Fall Jens Söring "Er träumt davon, nicht mehr stundenlang im Kreis zu laufen"

Mehr als 30 Jahre saß der Deutsche Jens Söring wegen Doppelmordes in einem US-Gefängnis. Nun kommt er frei. Die Wende in dem spektakulären Fall kam überraschend - auch für seine Unterstützer.

Die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens verbrachte der Deutsche Jens Söring in einem US-Gefängnis. Er war wegen eines Doppelmordes im Jahr 1985 an den Eltern seiner damaligen Freundin verurteilt worden. Bis heute beteuert er seine Unschuld.

Nun soll der Diplomatensohn freigelassen, aus dem Land abgeschoben und mit einem Wiedereinreiseverbot belegt werden. Die Deutsche Botschaft ist in Gesprächen mit den amerikanischen Behörden. Wann Söring die USA verlassen wird, ist bislang offen. (Lesen Sie hier mehr über den Fall Jens Söring.)

Söring kontaktierte aus der Haft Journalisten, gab Interviews, ein Dokumentarfilm wurde über ihn gedreht. Im Laufe der Jahre baute er sich einen Kreis aus Unterstützern und Freunden auf. Zu ihnen gehört auch Petra Hermanns.

Die Literaturagentin aus Frankfurt am Main hat mit dem Inhaftierten an mehreren Büchern gearbeitet, die er im Gefängnis geschrieben hat. Sie schickten sich die Manuskripte hin und her. Hermanns hat Söring nie in den USA besucht, telefonierte aber regelmäßig mit ihm. Gemeinsam mit anderen Freunden hat sie erste Vorbereitungen für seine Ankunft in Deutschland getroffen. Sie wartet jeden Moment auf einen Anruf.

Zur Person
Foto: Von Wegen Kommunikationsagentur

Petra Hermanns, Jahrgang 1967, Literaturagentin aus Frankfurt am Main, lernte Jens Söring vor rund 15 Jahren kennen. Damals suchte er aus der Haft in den USA heraus nach einer Buchagentin in Deutschland. Über ihre gemeinsame Arbeit an seinen Büchern freundeten sich Hermanns und Söring an.

SPIEGEL: Frau Hermanns, Sie gehören zum Unterstützerkreis von Jens Söring. Seit wann ahnten Sie, dass sich eine Wende in seinem Fall abzeichnen könnte?

Petra Hermanns: Wir hatten von der Anhörung durch das Virginia Parole Board, den zuständigen Berufungsausschuss, im August gehört. Seitdem wussten wir, dass bis Ende des Jahres eine Entscheidung fallen könnte. Aber wann und wie, darüber konnten wir nur spekulieren - deshalb war die Nachricht am Montagabend auch für uns alle eine Überraschung.

SPIEGEL: Wie haben Sie von der Entlassung Sörings aus dem Gefängnis erfahren?

Hermanns: Ich habe mir für diesen Fall verschiedene Google-Alerts mit seinem Namen, dem US-Bundesstaat Virginia oder seiner Haftanstalt eingestellt. Tatsächlich rief mich aber eine Unterstützerin aus unserem Freundeskreis an. Wir hatten ein paar Minuten zuvor wegen Jens telefoniert. Kurz nachdem wir aufgelegt hatten, klingelte mein Telefon erneut. Als ich abhob, sagte sie: "Jetzt ist es soweit." Parallel ploppte der erste Alert auf meinem Handy auf.

SPIEGEL: Was haben Sie dann gemacht?

Hermanns: Ich war vor Freude wie gelähmt. Irgendwann bin ich im Zimmer hin und her gehüpft. Das war ein lang ersehnter, unvergesslicher Moment. Jens und ich hatten erst einen Tag zuvor lange telefoniert - und auf einmal war klar, dass wir uns bald zum ersten Mal sehen würden.

SPIEGEL: Worüber haben sie beide bei Ihrem letzten Telefonat gesprochen?

Jens Söring suchte in den vergangenen Jahren den Kontakt zu Journalisten. 2016 erschien der Dokumentarfilm "Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich"

Jens Söring suchte in den vergangenen Jahren den Kontakt zu Journalisten. 2016 erschien der Dokumentarfilm "Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich"

Foto: DPA/ Farbfilm

Hermanns: Über unseren Alltag. Ich erzählte von meiner Erkältung, er sprach davon, wie er die Woche überstanden hatte. Wir telefonierten zuletzt einmal wöchentlich. Manchmal spielte ich ihm Musik vor oder wir diskutierten über die deutsche Politik. Es ging aber auch immer um die Entwicklungen in seinem Fall. Wir warteten auf die Entscheidung des Verfahrens, spielten die verschiedenen Szenarien durch und ärgerten uns über die Willkür der Behörden und unsere Machtlosigkeit.

SPIEGEL: Haben Sie ihm Mut gemacht?

