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03. November 2018, 22:18 Uhr

Prozess in New York gegen Ex-Drogenboss

Adios, "El Chapo"

Von , New York

Der Mexikaner Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", war der mächtigste Drogenboss Mexikos. Jetzt wird ihm in New York der Prozess gemacht. Die Sicherheitsmaßnahmen übertreffen selbst Terrorverfahren.

Sie nennen die Etage "New Yorks Guantanamo". Ein halbes Dutzend Einzelzellen, jede kaum sieben Quadratmeter klein, reserviert für mutmaßliche Terroristen, Mafiosi, Massenmörder. Das Neonlicht flimmert 23 Stunden am Tag, und in der kurzen Stunde Dunkelheit hört man Ratten und Mäuse über die Gänge flitzen.

Hier wartet Joaquín Archivaldo Guzmán Loera auf seinen Prozess, im zehnten Stock eines Betonklotzes - unweit der Wall Street, doch hermetisch abgeriegelt von der Außenwelt. Der gedrungene Mexikaner, bekannt als "El Chapo" (der Kleine), ist der brutalste, berüchtigtste Drogenboss der Welt. Oder war es mal.

Seit Januar 2017 sitzt Guzmán, 61, im Manhattan Correctional Center, dem sichersten Gefängnis von New York City, in U-Haft. Und geht es nach der US-Justiz, dann wird er auch den Rest seiner Tage hinter Gittern verbringen.

Sein Prozess, der am Montag beginnt und vier Monate dauern soll, ist ein Sensationsverfahren, das diesen Namen verdient: Guzmán soll für so viele Morde verantwortlich sein, dass nur ein Bruchteil zur Verhandlung kommen kann, und brach vor der Auslieferung an die USA schon zweimal aus mexikanischen Hochsicherheitstrakten aus. Seine Connections in die Unterwelt machen ihn bis heute hochgefährlich.

Der Vorsitzende Richter sowie die Staatsanwälte, Geschworenen und Zeugen bekommen deshalb allesamt Personenschutz. Jeden Tag, wenn der Angeklagte in einem SUV-Konvoi zwischen seiner Isolationszelle und dem US-Bezirksgericht in Brooklyn hin- und hergefahren wird, muss die Brooklyn Bridge gesperrt werden.

Daheim ist Guzmán eine Legende, als Ex-Chef eines Kartells, das im Jahr 14 Milliarden Dollar umsetzte, und als Symbol für den gescheiterten "War on Drugs". Vor allem aber als Superheld, über den Bücher geschrieben und Filme gedreht wurden. "Robin Hood" nannte ihn Hollywoodstar Sean Penn nach einem Treffen mal blauäugig, kurz bevor Guzmán 2016 erneut geschnappt wurde - angeblich auch mithilfe der US-Fahnder, die Penns Handy geortet hatten.

Faktisch sitzt Guzmán jetzt zwar alleine auf der Anklagebank. Doch mit vor Gericht steht auch die verfehlte Drogenpolitik Amerikas und der westlichen Welt, die Milliardensummen kostet - und Zehntausende Menschenleben.

Wobei Richter Brian Cogan auf Sachlichkeit pocht. Als die Staatsanwaltschaft vorab versuchte, 33 einzelne Mordfälle auf die Tagesordnung zu setzen, fuhr er dazwischen. Dies sei ein "Drogenverschwörungsfall, der Morde beinhaltet", nicht andersrum, murrte er: "Geben Sie Ihr Bestes und streichen Sie den Rest."

Der Rest reicht auch. Die Vorwürfe umfassen ein Vierteljahrhundert - von 1989, als sich der Drogenhandel um Kokain drehte, bis 2014, als Methamphetamine und Opioide begonnen hatten, ganze US-Landgemeinden zu zerstören. Guzmán hat auf nicht schuldig plädiert. Die Todesstrafe ist nach Absprache zwischen den Behörden in den USA und Mexiko ausgeschlossen.

Guzmán, der in ärmsten Verhältnissen aufwuchs, handelte nach eigenen Angaben schon als Teenager mit Marihuana, um seine Familie zu ernähren. Über die Jahre schwang er sich, wie die US-Staatsanwalt akribisch nachzeichnet, mit Mord, Folter, Erpressung, Geldwäsche und einem gnadenlosen Geschäftssinn vom mexikanischen Mittelsmann bis zum mächtigsten Kartellchef der Welt auf.

Rivalen habe man gefoltert und aus dem Weg geräumt

Guzmáns Sinaloa-Kartell importierte demnach mindestens 200 Tonnen Kokain in die USA, mit Privatjets, Schiffen und U-Booten, plus Heroin, Meth und Marihuana, manchmal versteckt in Dosen mit Jalapeños. Die Ware wurde über Miami, New York, Chicago und Atlanta vertrieben, der Milliardenerlös floss zurück nach Mexiko. Rivalen habe man gefoltert und aus dem Weg geräumt.

Dreimal wurde Guzmán geschnappt, zweimal entkam er. Seine Fluchten war filmreif: Das erste Mal brach er in einem Wäschewagen aus, dann durch ein Loch im Boden der Gefängnisdusche. Kurz nach seinem Geheimtreffen mit Sean Penn, der ihn fürs Magazin "Rolling Stone" interviewte, spürten Sicherheitskräfte ihn auf. Am 19. Januar 2017 lieferte Mexiko ihn an die USA aus, nur wenige Stunden vor Donald Trumps Vereidigung - wohl als letzten Gefallen an Barack Obama.

Der Prozess wirft enorme logistische Probleme auf. Tausend New Yorker wurden als potenzielle Geschworene einbestellt. Die Selektion verläuft unter Ausschluss der Öffentlichkeit, selbst die Presse darf nicht dabei sein. Die Juroren bleiben aus Sicherheitsgründen auch während der Verhandlung anonym, ebenso die Zeugen der Anklage, nicht zuletzt viele frühere Drogenschmuggler und Rivalen Guzmáns.

Die Anklage will Hunderttausende Akten, Fotos, Audioaufnehmen und Videos präsentieren, darunter Folterszenen. Mit im Saal dabei sein wird Emma Coronel Aispuro, 29, eine ehemalige Schönheitskönigin und Guzmáns Ehefrau.

Und möglicherweise kommen wie bei früheren Gerichtsanhörungen noch zwei weitere Beobachter aus Guzmáns Familie: seine sechsjährigen Zwillingstöchter. Die meiste Zeit ihres Lebens war ihr Vater auf der Flucht oder inhaftiert. Gut möglich, dass sie ihn nun häufiger im Gerichtssaal sehen - und danach nur noch Besuche im Gefängnis anstehen.

Videorückblick: Dreimal wurde Guzmán geschnappt, zweimal entkam er

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