Tödliche Attacke in Hamburg Nach dem Messerangriff rief er selbst die Polizei

Am helllichten Tag tötete Mourtala M. seine kleine Tochter und deren Mutter mitten in der Hamburger Innenstadt - das hat er im Prozess eingeräumt. Vor Gericht bricht der Angeklagte in Tränen aus.

Angeklagter M., Verteidiger Burkert
Martin Brinckmann/BILD/Pool/dpa

Angeklagter M., Verteidiger Burkert

Von Wiebke Ramm


Den Polizisten bot sich ein Bild des Grauens, als sie am 12. April kurz vor 11 Uhr am S-Bahnsteig Jungfernstieg ankamen. Eine Frau und ein kleines Mädchen lagen in ihrem Blut. Eine Bundespolizistin versuchte, das Kleinkind wiederzubeleben. Vergebens. Zu massiv waren die Verletzungen. Die Mutter starb eine Stunde später. Die Polizistin war nach dem Einsatz für fünf Wochen krankgeschrieben. So schildert es ihr Kollege vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Hamburg.

Der erste Notruf erreichte die Polizei an jenem Donnerstag um 10.49 Uhr. Der Vorsitzende Richter Joachim Bülter lässt die Aufzeichnung im Gerichtssaal vorspielen. "Da ist gerade jemand angestochen worden", sagt die Anruferin. Sie klingt aufgeregt. Ein Krankenwagen solle bitte sofort zum Jungfernstieg kommen. "Eine Dame wurde von einem Schwarzen angestochen", sagt sie. Die Anruferin wendet sich offenbar einer Frau im Hintergrund zu. "Hat das Kind auch etwas abbekommen?", fragt sie. Deren Antwort ist im Saal nicht zu verstehen. Die Anruferin wiederholt sie: "Das Kind hat einen aufgeschnittenen Hals." Sie stockt. Dann: "Oh mein Gott!"

Im Gerichtssaal erklingt in diesem Moment lautes Schluchzen. Wieder und wieder. Mourtala M. ist auf der Anklagebank zusammengebrochen. Sein Kopf ist auf die Tischplatte gesunken. Der 34-jährige Mann aus dem westafrikanischen Niger weint. Der Vorsitzende Richter unterbricht die Verhandlung für einige Minuten.

"Arg- und wehrlos"

M. ist geständig, am 12. April vor zahlreichen Zeugen am S-Bahnhof seine einjährige Tochter Mariam und seine ehemalige Lebensgefährtin ermordet zu haben. Das Mädchen saß in seiner Kinderkarre, als M. ihm mit einem Messer zunächst in den Bauch stach und dann mit einem Schnitt massive Verletzungen an Hals, Wirbelsäule und Rückenmark zufügte.

Mariams Mutter Sandra P. soll von dem Angriff auf ihre Tochter nichts mitbekommen haben. Sie habe mit dem Rücken zu Mariam und M. gestanden, liest Staatsanwältin Maria Hutka aus der Anklage vor. Die 34-jährige Mutter sei "arg- und wehrlos" gewesen, als Mourtala M. ihr wenige Sekunden später das Messer in den Rücken stieß. Das Kleinkind starb noch am Tatort, die Mutter wenig später im Krankenhaus.

Der Angeklagte habe die Tat begangen, um seine "eigensüchtigen Macht- und Besitzansprüche" an dem Kind zu demonstrieren, trägt Staatsanwältin Hutka vor. Sandra P. hatte sich in einen anderen Mann verliebt. Einen Tag vor der Tat hatte ein Gericht Mourtala M. angekündigt, dass er den Streit um das gemeinsame Sorgerecht für Mariam verlieren werde. Der Afrikaner hatte durch die Vaterschaft eine befristete Aufenthaltserlaubnis erhalten. Am Morgen des Tattages hatte M. seine Tochter unter Aufsicht noch eine Stunde lang sehen dürfen.

Wenig später soll er Sandra P. und Mariam zufällig in der S-Bahn getroffen haben. Sandra P. war Mutter von fünf Kindern von drei verschiedenen Männern. Sie hatte an diesem Tag nicht nur Mariam bei sich, sondern auch einen ihrer Söhne, drei Jahre alt, und ihren neuen Freund. Mourtala M. soll schon in der Bahn aggressiv geworden sein. Am Jungfernstieg stiegen alle fünf aus - und Mourtala M. zog laut Anklage ein Keramikmesser mit einer 19 Zentimeter langen Klinge aus dem Rucksack.

