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31. Oktober 2014, 12:23 Uhr

BKA-Präsident zum NSU-Terror

"Der Fall schmerzt mich"

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Der scheidende BKA-Präsident Jörg Ziercke hat mit dem NSU-Komplex nicht abgeschlossen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE offenbart er, wie sehr ihm die Mordserie der Rechtsterroristen zusetzt.

Berlin - Die Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" macht dem scheidenden Präsidenten des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, weiterhin zu schaffen: "Der NSU-Fall schmerzt mich. Dass Verfassungsschutz und Polizei über zehn Jahre lang diese Mordserie in Deutschland nicht erkannt haben, treibt mich um", sagte Ziercke, 67, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Wir haben es nicht für möglich gehalten, dass eine Gruppe aus einer so inhumanen und absonderlichen Motivation heraus Menschen erschießen könnte", so Ziercke. Türkische Behörden hätten ihnen damals gesagt, es könne sich nur um die Taten eines türkischen Killerkommandos handeln. "Heute wissen wir, dass das nicht zutraf", sagte Ziercke.

Der Schleswig-Holsteiner, der das Bundeskriminalamt (BKA) zehn Jahre lang geführt hat, geht Ende November in den Ruhestand. Sein Nachfolger als Deutschlands oberster Ermittler wird der Bremer Staatsrat für Inneres Holger Münch, 53. Er hatte sich in der Auswahl überraschend durchgesetzt und tritt das Amt zum 1. Dezember an.

"Warum musste sie sterben?"

In Zierckes Amtszeit fielen die Nachwirkungen des 11. September und die Entdeckung des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). In beiden Komplexen spielte das Thema Vorratsdaten eine Rolle. Der scheidende BKA-Präsident wurde daher nicht müde, deren grundsätzliche Bedeutung für die Ermittlungsarbeit zu betonen. Gleichwohl hadert Ziercke mit dem Ergebnis der Recherchen im NSU-Komplex.

"Der Fall ist immer noch nicht vollständig aufgeklärt", sagte der BKA-Präsident SPIEGEL ONLINE. "Ich würde zum Beispiel gerne wissen, warum der NSU 2007 mit den Morden aufgehört hat." Denkbar ist für Ziercke, dass die zuvor auf 300.000 Euro erhöhte Belohnung, mit der Mitwisser aus dem Umfeld herausgebrochen werden sollten, die Täter zu einer Umkehr veranlasst hat. In anderer Hinsicht erwies sich die ausgelobte Summe indes nicht als hilfreich: Informationen zum NSU blieben aus. "Das war für mich ein Hinweis darauf, dass es sich um eine Gruppe handelt, die abgeschottet und unter sich ist. Nicht die drei mutmaßlichen Täter alleine, aber doch ein sehr kleiner Kreis", sagte Ziercke.

Die mutmaßlichen NSU-Mitglieder - Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe - sollen in den Jahren 2000 bis 2007 zehn Menschen ermordet haben. Polizei und Nachrichtendienste waren der Bande jahrelang nicht auf die Spur gekommen. Sie erkannten den rechtsextremen Hintergrund der Taten nicht. Das Trio flog erst am 4. November 2011 auf, nachdem sich Böhnhardt und Mundlos nach einem Banküberfall getötet hatten. Ihren letzten Mord sollen die Terroristen im April 2007 begangen haben, als sie in Heilbronn die Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter erschossen.

"Auch dieser Mord ist für mich noch immer rätselhaft", so Ziercke. "Warum musste sie sterben?" Darüber hinaus gebe es in dem Gesamtkomplex für ihn einige offene Fragen: "Der genaue Weg der Mordwaffe konnte bislang nicht vollständig rekonstruiert werden", sagte Ziercke. Auch beschäftige ihn die Frage, warum drei Morde in Nürnberg begangen wurden. "Gab es einen Ankerpunkt der Gruppe in der Stadt? Das sind die Dinge, die mich nicht loslassen", so der BKA-Chef.

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