Jugendgewalt Wir, die Schläger

Meine Stadt, meine Straße, mein Revier: Jahrelang zogen Peter und seine Kumpel prügelnd, stehlend, erpressend durch Berlin-Neukölln. Oft wurden sie erwischt, selten bestraft. Irgendwann hatten sie selbst genug - und stiegen aus.

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Berlin - Die silberfarbene Familienkutsche gleitet gemächlich durch den vorabendlichen Großstadtverkehr. Rote Lichter, Nieselregen, der Scheibenwischer zieht quietschend seine Bahnen auf der Windschutzscheibe. "Hier", sagt Peter* und deutet aus dem Fenster, "wollte mich mal einer mit einem Schraubenzieher abstechen. Ich hab dem mit 'nem Rohr eins gefeuert. Fertig." Der Wagen rollt weiter. "Da haben ein paar mit Baseballschlägern gewartet. Rappzapp, das ging ganz schnell." Und einige Ecken später: "Mit der Axt habe ich dort die Typen gejagt, die meinen Bruder abgezogen haben. Seine Schuhe hatte ich schnell zurück."

Die ungewöhnliche Stadtrundfahrt durch den Berliner Problembezirk Neukölln ist eine Tour in Peters Vergangenheit. Eine Zeit, von der er in dem einen Moment sagt, sie sei "aufregend" und "schön" gewesen, um direkt im nächsten zu ergänzen, er schäme sich dafür, in seiner Jugend ein solcher "Pisser" gewesen zu sein.

Peter ist jetzt 30, ein sehr höflicher, zurückhaltender Typ mit festem Händedruck und freundlichem Blick. Er arbeitet als Fußballtrainer bei einem deutschen Bundesliga-Club, hat einen Dienstwagen und will demnächst heiraten. Peter hat Glück gehabt, das weiß er. Glück, jede Messerstecherei überlebt zu haben. Glück, nie ins Gefängnis gesteckt worden zu sein. Glück, den Absprung aus dem Milieu geschafft und sich ein anderes Leben erarbeitet zu haben.

Dabei war Peter vor 15 Jahren genau einer dieser Jugendlichen, die Roland Koch nun am liebsten sofort und für lange Zeit wegschließen ließe. Mit 13 brach er in einen Baumarkt ein, mit 14 knackte er Autos und fuhr damit zur Schule, mit 17 lieferte er den Dönerbuden Neuköllns Schnaps, den er zuvor taschenweise geklaut hatte. Tausende Mark ergaunerte sich der Teenager so - Monat für Monat.

Hinzu kamen Hunderte Prügeleien, wahrscheinlich ebenso viele Vernehmungen durch die Polizei und 19 Anzeigen - unter anderem wegen Körperverletzung und Raub. Eingesperrt wurde Peter nie.

Gut, es hagelte Sozialstunden und einmal, da war er 14, musste er einem Gleichaltrigen, den er vermöbelt hatte, einen Kuchen backen und sich bei ihm entschuldigen. Täter-Opfer-Ausgleich nannte das der Richter, Peter lacht noch heute Tränen, wenn er daran zurückdenkt. Den Kuchen backte dann seine Oma.

Er wurde erwischt, angeklagt - und freigesprochen

"Wir wussten doch, dass wir nichts zu befürchten hatten. Die Polizei durfte nichts, die Richter trauten sich nichts. Die haben immer nur 'Du, du, du, du' gesagt und uns gehen lassen", sagt Peter.

Einmal erwischten ihn Beamte auf frischer Tat, als er U-Bahnen beschmierte. Vor Gericht stritt er alles ab. Freispruch.

Dann stellten ihn Zivilfahnder, als er einen Laden ausräumte. Er schlug einen Kripo-Beamten nieder und entkam. Damit war der Fall erledigt.

"Mich hat niemand in die Schranken gewiesen, es gab keine Respektpersonen in meinem Leben, keine Grenzen, keine Strafen", sagt Peter heute. Seine Eltern, beide Beamte, waren mit dem aufmüpfigen Sohn überfordert, die Lehrer hatten Angst vor ihm, und eine Psychologin, die ihn wegen seiner Aggressivität behandeln sollte, flehte weinend Peters Eltern an, er möge nie wieder zu ihr kommen.

