Jessica-Prozess Gutachter finden keine Entschuldigung für die unfassbare Tat

Die kleine Jessica starb nach unvorstellbaren Qualen, bis auf die Knochen abgemagert in einem dunklen Zimmer. Aber sind ihre Eltern überhaupt schuldfähig? Erklärt deren eigene traurige Geschichte das Unfassbare? Zwei renommierte Gutachter suchten nach Entschuldigungen – doch sie fanden keine.


Hamburg - Wieder mal ist vor allem die Mutter die Böse. Oberflächlich betrachtet könnte so das Resümee lauten, nachdem die Sachverständigen im Jessica-Prozess gestern ihre psychiatrischen Gutachten vorgelegt haben. Die entscheidende Frage: Sind die Angeklagten Marlies Sch. und Burkhard M. schuldfähig? Haben sie den sich über Monate, vielleicht sogar Jahre hinziehenden Hungertod ihrer siebenjährigen Tochter zu verantworten?

Zeichnung von Marlies Sch.und Burkhard M., im Gerichtssaal: "So entschieden"
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Zeichnung von Marlies Sch.und Burkhard M., im Gerichtssaal: "So entschieden"

Mutter Marlies ja, so scheint es. Und was ist mit dem Vater? War er etwa fortwährend abwesend, als Jessica dahinsiechte? Nicht dass Gutachter Norbert Leygraf ihm Schuldunfähigkeit attestiert hätte. Er beschrieb Burkhard M. als einen antriebsarmen Menschen, der "kaum Zugang zu sich selbst" habe und dessen Lebensgeschichte sich wie eine gleichförmige, zufällige Aneinanderreihung von Arbeitsplätzen und farblosen Partnerbeziehungen darstelle.

Typischerweise war M. sogar der Vorname einer seiner "Lebensgefährtinnen" entfallen. Mal war M. auch verheiratet. Aus dieser Ehe, die bald scheiterte, weil die Frau fremdging, stammt eine Tochter. Dass ihm nach der Scheidung der Kontakt zu diesem Kind verwehrt wurde, belastete ihn weniger als der Umstand, der Betrogene gewesen zu sein.

Alkohol spielte bei M. von jeher eine große Rolle, auch wenn er dessen nicht etwa bedurfte, um etwaigen Entzugserscheinungen vorzubeugen, sondern vielmehr um sich in eine "Scheißegal-Stimmung" zu versetzen. Von einer Leberzirrhose erholte er sich, eine "leichtgradige Atrophie im Stirnhirn", also ein Schwund des Gewebes, sei nachweisbar, so Leygraf. Ob sie auf den Alkoholkonsum oder einen frühkindlichen Hirnschaden zurückzuführen sei, könne man nicht mit letzter Sicherheit feststellen. Höchstwahrscheinlich aber seien M.s Persönlichkeitseigenschaften durch Alkohol und die Hirnschädigung noch verstärkt worden. So sei seine eingeengte Erlebnisfähigkeit am besten zu erklären.

Persönlichkeitsgestört - aber nur passiv

Als es in der Beziehung zu Marlies Sch. von Mitte 2001 immer stärker kriselte, zog sich der Vater fast völlig von dem gemeinsamen Kind Jessica zurück. Als Marlies Sch. sich überdies vorübergehend einem anderen Mann zuwandte, interessierte er sich für das Kind noch weniger: Soll sie doch sehen, wie sie mit Jessica klarkommt. "Entscheidend", so Leygraf, "ist das Maß der Einschränkung von M.s Steuerungsfähigkeit. Je stärker man den Akzent auf seine Passivität legt, umso stärker kommt seine Persönlichkeitsstörung zum Tragen. Falls aber gezieltes, planvolles Handeln in den Vordergrund rückt, desto weniger spielt diese Störung eine Rolle."

Mit anderen Worten: Falls M. zum Beispiel gezielt den Lichtschalter in Jessicas Zimmer manipuliert haben sollte, wie die Anklage es ihm vorwirft, um das Kind durch eine "Stromfalle" in tödliche Gefahr zu bringen, kommt es weder auf Gefühlsarmut, Hirnatrophie oder Alkoholkonsum an. Dann wäre dies ein Indiz dafür, dass auch der Vater bewusst den Tod der Tochter anstrebte.

Dass die Mutter dies wollte, daran hat der Berliner Gutachter Hans-Ludwig Kröber keinen Zweifel. Er stellte Marlies Sch. als eine Frau dar, die leistungsmäßig "auf der Spur" blieb - trotz "miserabler Bedingungen im Elternhaus". Der Vater war verschwunden, die Mutter trank, betätigte sich vor den Augen des Kindes als Gelegenheitsprostituierte, unterhielt daneben mit einem Onkel ein intimes Verhältnis, versorgte die Tochter nicht und, und, und ... Dennoch sei die Entwicklung normal verlaufen. Typisch für Menschen, die in einem solchen Umfeld aufgewachsen sind, sei später der Wunsch, "was man als Kind immer wollte und nicht bekam - umsorgt und verhätschelt zu werden", endlich zu realisieren. So habe Marlies Sch. auch nicht gearbeitet, keinen Beruf erlernt, sondern nach Partnern gesucht, die sie versorgten: "kein seltener oder gar ungewöhnlicher Gedanke".

