Schießerei im Jüdischen Museum Schock im Herzen Brüssels

Ein Attentäter erschießt mindestens drei Menschen im Jüdischen Museum in Brüssel. Belgische Behörden melden eine erste Festnahme. Im Land wächst die Angst vor neuem Antisemitismus.

DPA

Von , Brüssel


Das Jüdische Museum in Brüssel liegt ganz in der Nähe des Place Sablon, wo vieles versammelt ist, was die belgische Hauptstadt für Touristen aus aller Welt attraktiv macht: Schokoladengeschäfte, Bierbrauereien, Antiquitätenläden. Diese Beschaulichkeit wurde am Samstag von einem tödlichen Angriff erschüttert.

Gegen 15.50 Uhr parkte ein Mann seinen Audi vor dem Museum, in dem gerade eine Ausstellung des Künstlers Christian Israel präsentiert wird. Er trug nach Augenzeugenberichten einen Rucksack, lief in das Gebäude und feuerte dort eine Reihe von Schüssen ab. Drei Menschen, zwei Männer und eine Frau, waren laut Informationen der belgischen Polizei sofort tot, eine vierte Person soll schwer verletzt sein.

Anschließend gelang dem Täter zunächst mit seinem Auto zunächst die Flucht. Am Samstagabend vermeldeten die Behörden eine Festnahme. "Es gibt eine Person, die den Ort (der Schießerei) in ihrem Auto verlassen hat. Wir haben sie identifiziert und festgenommen", sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Es sei aber noch unklar, ob "sie etwas mit der Tat zu tun" habe, die Vernehmung sei im Gange.

"Terrorakt gegen jüdische Bürger"

War es eine gezielte antisemitische Attacke? Diese Fragen versetzen das Land, in dem am Sonntag neben der Europawahl auch die nationale Parlamentswahl stattfindet, in Aufregung. Der belgische Außenminister Didier Reynders, der schon kurz nach den Schüssen am Tatort eintraf, äußerte seinen "Schock über diese Mordtat". Belgiens Innenministerin Joelle Milquet sagte dem TV-Sender RTBF: "Alle Umstände müssen uns annehmen lassen, dass es sich um eine antisemitische Attacke handelt."

Nach Auffassung von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist die Tat auf eine antisemitische Stimmung in Europa zurückzuführen. Sie sei das Ergebnis einer "permanente Hetze gegen Juden und ihren Staat", sagte Netanjahu. Ähnlich äußerte sich Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC). Er verdammte den "furchtbaren Terrorakt, der eindeutig gegen jüdische Bürger gerichtet war. Am Vorabend der Europawahl erinnert uns diese abscheuliche Attacke daran, welchen Bedrohungen Juden in Europa derzeit ausgesetzt sind."

Der belgische Premier Elio Di Rupo sagte: "Alle Belgier stehen zusammen und zeigen Solidarität angesichts dieser abscheulichen Attacke auf eine jüdische Kulturstätte." Außerdem kündigte er an, die Sicherheitsvorkehrungen an allen jüdischen Einrichtungen in Belgien zu erhöhen.

Antisemitische Vorwürfe sind ein heikles Thema in Belgien. Im Jahr 1989 erregte der Mord an dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Joseph Wybran, weltweites Aufsehen. In dem kleinen Land mit rund 11 Millionen Einwohnern lebt eine jüdische Gemeinschaft, die rund 40.000 Mitglieder umfasst. Die meisten von ihnen wohnen in Antwerpen, doch auch die Brüsseler Gemeinschaft ist sehr aktiv.

Wiederholt hatten sich Vertreter jüdischer Einrichtungen in den vergangenen Jahren über antisemitische Anfeindungen beklagt, etwa die Beleidigung jüdischer Mitbürger oder gar tätliche Angriffe. In Brüssel gilt vor allem das Verhältnis der stetig wachsenden muslimischen Gemeinschaft zu jüdischen Mitbürgern als gespannt.

Joel Rubinfeld, Präsident der belgischen Liga gegen Antisemitismus, klagte nach den Schüssen am Samstag: "Das musste früher oder später passieren. Wir erleben hier seit Jahren immer mehr Antisemitismus. Dieses Attentat ist das unvermeidliche Resultat eines politischen Klimas, das von Hass geprägt ist."



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