Und während sein Zwillingsbruder, der heute katholischer Priester ist, auf ein glänzendes Abitur zusteuerte, trieb Peter sich herum auf den Straßen Neuköllns und fand - als einer der wenigen Deutschen - dort Anerkennung und Freunde. Zum Beispiel Marek*, das Schlitzohr, den Boxer und "Meisterdieb", wie Peter heute noch sagt. Zusammen überfielen sie Supermärkte, sprayten, klauten, prügelten auch, wenn es sein musste. "Es gab jeden Tag auf die Fresse. So ist das hier im Viertel, entweder du schlägst oder du wirst geschlagen", behauptet Marek.

"Wir konnten nehmen, was wir wollten, und keiner hat uns aufgehalten. Wir fühlten uns unantastbar", sagt der 30-Jährige, der inzwischen zwei kleine Kinder hat und bei der Bahn arbeitet. Sie trugen, da waren sie keine 18, Klamotten von Armani und Versace und fuhren, da waren sie endlich 18, Ferrari und Porsche. "Heute habe ich manchmal am Ende des Monats keine 20 Euro mehr in der Tasche, aber trotzdem will ich auf keinen Fall zurück in mein altes Leben", sagt Marek. "Es wäre nicht mehr lange gutgegangen."

Mit 21 kaufte er sich einen BMW M 5, "320 PS hatte der", und raste schnurstracks in sein Verderben: Totalschaden, ein Monat Koma, ein Jahr Rollstuhl und Narben am ganzen Körper. "Da bin ich aufgewacht und habe mir gesagt: 'Jetzt muss sich etwas ändern, sonst gehst du drauf.'" Marek stieg aus.

"Genau so ein aggressiver Kotzbrocken warst du auch"

Auch in Peters Leben gab es diesen Moment, und kein Sozialarbeiter, kein Richter, kein Polizist hat ihn herbeigeführt. Er hat es alleine geschafft, und darauf ist er stolz. Seinen Traum, Fußballprofi zu werden, hatte er wegen einer Knieverletzung aufgeben müssen, doch ein großer Berliner Verein stellte den damals 21-Jährigen als Jugendtrainer ein. Plötzlich spürte Peter Verantwortung, Anerkennung, Erfolg. "Ich habe mich in meinen Spielern wiedererkannt und mir sagen müssen: 'Genau so ein aggressiver Kotzbrocken warst du auch.'"

Peter und Marek haben Glück gehabt, sie sind ihrem Milieu entwachsen, doch viele der Kumpel von damals haben es nicht geschafft. Nicht wenige von ihnen sitzen in Haft, andere machen noch krummere Geschäfte als früher. "Schlechter Umgang verdirbt gute Eigenschaften", sagt Marek - und formuliert damit so etwas wie das Fazit des Gesprächs, in dem selbst die geläuterten Schläger offenbaren müssen, kein Patentrezept gegen die Gewalt zu kennen. Sie haben Brutalität in ihrer Kindheit erlernt, in ihrer Jugend gelebt und versuchen ihr nun als Männer zu entsagen.

Vielleicht hätten entschiedene Richter, durchgreifende Polizisten und konsequente Sozialarbeiter den beiden und damit auch ihren Opfern einiges erspart. Möglicherweise jedoch wären Peter und Marek durch Jahre im Jugendknast erst recht abgerutscht. Haben die zaudernden Behörden am Ende also doch alles richtig gemacht, indem sie auf die Selbstheilungskräfte der Schlägerseelen vetrauten? Eine Antwort ist nicht möglich, weil man eben nicht weiß, ob Peter und Marek es mit staatlicher Hilfe schneller aus dem Schlamassel geschafft hätten.

Die Freunde von einst nehmen Abschied an diesem Nachmittag in Neukölln und schütteln sich die Hände. Sie versprechen zu telefonieren, sich zu besuchen, in Kontakt zu bleiben. Man ahnt, dass es nicht so kommen wird. Und dann dreht sich Marek, schon fast in der Tür, noch um und ruft seinem Kompagnon von damals nur halb im Scherz zu: "Bleib anständig!"


* Name geändert



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