Hermanns: Bei jedem Telefonat. Vielleicht wirst Du in Deinem zweiten Leben noch einmal Außenminister, habe ich scherzhaft zu ihm gesagt. Ich war davon überzeugt, dass Jens es schaffen würde und habe ihm immer wieder aufgezeigt, dass hier in Deutschland eine Zukunft auf ihn wartet.

SPIEGEL: Jens Söring ist ein verurteilter Doppelmörder.

Hermanns: Ich glaube, dass Jens unschuldig ist, meiner Meinung nach hätte er eine Begnadigung verdient.

SPIEGEL: Was glauben Sie, wie seine Zukunft in Deutschland aussehen wird?

Hermanns: Er ist meiner Meinung nach ein talentierter Schriftsteller und wird weiterhin Bücher schreiben können. Ich könnte mir auch vorstellen, dass er als Redner oder Coach Karriere machen könnte. Wer wäre geeigneter, anderen Menschen beizubringen, auch in ausweglosen Situationen den Mut nicht zu verlieren?

SPIEGEL: Was hält Söring von den beruflichen Plänen, die Sie für ihn entworfen haben?

Hermanns: Er hat sich darüber gefreut und damit auch den Gedanken an die Freiheit zugelassen. Er wünscht sich, endlich das machen zu können, was er möchte.

SPIEGEL: Worauf freut er sich besonders?

Hermanns: Er sehnt sich nach allem, was ein Leben in Freiheit ausmacht. Dazu gehören auch triviale Dinge, zum Beispiel beim Sport. Er träumt davon, nicht mehr stundenlang im Kreis laufen zu müssen. Einen Wald hat er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Wie wird es für ihn sein, ohne Begrenzung geradeaus joggen zu können? Es geht um all das, was für uns normal ist.

Jens Söring im Jahr 2003: Nach mehr als 30 Jahren wird der Deutsche aus dem Gefängnis entlassen - begnadigt wird er jedoch nicht

Jens Söring im Jahr 2003: Nach mehr als 30 Jahren wird der Deutsche aus dem Gefängnis entlassen - begnadigt wird er jedoch nicht

Foto: Carlos Santos/ AP

SPIEGEL: Nach mehr als 30 Jahren in Haft wird es sicherlich nicht leicht für ihn werden, im Alltag Fuß zu fassen.

Hermanns: Theoretisch weiß er alles über das Leben hier draußen. Jens ist mental stark und hat auf diesen Moment hingearbeitet. Trotzdem wird er mit der neuen Freiheit erst zurechtkommen müssen. Wir wollen ihn dabei so gut es geht unterstützen. Es gibt bereits eine Wohnung für ihn, wir haben ein Smartphone für ihn gekauft - auch wenn er noch lernen muss, das zu benutzen. Andere Freunde werden ihn bei Behördengängen und Arztbesuchen unterstützen, ihm eine Bahncard kaufen und zeigen, wie er mit dem Zug fährt.

SPIEGEL: Was haben Sie für ihn erledigt?

Hermanns: Ich habe ihm Kleidung gekauft, weil ich der Meinung bin, einen guten Geschmack bei Männermode zu haben, auch wenn ich da kein Profi bin. Natürlich habe ich ihm vorher schon Fotos von den Jacketts, Hemden und Hosen geschickt. Sobald er in Freiheit ist, soll er sich seine Klamotten selbst aussuchen. Mir ging es nur darum, dass er so schnell wie möglich aus der Gefängniskluft rauskommt.

SPIEGEL: Es geht also auch um ganz grundlegende Dinge.

Hermanns: Ja, er wünscht sich zum Beispiel seit Langem eine neue Brille. Im Gefängnis gab es nur ein Modell. Das Vergnügen, sich ein neues Gestell auszusuchen, möchte ich ihm nicht nehmen. Ich habe ihm trotzdem schon einmal Kontakttageslinsen besorgt, falls er seine alte Brille nicht mehr tragen möchte.

SPIEGEL: Wissen Sie schon, wann Sie Jens Söring jetzt sehen werden?

Hermanns: Nein. Momentan gibt es keinen Kontakt zu ihm. Es kann sein, dass er einfach in ein Flugzeug gesetzt wird, ohne das Ziel zu kennen oder vorab Freunde zu informieren. Für diesen Fall hat er ein, zwei Telefonnummern im Kopf, die er nach der Landung anrufen kann. Ohne Handy wird das natürlich schwer, aber er ist ein kommunikativer Typ. Ich habe gesagt: "Frag doch einfach eine freundliche Stewardess, ob sie Dir kurz ihr Telefon ausleiht."

SPIEGEL: Werden Sie ihn dann abholen?

Hermanns: Er hat sich gewünscht, dass ihn ein kleiner Kreis von Freunden am Flughafen empfängt. Sobald klar ist, an welchem Tag und an welchem Ort er landet, lasse ich alles stehen und liegen und fahre los.