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28. März 2010, 17:19 Uhr

Jugendkriminalität

Teenager-Morde erschüttern Großbritannien

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Erst Sofyen Ghailan, dann Godwin Lawson: Innerhalb von 36 Stunden wurden in London zwei Teenager erstochen. Die Polizei vermutet, sie seien Opfer von Revierkämpfen von Jugendbanden aus verschiedenen Stadtteilen geworden - und fürchtet eine Eskalation.

Hamburg - Der Bahnhof Victoria Station ist überfüllt, Reisende ziehen ihre Trolleys durch die Halle, lavieren sich durch Pendler, Schulkinder, Geschäftsleute. In diesem Gedränge jagte eine Gruppe von mehr als 20 Jungen und Mädchen einen 15-Jährigen durch die Halle, schließlich drängte sie Sofyen in eine Ecke neben dem Fahrkartenautomaten der U-Bahn, am Zugang zu Circle und District Line. Es gab einen Kampf, alles ging rasend schnell, viele Male rammten die Täter das Messer in Sofyens Oberkörper - dann lag er zusammengesunken auf den beigefarbenen Fliesen, überall war Blut.

Der 15-Jährige wurde erstochen, mitten im Feierabendverkehr, an einem der belebtesten Plätze der britischen Hauptstadt.

Während Sanitäter sich am vergangenen Donnerstagabend um den Jungen kümmerten, jagten Polizisten die Angreifer in Uniform - Schuluniform. 20 Verdächtige nahmen die Ermittler wenig später fest, 19 von ihnen sitzen immer noch in Haft. 14 bis 17 Jahre sind die Jungen alt. Sie hatten versucht, mit Bussen vom Tatort zu fliehen.

Die Polizei geht davon aus, dass es sich bei dem Angriff nicht um eine Affekttat handelte: Vielmehr sei die Jagd von langer Hand geplant gewesen. "Die mutmaßlichen Täter reisten aus verschiedenen Richtungen mit dem Bus zur Victoria Station", sagt Chefermittler John McFarlane dem "Guardian", "und alle trugen Waffen bei sich". Die Polizei prüft derzeit, ob es eine Verbindung zu einem Kampf gibt, der sich am Mittwochabend in dem Bahnhof ereignete - und an dem ebenfalls verschiedene Schülergruppen beteiligt waren. "Dieser Ort hat sich in einen blutigen Dschungel verwandelt", sagte ein Ladenbesitzer der Zeitung. Immer wieder sei es in der letzten Zeit in dem Bahnhof zu Auseinandersetzungen gekommen.

Die Beamten gehen davon aus, dass es sich bei den Streitigkeiten um Revierkämpfe verschiedener Gangs aus unterschiedlichen Londoner Stadtteilen handelt. So sollen Schüler von Sofyens Schule, der Henry Compton School in Fulham, einem Stadtteil im Westen Londons, Fehden mit Jugendlichen aus dem Nordwesten und dem Süden der Stadt austragen.

Der Big Rev, wie sie Godwin nannten, starb auf offener Straße

Keine 36 Stunden später starb ein weiterer Teenager auf den Straßen Londons: In den frühen Morgenstunden des Samstags wurde die Polizei zu einer Auseinandersetzung in Stamford Hill im Osten der Stadt gerufen. Auf der Straße Amhurst Park, Ecke Durley Road, fanden die Beamten drei verwundete Teenager, alle wiesen Stichverletzungen auf. Für den 17-Jährigen Godwin Nii Lawson kam jede Hilfe zu spät, er starb noch am Tatort, in unmittelbarer Nähe der Stamford Hill Railway Station.

Gegen 1.50 Uhr hatten mindestens vier bewaffnete Männer Godwin, genannt Big Rev, und seine beiden Freunde angegriffen. Die Ermittler befürchten, dass auch hinter dieser Tat Gangrivalitäten stecken.

Denn Sofyen und Godwin haben viel gemeinsam - auch wenn sie sich vermutlich zu Lebzeiten nie begegnet sind. Beide Jungen sind Söhne von Einwanderern: Godwins Eltern stammen aus Ghana, Sofyens Familie soll ihre Wurzeln in Marokko haben. Beide lebten mit ihren Geschwistern in sogenannten Problemvierteln, mit einem hohen Anteil an sozialem Wohnungsbau und hoher Arbeitslosenquote. Beide besuchten Problemschulen. Und beide hofften sie auf eine Karriere als Profifußballer.

"Die Messer liegen in jedem Küchenschrank"

Sofyens Onkel sagte dem "Mirror", sein Neffe habe an einem Nachwuchsprogramm des britischen Prestigeclubs Chelsea teilgenommen. "Chelsea Kicks" soll vor allem Jugendliche aus benachteiligten Gegenden unterstützen. Auch Godwin wird von seinen Freunden als ambitionierter Fußballer beschrieben. Wenn er nicht Fußball spielte, dann machte er Musik. Die Lokalzeitung "Enfield Independent" schreibt, Godwin habe unter seinem Künstlernamen "Revenge 24" im Netz ein Mixtape erstellt. Dessen Titel: "Revenge is sweet", zu deutsch: "Rache ist süß".

Mit seiner Mutter und seinem Stiefvater lebte er im Norden Londons - getötet wurde er im Osten der Stadt. Auch soll der Reverend, wie seine Freunde den 17-Jährigen nannten, Mitglied der Facebook-Gruppe "Stop this postcode rivalry nonsense" ("Stoppt den sinnlosen Kampf der Stadtteile") gewesen sein. Natalie Rochester-Clarke, die mit dem 17-Jährigen befreundet war, sagte "Sky News", Godwin sei Opfer eines Bandenkrieges geworden. "Er stammt aus Tottenham und getötet wurde er in Stamford Hill." Das klingt gerade so, als bedürfe es keiner weiteren Erklärung, als reiche es aus, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Tatsächlich hat es in den vergangenen Jahren zahlreiche Teenager-Morde in der britischen Hauptstadt gegeben - und mit den beiden Taten innerhalb kürzester Zeit steigt die Angst vor brutalen Jugendgangs, die ihre Auseinandersetzungen auf der Straße austragen - und auch vor Bluttaten nicht zurückschrecken. 2009 wurden in London 14 Teenager umgebracht, 2008 waren es sogar beinahe 30. Damals galten Messermorde laut Scotland Yard als zweitgrößtes Sicherheitsrisiko unter Jugendlichen in London - gleich hinter möglichen terroristischen Anschlägen. Der "Independent" berichtete damals, im Jahr 2007 seien 14.000 Menschen mit Stich- und Schnittwunden in Krankenhäuser eingeliefert worden.

Nun untersucht die Polizei, ob die Taten über soziale Netzwerke organisiert wurden, ob man im Netz vereinbarte, Sofyen und Godwin zu töten - und welche Rolle die Auseinandersetzungen zwischen den Gangs spielen. Noch dauern die Ermittlungen an. Doch selbst wenn sie abgeschlossen sind, bleiben die Probleme bestehen.

Im September 2008 demonstrierten Hunderte Menschen im Hyde Park gegen die eskalierende Jugendgewalt. Einer der Redner war der damals für Gewaltkriminalität zuständige Polizeichef von Scotland Yard. "Wir können den Nachschub an Messern nicht unterbinden", sagte Mark Simmons in seiner Ansprache. "Sie liegen in jedem Küchenschrank."

Der Rest seiner Rede wurde durch Buh-Rufe erstickt.

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