"Keine gestörte Persönlichkeit"

Dass Marlies Sch. mit allen ihren Kindern - das erste gab sie zur Adoption frei, zwei weitere überließ sie nach der Scheidung dem Vater - ähnlich verantwortungslos umging wie mit Jessica, begründete Kröber so: "Kinder können ungeheuer anstrengend sein. Meine Vermutung ist, dass Frau Sch. sich da rausziehen wollte." Für sie seien die eigenen Kinder "Aggressoren gegen ihr Leben" gewesen, die sie "ins Unglück gestürzt" hätten. "Es scheint so gewesen zu sein, dass Frau Sch. eines Tages dachte: Warum eigentlich ich?" So habe man sich das Kind gegenseitig "zugeschustert".

Laut Kröber hat sich Marlies Sch. gegen das Kind entschieden. Sie habe die Wahl gehabt, sich entweder um das Kind zu kümmern oder eigenen Wünschen nachzugeben. Beleg dafür, dass sie genau wusste, was sie tat, ist für Kröber ein Brief der Angeklagten an das Jugendamt, in dem sie ihrem Ex-Ehemann "aus Rache" exakt das Verhalten vorwirft, dessen sie sich selbst schuldig gemacht habe. Sie habe also sehr wohl gewusst, dass man Kindern nicht nur eine Minimalversorgung in dunklen Räumen zukommen lassen darf.

Auf Fragen der Verteidigung bekräftigte Kröber, dass Marlies Sch. "wie viele andere Jungen und Mädchen auch" aufgewachsen sei, dass er nicht "ans große Trauma" glaube oder daran, dass sie schlimmer traumatisiert worden sei als andere. Es sei keine gestörte Persönlichkeit herangewachsen, sondern eine, die der Belastung durch Kinder immer wieder auswich, bis endlich eine Situation eintrat, in der das Kind "nicht mehr vorzeigbar" war. "Sie hat sich so entschieden." Ungewöhnlich an dem Fall sei "nur der lange Tatzeitraum und das Opferbild".

Kröber warnte die Prozessbeteiligten nachgerade vor zu viel Mitgefühl mit der Angeklagten: "Damit man sich besser fühlt, will man keine Mutter als Täterin", sagte der Gutachter. Doch bei "Männern die stiften gehen und sich nicht um ein Kind kümmern, fragt man auch nicht, ob sie einen Schaden haben".

"Hochinterpretiert zu einer schwierigen Geschichte"

Die Eltern, denen die Anklage Mord durch Unterlassen vorwirft, seien keineswegs intellektuell minderbegabt, der Intelligenzquotient beider liege über dem Durchschnitt. "Ist das denn normal, was meine Mandantin mit dem Kind gemacht hat", fragte Verteidiger Manfred Getzmann, sichtlich verzweifelt, den Sachverständigen und wies wieder und wieder auf die doch ziemlich ungewöhnlichen Sitten in Marlies Sch.s Elternhaus hin - die inzestuöse Situation, den Alkoholmissbrauch, die sexuellen Übergriffe auch gegen die Angeklagte, die Demütigungen durch Klassenkameraden. "Ich habe überlegt", antwortete Kröber, "welche Gründe es gegeben haben mag. Man muss sich ja mal vorstellen, wie es in so beengten Wohnverhältnissen zugeht. Da haben die Erwachsenen Geschlechtsverkehr, und das Kind muss halt unter die Decke. Das ist alles herzhaft unangenehm. Und dass in solchen Familien zugeschlagen wird, kommt auch alle Tage vor." Eine Begründung für die Tat lasse sich daraus aber nicht ableiten.

Gestern sagte eine Verwandte der Angeklagten als Zeugin aus. Sie habe mit angesehen, wie Marlies im Alter von sechs Jahren von besagtem Onkel misshandelt wurde. Sie mache sich Vorwürfe, nicht eingeschritten zu sein. Aber auch Marlies' Mutter habe nichts zum Schutz der Tochter unternommen. Dennoch ist Kröber überzeugt, dass Marlies Sch. sich darüber im Klaren war, wie sie Jessica behandelt. Sch. "wusste, dass das nicht okay war". Wenn sie etwa eine demenzkranke Verwandte hätte versorgen müssen, "sie hätte dieselben Probleme bekommen".

Ob auszuschließen sei, dass sie nur wiederholt habe, was sie selbst als Kind erlebt hat, fragte Getzmann. Natürlich sei Marlies Sch. beim Anblick ihrer Kinder an ihre Mutter erinnert worden, sagte Körber. Aber sie habe nicht zwanghaft wiederholt, was die Mutter einst getan hat. "Das ist literarisch - zu sagen, dunkel, dunkel! Da wird dann etwas hochinterpretiert zu einer schwierigen Geschichte." Also: Keinerlei Schuldminderung für die Mutter. Der Vater könnte, wenn das Gericht dem Gutachten folgt, mit einer kurzen Freiheitsstrafe davonkommen. Demnächst soll ein Sachverständiger zur Frage gehört werden, wie sehr Jessica hatte leiden müssen, bis sie am 1. März dieses Jahres starb. Der Vater hatte damals den Notarzt gerufen mit den Worten: "Unsere Tochter ist heute Nacht entschlafen."



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