Asylbewerber Freispruch für G4S-Sicherheitsleute nach Tod von Abschiebehäftling

Jimmy Mubenga saß im Flugzeug in London, rief "Ich kann nicht atmen". Doch seine Bewacher drückten weiter zu, bis der Abschiebehäftling tot war. In einem Prozess wurden die Sicherheitsleute nun freigesprochen.

Die drei Sicherheitsleute mit einer Gerichtssprecherin: Alle wurden freigesprochen
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Die drei Sicherheitsleute mit einer Gerichtssprecherin: Alle wurden freigesprochen


London - Am 12. Oktober 2010 sitzt Jimmy Mubenga in einem Flugzeug der British Airways, der Angolaner soll in seine Heimat abgeschoben werden. Die Maschine steht noch auf dem Rollfeld in Heathrow, da gerät die Situation außer Kontrolle: Der Familienvater wehrt sich vehement gegen seine Abschiebung, er will seine Frau und fünf Kinder nicht allein in London zurücklassen. Seine Bewacher von der privaten Sicherheitsfirma G4S drücken seinen Kopf nach unten zwischen seine Knie - obwohl Mubenga bereits mit Handschellen an den Sitz gefesselt ist.

Minutenlang wehrt sich der 46-Jährige, umsitzende Passagiere hören ihn mehrfach sagen: "Hilfe, ich kann nicht atmen." Doch die drei Sicherheitsleute lassen nicht locker. Nach einer halben Stunde ist es still. Ein Notarzt wird gerufen, doch es ist zu spät: Mubenga ist an dem brutalen Haltegriff erstickt, mehrere Passagiere wurden Zeugen seines Todes.

Am Dienstag nun wurden Terrence Hughes, Colin Kaler und Stuart Tribelnig in London vom Vorwurf des Totschlags an Jimmy Mubenga freigesprochen. Das berichtet der britische "Guardian". Nach einem sechs Wochen dauernden Verfahren entlasteten die Geschworenen am Strafgericht Old Bailey die drei Angeklagten in allen Punkten.

Mehrere Sitzreihen entfernt waren Hilferufe zu hören

Die G4S-Männer sagten vor Gericht, sie hätten nicht gehört, dass Mubenga gerufen hätte, er könne nicht atmen. Auch hätten sie seinen Kopf nicht derart nach unten gedrückt, dass sie seine Erstickung riskiert hätten. Viele der 159 Passagiere, auch etliche, die weiter entfernt saßen, hatten jedoch von den Rufen berichtet.

Der Anwalt der drei verlas nach dem Urteil eine Stellungnahme, in der es hieß, dass sie den Tod Mubengas bitter bereuen, jedoch immer gesagt hätten, dass sie einen schwierigen Job in schwierigen Umständen so gut wie möglich hätten machen wollen. Im Gericht wurden drei Sitzreihen der Boeing 777 im Gericht aufgebaut, um Mubengas Tod nachzustellen. Die Geschworenen legten sich die massiven doppelt verschließbaren Handschellen an, um nachzuvollziehen, wie sich Mubenga gefühlt hatte. Am Ende kamen sie jedoch zu dem Schluss, dass die Beweise nicht ausreichten, und sprachen die Angeklagten vom Vorwurf des Totschlags frei.

Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen kritisierten das Urteil scharf. Es sei nicht das erste Mal, dass private Sicherheitsfirmen potentiell tödliche Methoden einsetzen, um Abschiebehäftlinge ruhigzustellen. Man habe viele Fälle dokumentiert. "Wir wissen einfach nicht, welche dieser Techniken heute noch angewendet werden oder ob sich die Regierung an ihr Versprechen gehalten und neuere, sicherere Methoden und Trainings eingeführt hat", sagte Oliver Sprague von Amnesty International dem "Guardian". Private Sicherheitsfirmen müssten strenger kontrolliert werden.

Mubenga war 1996 mit seiner Frau nach Großbritannien gekommen. Nachdem er 2006 wegen schwerer Körperverletzung bei einer Schlägerei in einem Nachtclub ins Gefängnis kam, sollte der Asylbewerber in sein Heimatland Angola abgeschoben werden. Bis 2010 ging er vor Gericht dagegen vor, verlor jedoch in jeder Instanz.

mia



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