Jugendkriminalität in London Metropole der Messermörder

Shaquille aus London war 14 Jahre alt, als er vor einer Bank im Park verblutete. Ben starb mit 16, Robert mit 18: Schon 27 Jugendliche wurden in diesem Jahr in der britischen Metropole von Gleichaltrigen mit Messern erstochen. Polizei und Politik agieren bislang weitgehend hilflos.

Von Stefan Marx, London


London - Der Herbst in London ist nichts für Schreckhafte. An Straßenecken knallen Feuerwerksraketen, die vor der "Bonfire Night" am 5. November überall verkauft werden. Im südlichen Stadtteil Southwark lauern bleich geschminkte Gestalten, die Touristen in die Horrorgalerie "London Dungeon" zu locken versuchen.

Doch junge Leute in Southwark und anderswo haben echte Angst um ihr Leben: 27 Teenager wurden in diesem Jahr in der britischen Hauptstadt getötet, schon zu diesem Zeitpunkt mehr als im gesamten vergangenen Jahr. Bei den meisten Morden spielten Stichwaffen eine Rolle. Laut Scotland Yard sind Messermorde unter Jugendlichen das zweitgrößte Sicherheitsrisiko in London, gleich hinter möglichen terroristischen Anschlägen.

Statistiken der Londoner Polizei zeigen, dass 17- bis 20-jährige Londoner ein überdurchschnittliches Risiko tragen, mit einem Messer attackiert zu werden. Mehr und mehr Teenager tragen Messer - in den allermeisten Fällen aus Furcht, selbst angegriffen zu werden. In diesem Jahr stellten Londons Polizisten 2600 Messer bei Durchsuchungen von Jugendlichen auf der Straße sicher.

Einem Bericht der Tageszeitung "Independent" zufolge liegt die Zahl der Messerstechereien ungleich höher, als es die Zahlen der Polizei nahelegen: 2007 seien 14.000 Menschen mit Stich- und Schnittwunden in Krankenhäuser eingeliefert worden - ein Anstieg von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Scotland Yard operiert in London mit einer 75 Mann starken Taskforce, doch die gesteigerte Aktivität der Polizei konnte bisher Morde wie den an Oliver Kingonzila nicht verhindern. Dem 19-jährigen Fußballer war eine Profi-Karriere vorausgesagt worden. Sein Traum ging nicht mehr in Erfüllung: Er wurde an einem Freitagabend im September vor einer Bar im Südlondoner Viertel Croydon erstochen.

Die Szenerie vor der Bar war kurz nach Kingonzilas Tod gespenstisch: Dass hier noch Stunden zuvor einiges los gewesen war, zeigten nur Unmengen von Zigarettenstummeln vor dem Eingang an - und eine Blutspur an der gläsernen Tür. Die gesamte Front des Hauses war eingedeckt mit Dutzenden von Blumengebinden und Karten. Darauf immer wieder die Frage: "Warum?" Oliver war draußen vor der Bar in eine Auseinandersetzung geraten. Plötzlich zog einer der Beteiligten ein Messer. Zwei 18-Jährige wurden später verhaftet. Die Bar hat nun dichtgemacht.

Schon die kleinste Kränkung mit dem Messer beantwortet

Wie Oliver traf es viele Opfer bei Handgemengen abends vor einer Kneipe. Doch es wurden auch schon Jungen und Mädchen am helllichten Tag zu Opfern von Messerattacken, weil sich ihre Mörder allein durch ihre Blicke herausgefordert fühlten, Streit anzufangen. Oder weil sie zufällig in einen Bandenkrieg in ihrer Sozialwohnungssiedlung hineingeraten waren. Allen Fällen ist eins gemeinsam: Die Opfer waren zur falschen Zeit am falschen Ort.

Viele Londoner hatten sich jahrelang in Sicherheit gewiegt, Messerstechereien als Problem für soziale Minderheiten abgetan. Doch nun sind auch die besseren Kreise betroffen: Im Mai wurde der Schauspieler Robert Knox, 18, in der Nord-Londoner Szenegegend Islington erstochen, wo einst Tony Blair wohnte, bevor er Premierminister wurde. Rob Knox spielte im jüngsten "Harry Potter"-Film einen Schüler. Im Juli musste Ben Kinsella, 16, Bruder einer TV-Soap-Darstellerin, im gutbürgerlichen Vorort Sidcup sterben.

