen Sie hier mehr darüber.)

In all den Jahren, die er im Buckingham Correctional Center, einem Gefängnis im US-Bundesstaat Virginia, verbrachte, beteuerte er seine Unschuld, bemühte sich um Freiheit. Er schrieb Bücher in der Haft, kontaktierte Journalisten, gab Interviews und baute sich einen Kreis aus Unterstützern auf. (Lesen Sie hier ein Interview mit einer Unterstützerin: "Er träumt davon, nicht mehr stundenlang im Kreis zu laufen"). Es sind die Menschen, die ihn nun am Flughafen in Empfang nehmen.

Die Anwälte des Deutschen stellten in der Zeit mehrere Revisions- und Haftanträge. Doch alle Versuche scheiterten, ebenso wie seine Appelle, auf Bewährung freizukommen. Seit 1990 wurden laut "New York Times"  14 Anträge auf Haftaussetzung abgelehnt. Ende November kam es dann zu der überraschenden Wende im Fall des 53-Jährigen.

In Frankfurt erklären seine Helfer, den ehemaligen Häftling nun bei der Gewöhnung an das Leben in Freiheit weiter unterstützen zu wollen. Schließlich hat Jens Söring weit mehr als die Hälfte seines Lebens hinter Gittern verbracht.

"Über die Feiertage werde ich Zeit mit meinen Freunden verbringen. Und dann werde ich langsam entscheiden, wo und wie ich mir ein neues Leben aufbaue. Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, dass ich mich zunächst zurückziehe, das wäre für mich eine große Hilfe", sagt Jens Söring in die Kameras. Er wirkt erschöpft. Und zugleich überglücklich. "Nochmal vielen Dank für diese unglaubliche Begrüßung und Frohe Weihnachten!".