Jessica-Prozess Staatsanwalt fordert lebenslänglich

Die Eltern der verhungerten Jessica aus Hamburg sollen nach dem Willen der Staatsanwaltschaft lebenslänglich hinter Gitter. Sie hätten sich des Mordes durch Unterlassen an ihrer Tochter schuldig gemacht.


Hamburg - Bei beiden Angeklagten sah die Staatsanwaltschaft keine Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit. Die 36-jährige Mutter und der 50 Jahre alte Vater hätten ihre Tochter "vorsätzlich gequält und vernachlässigt" und "vorsätzlich getötet", sagte Anklagevertreter Bernd Mauruschat heute in seinem Plädoyer vor dem Landgericht. "Sie haben gewusst, dass Jessica sterben würde, und in diesem Wissen haben sie es auch gewollt", erklärte er. "Es kam ihnen darauf an, ihre Ruhe zu haben."

Die auf 9,6 Kilogramm abgemagerte Jessica war in der Nacht zum ersten März 2005 an erbrochenen Speiseresten erstickt, nachdem sie über Jahre in einem abgedunkelten Zimmer gefangen gehalten worden war. Die Verteidigung will am Mittwoch ihre Plädoyers halten, das Urteil wird voraussichtlich am 25. November gesprochen.

Jessicas Tod hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst und eine Diskussion um die Mitverantwortung der Behörden in Gang gesetzt. In Hamburg waren erst am vergangenen Wochenende wieder mehrere Fälle von Kindesvernachlässigung bekannt geworden.

"Es hätte ein Anruf genügt, beim Arzt, bei der Feuerwehr, beim Jugendamt oder einer Beratungsstelle, und das Schlimmste hätte verhindert werden können", meinte Mauruschat. Jessicas Mutter habe sich vor Gericht als Mensch dargestellt, der hilflos der Widerspenstigkeit ihres Kindes ausgeliefert war. Dies könne aber keine Entlastung sein.

Zwar hatte ein Gutachter Jessicas Vater wegen eines frühkindlichen Hirnschadens sowie langjährigen Alkoholmissbrauchs eine mögliche seelische Störung bescheinigt. Der Anklagevertreter sah jedoch keinen Grund für eine Strafmilderung.



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