Kate Bradley, Dozentin für Sozialforschung an der University of Kent, sieht die alten britischen Klassen-Unterschiede am Wirken: Täter seien vor allem Habenichtse aus den Problemvierteln, egal ob schwarz oder weiß. "Das sind junge Leute ohne Job und Perspektive, die nichts mit ihrer Freizeit anzufangen wissen, die sich nichts von der Zukunft erhoffen."

Oft handele es sich um junge Männer mit geringem Selbstbewusstsein - schon die kleinste Kränkung beantworteten sie mit dem Messer, meist ohne Tötungsabsicht: "Bei den Messerstechereien kommt es zu fatalen Kombinationen aus Kraftüberschuss und zufälligen Provokationen", so Bradley im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das Problem beschränke sich nicht komplett auf die ärmeren Gegenden der englischen Innenstädte. Denn die Jugendlichen, die Streit suchen, bewegten sich durch die Stadt, auf der Suche nach Zerstreuung. Trotzdem seien es vor allem die ärmeren Schichten, die deutlich mehr Angst vor Jugendbanden haben - sie seien die leichteren Opfer.

Nur eine Straße trennt Millionärsvillen von Sozialsiedlungen

In England wuchsen in den vergangenen Jahren die sozialen Unterschiede: Während die Mittel- und Oberschicht von zwölf Jahren Wirtschaftswachstum profitierte, wuchs die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss und Ausbildungsplatz. In London trennt manchmal nur eine Straße Millionärsvillen von Sozialsiedlungen. Jetzt, am Ende der britischen Boom-Jahre, bereitet selbst das Innenministerium die Bürger verschämt auf einen Anstieg der Kriminalität vor.

Die konservative Opposition sieht die Teenager-Morde als klarsten Beweis für ihre These von Großbritannien als einer "kaputten Gesellschaft" - geprägt von zerfallenen Familien, Alkohol, Gewalt und Ignoranz. Die Kriminalitätsrate sei "außer Kontrolle": So verkündet es Tory-Chef David Cameron seit Monaten landauf, landab.

Jugendforscherin Kate Bradley warnt jedoch vor Panikmache: Jugendbanden bevölkerten schon im 19. Jahrhundert die Innenstädte Englands. "Vieles von dem, was wir gerade erleben, ist absolut nichts Neues - es ist ein Phänomen großer Städte", sagt die Wissenschaftlerin.

Schon seit Jahrzehnten seien in Innenstädten bei einem Fünftel aller Gewalttaten Messer im Spiel. Die Wahrnehmung sei nun stärker, weil die Angst vor Gewalt höher sei. Doch auch Bradley kennt die Statistik, dass 2006/07 in England und Wales insgesamt 203 männliche Jugendliche unter 30 ermordet wurden, ein Anstieg von etwa einem Viertel seit 2002/03.

"Wir können den Nachschub an Messern nicht unterbinden"

Zahlen und Schicksale, die im vergangenen Monat rund tausend Menschen in den Hyde Park trieben, sonst eher Schauplatz wütender Anti-Kriegs-Demonstrationen. Angeführt wurde der Protest gegen die Messermorde von Angehörigen von Opfern wie der Großmutter von Shaquille Smith. Ihr 14-jähriger Enkel war vor Mitte September von einem Dutzend Jugendlichen in Ost-London erstochen worden. Shaquille hatte friedlich auf einer Bank im Park gesessen, berichtete die alte Frau, als die Angreifer - allesamt Jugendliche - über ihn herfielen.

Die Demonstration, besucht auch von Politikern und Prominenten wie dem Leichtathleten Dwain Chambers, geriet zum Fanal der Hilflosigkeit: "Wir können den Nachschub an Messern nicht unterbinden", sagte Mark Simmons, der für Gewaltkriminalität zuständige Polizeichef bei Scotland Yard, in seiner Rede. "Sie sind in jedem Küchenschrank." Der Rest seiner Ansprache ging in Buh-Rufen unter.

