Thomas Fischer

Juristen Welterklärer, Problemerfinder, Bedenkenträger

Thomas Fischer
Eine Kolumne von Thomas Fischer
Eine Kolumne von Thomas Fischer
Wenn eine Angelegenheit kompliziert wird, liegt es, so sagt der Volksmund, meist an Juristen. Generalabrechnungen mit ihnen sind daher Pflicht eines jeden Besserwissers. Warum studieren trotzdem so viele das Fach?
Jurastudierende in Freiburg (Archivbild von 2017)

Jurastudierende in Freiburg (Archivbild von 2017)

Foto: Patrick Seeger / picture alliance / dpa

Heute, sehr geehrte Leser, habe ich mir vorgenommen, weder über Mord noch über Corona zu schreiben, sondern über etwas Erfreuliches. Zum Beispiel über das Wesen der Juristen, also etwas wirklich Harmloses und Spannendes. Natürlich hängt wieder einmal alles mit allem zusammen, denn wie Sie wissen, ist seit Einführung der sogenannten »Maßnahmen« im Februar 2020 die Zahl der Juristen in Deutschland ähnlich explodiert wie die Zahl der Epidemiologen seit der Entdeckung der Stadt Wuhan kurz zuvor. Obwohl manches für das Gegenteil sprechen würde, haben dadurch leider weder die berufsmäßigen Juristen noch die hauptberuflichen Epidemiologen entscheidend an Ansehen gewonnen. Vielmehr ist die Epidemiologie in 500 Schulen der Exponentialkunde zerfallen, während sich die Rechtskunde zugleich in ebenso viele Meinungsgruppen der Gefahrbekämpfungswissenschaft differenzierte. Zeit also, einmal zu den Quellen zurückzukehren und uns zu fragen, was die Juristen an sich, vor allem aber die Juristen in uns allen wertvoll macht in dieser Zeit.

Anstoß

Ende 2018 studierten ungefähr 110.000 meist junge Menschen an insgesamt 43 juristischen Fakultäten in Deutschland Rechtswissenschaften. 62.000 von ihnen waren Frauen, 48.000 Männer; weitere Geschlechter wurden nicht gezählt. Erfreulich viele Ausländer waren darunter, darunter nicht wenige aus China und Japan. Im Januar 2020 waren in Deutschland 166.000 Rechtsanwälte zugelassen, dreimal so viele wie 1990. Der Anteil der Juristen in sonstigen Berufen ist schwer zu schätzen: Viele sind in öffentlichen Verwaltungen beschäftigt, auch die Zahl der nicht als Rechtsanwalt zugelassenen Unternehmensjuristen dürfte groß sein. Wahrscheinlich gibt es in Deutschland mehr als 300.000 als Juristen berufstätige Menschen, halb so viele befinden sich in Ausbildung. Das Studium wird von knapp 30 Prozent der Studierenden abgebrochen, meist schon in den ersten Semestern; die Anzahl der erst nach Abschlussprüfungen endgültig Scheiternden ist daher nicht sehr groß. Für diese Gruppe ist der Misserfolg aber oft bitter, weil sich hier das Fehlen der Eignung erst am Ende der Zwanziger-Lebensjahre herausstellt und die Neuorientierung dann schwerfällt. Insgesamt spricht also viel dafür, dass die Zahl der Juristen in Deutschland auch zukünftig noch ansteigen wird. 

Angriff

Das Ansehen der Berufsjuristen in der öffentlichen Meinung ist notorisch bestenfalls durchwachsen. In den Kategorien »Vertrauen« und Sozialprestige kommen sie – allerdings mit großen Unterschieden nach Berufsgruppen – noch einigermaßen über die Runden; bei der Beurteilung berufsunspezifischer Qualitäten in den Fächern des allgemein Menschlichen fallen die Bewertungen oft deprimierend aus. Das könnte einem aus mindestens zwei Gründen herzlich egal sein: Zum einen, weil andere Berufsgruppen keinesfalls besser dran sind (ich sage nur: »die Mediziner«, »die Soziologen«, »die Beamten«, »die Lehrer«); zum anderen, weil das Maß der öffentlich bekannt gegebenen Verachtung erfahrungsgemäß oft in direkt proportionalem Verhältnis zum Mangel an Kenntnis und Fantasie steht. Das sieht der Kritiker natürlich anders, der sich überdies darauf berufen kann, dass die Zahl der Kranken durch eine Zunahme an Ärzten nicht sinkt, sondern ständig steigt, schon allein deshalb, weil wellenförmig immer neue und daher umso heilungsbedürftigere Krankheitsbilder das Land strapazieren (ich sage nur: Laktoseintoleranz, ADHS in Kombination mit Ritalin-Allergie, LDL-Cholesterin unter 88 oder über 92, Parodontitis im Greisenalter, usw.). Ähnlich mittelstandsfördernde Innovationen sind auch im Rechtswesen verbreitet.