Er habe er die Morde "aus Wut" über die richterliche Zurückweisung am Vortag und "aus Rache" an seiner Ex-Freundin begangen, weil sie ihrem neuen Lebensgefährten den Kontakt zu seiner Tochter ermöglicht habe - so beschreibt es die Staatsanwaltschaft.

Gleich zu Beginn der Hauptverhandlung verliest Verteidiger Tim Burkert eine kurze Erklärung für seinen Mandanten: "Herr M. gibt zu, dass er seine Tochter und ihre Mutter getötet hat. Was er Mariam, ihrer Mutter und ihren Angehörigen angetan hat, ist bei Gott eine Sünde. Herr M. betet für Mariam und Sandra P."

Wenig später ertönt die Stimme des Angeklagten über Lautsprecher im Saal. Auch Mourtala M. hat kurz nach der Tat den Notruf gewählt, fünf Minuten nach der ersten Anruferin. Das Gericht lässt auch diesen Mitschnitt vorspielen. M. spricht sehr schnell und sehr undeutlich. Die deutsche Sprache beherrscht er nicht sehr gut.

"Ich habe einen Fehler gemacht, mit meiner Tochter", ist zu hören. Dann: "Ich habe Tochter mit Messer..." Und: "Ich liebe meine Tochter." Er wiederholt den Satz. Der Polizist begreift schnell, mit wem er da spricht. Er fragt M., ob er kurz zuvor am Jungfernstieg gewesen sei und sich nun stellen wolle. M. bejaht beides.

Was passiert sei, fragt der Beamte. M. spricht hektisch, unzusammenhängend: Seine Tochter sei 2017 geboren, seine Frau habe einen neuen Mann, sagt er. "Aber dann sticht man doch nicht mit einem Messer zu", sagt der Polizist. "Ja", sagt M. Der Beamte bittet ihn, zu bleiben, wo er sei, an der Mönckebergstraße, nicht weit weg vom Jungfernstieg. Er solle dort auf die Polizei warten. "Ich warte", sagt M. Im Hintergrund sind Polizeisirenen zu hören.

Der Junge blieb zurück

Nicht nur Mourtala M. war damals zunächst vom Tatort weggelaufen. Auch der neue Freund von Sandra P. floh vom Bahnsteig. Zurück ließ er ihren dreijährigen Sohn. Der Junge kam zunächst in die Obhut der Bundespolizei, schließlich in die des Kinder- und Jugendnotdienstes.

Mourtala M. hatte am Tattag weder Alkohol noch Drogen im Blut. Der Richter verliest am ersten Verhandlungstag die entsprechenden Untersuchungsergebnisse. Und einen Monat vor der Tat hatte das Amtsgericht Hamburg-St. Georg ihm noch eine günstige Legalprognose bescheinigt.

Mourtala M. war Ende 2016 und Anfang 2017 insgesamt dreimal beim Schwarzfahren erwischt worden. Bei zwei der U-Bahn-Fahrten soll er auf dem Weg zu seiner sogenannten Qualifizierungsmaßnahme zum Malergehilfen gewesen sein. Vor Gericht soll er angegeben haben, dass ihm das Geld für einen Fahrschein gefehlt habe. Im März wurde er vom Amtsgericht zu 15 Tagessätzen à acht Euro verurteilt. Von einem vierten Vorwurf wurde er freigesprochen, Sandra P. hatte ihn angezeigt. Es ging um Sachbeschädigung.

Anfang Februar 2017 soll M. mit Fäusten gegen die Haustür von Sandra P. gehämmert haben. Dabei sei eine Glasscheibe zu Bruch gegangen. Das Gericht ging von Fahrlässigkeit aus. Fahrlässige Sachbeschädigung ist nicht strafbar, eine Verurteilung in diesem Fall erfolgte nicht.

Wegen Mordes droht Mourtala M. eine lebenslange Freiheitsstrafe und möglicherweise die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Ein Psychiater untersucht, ob er zur Tatzeit schuldfähig gewesen ist.

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