Missbrauchsskandal um Jimmy Savile Untersuchungen gegen weitere BBC-Mitarbeiter

Die britische Rundfunkanstalt BBC wird von neuen Missbrauchsvorwürfen gegen aktuelle und frühere Mitarbeiter erschüttert. Neben dem verstorbenen Moderator Jimmy Savile sollen sich neun weitere Angestellte des Senders des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben.

Ex-BBC-Moderator Savile (2005): Möglicherweise 40 Jahre lang Kinder missbraucht
DPA

Ex-BBC-Moderator Savile (2005): Möglicherweise 40 Jahre lang Kinder missbraucht


London - Der Missbrauchsskandal bei der BBC weitet sich aus. Nach den schweren Vorwürfen gegen den verstorbenen Moderator Jimmy Savile ("Top of the Pops") gab die britische Rundfunkanstalt bekannt, dass nun auch Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs und Belästigung gegen neun aktuelle und ehemalige BBC-Mitarbeiter untersucht werden.

Der Chef des Senders, George Entwistle, musste sich zwei Stunden vor dem Kultur- und Medienausschuss des britischen Parlaments verantworten und sagte, dass es sich um Vorwürfe gegen acht bis zehn Personen handele. Die Pressestelle der BBC teilte später mit, dass gegen neun Mitarbeiter ermittelt werde. Insgesamt sind bei dem Sender über 20.000 Menschen beschäftigt. Die Fälle, von denen bereits einige an die Polizei weitergeleitet worden seien, lägen demnach teilweise schon etliche Jahre zurück. Jedoch hätten sich alle Opfer gemeldet, nachdem der Skandal um Saviles sexuellen Missbrauch von Minderjährigen bekannt geworden war.

Entwistle sagte, es sei noch zu früh, von einem grundsätzlichen Problem bei der BBC zu sprechen. Allerdings werde der öffentlich-rechtliche Sender die Polizei unterstützen, sollten die Ermittler prüfen, ob es einen Pädophilen-Ring bei der BBC gab. Der Senderchef räumte ein, dass "es ein größeres kulturelles Problem bei der BBC gab", das dafür verantwortlich sei, dass Saviles Verhalten nicht geprüft wurde. Dem Sender wird vorgeworfen, den Fall vertuscht zu haben. Entwistle, seit Juli BBC-Chef, aber seit 23 Jahren bei dem Sender, sagte, dass der Fall zweifellos "Fragen des Vertrauens" in die BBC aufwerfen werde.

"Missbrauch in noch nie da gewesenem Ausmaß"

Anfang Oktober waren die Vorwürfe gegen den im vergangenen Jahr verstorbenen Savile öffentlich geworden. Der britische Sender ITV strahlte einen Film aus, in dem mehrere Frauen behaupteten, sie seien als junge Mädchen in den sechziger und siebziger Jahren von dem TV-Star missbraucht worden. Nach der Ausstrahlung der Dokumentation meldeten sich weitere angeblich Betroffene. Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen, Chefermittler Peter Spindler sagte, nach den Aussagen der Frauen sei es im derzeitigen Ermittlungsstand ziemlich klar, "dass Savile ein rücksichtsloser Sexualtäter war". Manche Missbrauchsfälle, von denen die Frauen auf ITV berichteten, sollen sich auf dem Gelände der BBC abgespielt haben.

Nicht nur deswegen befindet sich die BBC in Erklärungsnot. Britische Medien hatten berichtet, dass BBC-Journalisten der Nachrichtensendung "Newsnight" bereits im November 2011 ein Script zu einem Film geschrieben hatten. Darin kommen vier frühere Schülerinnen zu Wort, die behaupten, Savile habe sich an ihnen vergangen.

Die BBC hätte der erste Sender sein können, der umfangreich über die Schattenseite ihres Stars berichtet. Doch sie tat es nicht, der Bericht wurde gestrichen. Nun werden Mitarbeiter von "Newsnight" zitiert, die sagen: Der Leiter der Sendung, Peter Rippon, habe den Beitrag erst unterstützt, sich dann aber abrupt umentschieden. Druck von oben soll ihn zum Umdenken bewegt haben. Diesen Vorwurf wies Entwistle zurück. Die BBC habe umgehend nach dem Bekanntwerden des Skandals zwei unabhängige Untersuchungen eingeleitet und arbeite mit der Polizei zusammen. Der Sender tue alles, um herauszufinden, wie Savile zu solch einem Missbrauch in der Lage habe sein können.

Scotland Yard hatte kürzlich wegen des Verdachts auf "Missbrauch in noch nie da gewesenem Ausmaß" durch Savile Ermittlungen eingeleitet. Demnach gibt es Hinweise darauf, dass Savile rund 40 Jahre lang Kinder missbrauchte. Insgesamt soll es bis zu 200 mögliche Opfer geben.

max/AP/AFP



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Whitejack 23.10.2012
1. optional
Es ist fast egal wo man bohrt - wenn man konsequent bohrt, kommen solche Fälle zuhauf hervor. Und die meisten Fälle von sexuellem Missbrauch kommen ohnehin in der Familie vor. Aber es wird laufen wie immer: Etwas Aufregung, ein paar Leute werden verurteilt, man wird einen Grund finden, warum es hier "nur eine große Ausnahme" war, und die Öffentlichkeit beruhigt sich wieder. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
waelder 24.10.2012
2. No sex please - we are British
Gestern konnte ich auf BBC verfolgen, wie sich der BBC-Chef vor dem Forum von Parlamensabgeordneten verbogen hat. Gestammel, Ausflüchte - schlicht beschämend für den BBC. Und ganz gewiß hat dieser Savile dies nicht ohne Mithilfe oder zumindest Duldung von Leuten tun können, die noch heute leben und im Dienst des BBC sind. Der Verdacht, dass es innerhalb des BBC einen Ring von pädophilen Sexualverbrechern gibt und dass dieser Ring von oben gedeckt wurde, besteht für mich bis zum Beweiß des Gegenteils.
mann30 24.10.2012
3. Missbrauch
also wer in den 1970 ger jahren in England lebte,(so wie ich) und sich mit den Menschen dort unterhalten hatte wusten die meisten davon, und haben es unter vorgehaltener hand auch gesagt, doch es hat keinen gekümmert von den Behörden, aber jetzt das grosse geschrei veranstalten finde ich ist scheinheilig.
siebke 24.10.2012
4. Kultur!
Ein größeres kulturelles Problem....Was für eine Bezeichnung für jahrelangen Missbrauch an Kinder und Jugendlichen.Mir fehlen die Worte!
stanislaus2 24.10.2012
5. Es war eine andere Zeit
Die Mädels haben sich damals den "Pop-Stars" regelrecht angedient. Für die war es eine wichtige Sache, mit einem dieser Typen im Bett gewesen zu sein. Man nannte sie Groupies. Heute heissen die Boxen-Luder. Das Bedienen der Mädchen hiess nach dieser Verhaltensweise in der Pop-Szene "Poppen". Man braucht sich nur mal die alten Berichte über diese Zeit mit den verzückt kreischenden, völlig ausser sich geratenen weiblichen Halbwüchsigen angucken. Die waren völlig von der Rolle. Die Väter haben die damals oft genug aus den Betten rauszerren müssen. Heute stellen die sich als Missbrauch-Opfer hin, um nochmal in die Öffentlichkeit zu kommen.
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