London Oberbürgermeister Boris Johnson will im November ein neues Strategiepapier gegen Jugendgewalt herausbringen. Er sei traurig über die 27 Todesopfer, so Johnson. Es müsse Schluss sein mit den Gangs. Diese Jugendlichen bräuchten eine Ausbildung, eine Perspektive.

Altbekannte Einsichten - und wenig Aussicht auf schnelle Besserung. Die Angst vor Messern wird Londons Teenager weiter begleiten.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
darkwingduck, 29.10.2008
1. Ist doch einfach lösbar
Zitat von sysopShaquille aus London war 14 Jahre alt, als er vor einer Bank im Park verblutete. Ben starb mit 16, Robert mit 18: Schon 27 Jugendliche wurden in diesem Jahr in der britischen Metropole von Gleichaltrigen mit Messern erstochen. Polizei und Politik agieren bislang weitgehend hilflos. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,586782,00.html
Wann agieren Politiker denn nicht hilflos? Vorschlag: Wir exportieren Beckstein nach England. Der verbietet alle Killerspiele - und schon ist das Problem gelöst.
Grimbold 29.10.2008
2. Messerstecher
Zitat von sysopShaquille aus London war 14 Jahre alt, als er vor einer Bank im Park verblutete. Ben starb mit 16, Robert mit 18: Schon 27 Jugendliche wurden in diesem Jahr in der britischen Metropole von Gleichaltrigen mit Messern erstochen. Polizei und Politik agieren bislang weitgehend hilflos. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,586782,00.html
Meserstecherei unter Jugendlichen war in England fast unbekannt, bis die Einwanderungswelle aus Laendern mit Kulturen wo Messerstecherei nichts ungewoehnliches war ueberschwappte. Aber das wird natuerlich im Spiegel wieder totgeschwiegen.
zx6 29.10.2008
3. Täter
Hallo, ich finde erstaunlich wenig Angaben über die Täter. Es sind ja durchaus schon welche gefasst worden. Ist die Zuordnung auf "schwaches soziales Milieu" das einzige Merkmal, das die gefassten Täter gemeinsam hatten? Oder ist es nur unschicklich zu behaupten, daß es sich um ein in zweiter Generation importiertes Problem handelt?
senn-heist-er 29.10.2008
4. bald auch bei uns
ich denke, die haben ein massives Einwandererproblem, das gleiche steht uns bevor, nur ein bißchen später;-)
politicon 29.10.2008
5. Metropole der Messermörder
Vor einigen Jahren kam es in Grossbritannien zu einem Massaker mit Faustfeuerwaffen an einer Schule. Es wurde anschliessend das restriktivste Waffenrecht in Westeuropa umgesetzt. Kurzwaffen, sogar historische Sammlerstücke, sind schlicht verboten und wurden, soweit nicht auf den Kontinent oder in die USA veräussert, eingezogen. Ab dem folgenden Jahr konnte ein stetiges Anwachsen der Schusswaffenkriminalität festgestellt werden. War vorher der Besitz oder das Führen einer Schusswaffe unter den gewaltbereiten Jugendlichen das High-Light, so hat sich nunmehr das Messer zum Zeichen des jugendlichen, männlichen Kriegers gemausert. Würden nunmehr Messer genauso restriktiv behandelt wie weiland die Pistolen und Revolver, so würde es sicher nicht lange dauern bis das Tragen von Keulen und Morgensternen in den Bereich des Unterschichten-Chics avancierte. Alternativ könnten es auch zweckentfremdete Gartenwerkzeuge sein. Es liegt nicht an den Tötungswerkzeugen, sondern am Ideal des jugendlichen, männlichen Kriegers. Dieses Ideal war evolutionsbiologisch in vorangegangenen Epochen sinnvoll. Die Gewaltanwendung ist im Zuge der sozialen Ausdifferenzierung und der Arbeitsteilung auf besondere Personengruppen beschränkt worden und unterliegt politischer Kontrolle. In dieser Form ist Gewalt nur beschränkt zur pubertären Triebabfuhr geeignet. Die kruziale Frage ist also die nach den Ventilen für dieses Gewaltpotential. Vielleicht sollte man grobgeregelte Formen des Urfussballs wieder zulassen.
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