Jesuit Langendörfer "Ein dunkles Gesicht der Kirche"

Der Skandal um Kindesmissbrauch erschüttert die katholische Kirche in Deutschland, allein seit 1995 hat es über 90 Verdachtsfälle gegeben. Der Jesuit Hans Langendörfer, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über Fehler und Verantwortung der Kleriker.
Erzbischöfliches Kreuz: Die katholische Kirche wird durch neue Missbrauchsfälle erschüttert

Erzbischöfliches Kreuz: Die katholische Kirche wird durch neue Missbrauchsfälle erschüttert

Foto: Joerg Sarbach/ AP

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle an den Jesuitenschulen in Berlin, Hamburg, St. Blasien und an den katholischen Einrichtungen im Bistum Hildesheim sprach Pater Klaus Mertes, Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, vorige Woche davon, dies sei nur die Spitze des Eisbergs - welche Dimension wird der Skandal erreichen?

Langendörfer: Das kann jetzt natürlich noch niemand sagen. Es wäre wohl wirklichkeitsfremd anzunehmen, dass nach den jetzigen Enthüllungen schon alles offenbar geworden ist. Aber wir wollen ausdrücklich die Aufklärung, damit wir helfen können. Die Enthüllungen zeigen ein dunkles Gesicht der Kirche, das mich erschreckt.

SPIEGEL ONLINE: Die Jesuiten selbst kritisieren das jahrzehntelange Vertuschen der Missbrauchsfälle. Haben sie recht? Hat man - insbesondere vor 2002 - auch in den katholischen Bistümern viel zu lange weggesehen?

Langendörfer: Vertuschen war immer falsch und leider weit über die Kirche hinaus allgemein üblich. Das Thema Missbrauch hat die Bischöfe immer wieder beschäftigt. Es war ein wichtiger Schritt, dass 2002 Leitlinien der Bischofskonferenz zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche beschlossen wurden. Wir wollen das Thema offen angehen und tun das spätestens seitdem auch. Mittlerweile hat jedes deutsche Bistum einen Beauftragten für Opfer und Täter benannt.

SPIEGEL ONLINE: Die Leitlinien zementierten aber auch die Praxis, dass ein Fall zunächst kirchenintern behandelt wird - und womöglich nie öffentlich wird.

Langendörfer: Die Leitlinien legen fest, dass jede Anzeige oder Verdachtsäußerung umgehend geprüft wird. Dabei gilt die Sorge der Kirche zuerst dem Opfer. Bei Erhärtung des Verdachts wird auch eine kirchenrechtliche Voruntersuchung eingeleitet. Wir legen großen Wert darauf, dass bei der Aufklärung die Staatsanwaltschaft ihren Pflichten nachkommen kann. Sexueller Missbrauch Minderjähriger ist nicht nur nach staatlichem, sondern auch nach kirchlichem Recht eine Straftat. Die Leitlinien ermöglichen ein einheitliches, konsequentes und transparentes Vorgehen. Dazu gehören auch menschliche, therapeutische und seelsorgliche Hilfsangebote an die Opfer und ihre Angehörigen. Es ist auch finanzielle Unterstützung im Einzelfall möglich.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie zumindest teilweise eine Mitschuld der katholischen Sexualmoral erkennen? Inwieweit haben die strengen Hierarchien, Gehorsams- und Machtstrukturen in der Kirche die Taten und das Schweigen begünstigt?

Langendörfer: Das spezielle Vertrauen, das der Priester oft genießt, kann für den verbrecherischen Täter Missbrauch leichter machen. Ich wehre mich aber dagegen, alle Priester unter Generalverdacht zu stellen. Die katholische Moral verlangt die unbedingte Achtung des Anderen, seiner Würde und Integrität. Wenn besondere kirchliche Strukturen Transparenz verhindert haben, dann muss das aufhören. Die Voraussetzungen dafür sind geschaffen. Ich denke, dass früher auch viele einer Täuschung unterlagen, was es mit dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger wirklich auf sich hat. Das Wissen über den Umgang mit pädophilen Neigungen, über die Möglichkeiten und Grenzen einer Therapie und Begleitung gab es nicht wie heute, weder in der Kirche noch in der Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Warum kommen solche Fälle gerade in der katholischen Kirche so oft vor? Welche Rolle spielen dabei Priestermangel und Zölibat?

Langendörfer: Es stimmt nicht, dass in der katholischen Kirche die Fälle "so oft" vorkommen. Ja, Missbrauchsfälle kommen bei uns vor und erschüttern uns. Aber wir wissen alle, dass jeder Ort, wo Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen zusammenkommen - angefangen vom Sportverein - ein möglicher Tatort für Personen mit entsprechenden Neigungen ist. Die Mehrzahl der Missbrauchsfälle ereignet sich im engeren familiären Umfeld. Fälle, in denen Priester beteiligt sind, finden eine besondere Beachtung, zu Recht. Es wird ein spezielles Vertrauen missbraucht. In Bezug auf die Häufigkeit entsteht aber rasch ein falscher Eindruck. Weder Ehelosigkeit noch Priestermangel schaffen Missbrauchstäter.

Das Interview führte Peter Wensierski