Ein Überblick über die fünf wichtigsten Vorbehalte gegen Juristen ist schnell geschafft. Erstens: Schon die Sprache, in welcher sich Juristen mit ihrer Umwelt verständigen, gilt dem sogenannten gesunden Menschenverstand gern als Vorstufe zur Geisteskrankheit. Angeblich bleibt sie normalen Menschen unverständlich, selbst wenn sie scheinbar vertraute Vokabeln benutzt. Zweitens: Statt Gerechtigkeit nur Argumente, mal so, mal so, und im Ergebnis kommt es immer auf irgendetwas an, was gerade nicht zur Hand ist. Drittens: Argumente gegen Geld, Interessenvertretung aus purer Geldgier. Viertens: Handlanger der Macht, Unterdrücker der Geknechteten, Vernebler der Aufklärung. Fünftens: Welt- und Lebenskomplizierer, Alleswisser, Rechthaber.  

Abwehr

Aus Sicht der so Beschriebenen sieht das ganz anders aus. Schon die Gattungsbeschreibung erscheint willkürlich, wenn man die tatsächlichen Berufs- und Lebensbiografien betrachtet und vom Gesichtspunkt einer meist Jahrzehnte zurückliegenden Grundausbildung absieht. Eine in einer Einzelkanzlei tätige Familienrechts-Anwältin hat mit einer Vorsitzenden Richterin am Finanzgericht nicht mehr gemein als ein Mechatroniker mit einem Elektroingenieur, und ein bei einer Wirtschaftsprüfergesellschaft tätiger Unternehmensjurist kann sich mit einem Staatsanwalt für BtM-Delikte in aller Regel auch nur über Fußball, Corona oder den Zinssatz für Immobilienkredite unterhalten.

Die Sprache ist ein Zaubermittel, nicht nur, aber jedenfalls auch im juristischen Beruf. Dass sie, jedenfalls zum Teil, auch Fachsprache ist, trifft zu, ist aber eigentlich kein Problem. Die Mehrzahl der Menschen ist nicht zu dumm, den Unterschied zwischen Diesel und Super zu verstehen, zwischen Wasserstoff und Sauerstoff oder zwischen Retriever und Bernhardiner. Also wird es wohl mit dem Unterschied zwischen Besitz und Eigentum, Kauf und Miete, Raub und Diebstahl ebenfalls klappen. Auch was eine Urkunde, eine Grundschuld, ein Wegerecht oder ein Schadensersatz sind, kann unschwer lernen, wer jederzeit routiniert über Schwarze Löcher, Nullzinspolitik, Nahostkonflikte und den Stand der IT-Technik zu parlieren weiß.

Es sind – auch dies entgegen populärer Missverständnisse – natürlich nicht die Wörter, die schwierig sind. »Abwägungsvorbehalt« ist, genau betrachtet, eigentlich nicht schwieriger als »Authentizitätseinbuße« oder »Automatisierungsexperte«, und »Zustellungsurkunde« kann sich der durchschnittliche Abiturient ebenso gut merken wie »Zinsabschlagsvorbehalt« oder »Zwischenhandelsvolumen«. Von der Durchseuchung des Alltags mit fremdsprachigen Begriffen aus der Finanz-, Medizin-, Psycho- und Kulturwelt wollen wir gar nicht sprechen; dagegen hält sich das Rechtswesen mit seinen paar bildungsbürgerlichen Brocken Küchenlatein bescheiden und ringt um phonetische Volksnähe.

Sehr bedauerlich ist es, dass junge Juristen noch immer auf die Mär hereinfallen, die Verwendung einer rührend altertümlichen Kanzleisprache könne dem gemeinen Rechtsunkundigen als Zeichen der juristischen Gelehrtheit erscheinen. Sie treiben es mit der sprachlichen Camouflage zwar nicht so abwegig wie die Soziologen oder die Unternehmensberater, aber das eine oder andere Strohfeuer lässt sich notfalls über dem fachlichen Blindflug abbrennen. Besser wäre es, das sein zu lassen. Man muss nicht in jedem zweiten Satz das Wort »vorbehaltlich« verwenden, und auch »unter Berücksichtigung des Umstands, dass« will sparsam eingesetzt sein.

Schwierig an der juristischen Sprache ist für viele ihr Zusammenhang, besser gesagt: Der Umstand, dass es zwischen den Satzinhalten eine systematische Struktur und zwischen den Begriffen einen Zusammenhang gibt. Beides erscheint vielen geheimnisvoll, oft willkürlich: Kaum hat man die Anwendung einer Regel im Fall X verstanden, muss man hören, dass sie im Fall Y nicht gelte, es sei denn, dass die Ausnahme Z vorliegt, von der aus den Gründen eins bis vier abgewichen werden könne. So etwas überfordert den Alltagsmenschen allerdings entgegen zahllosen Behauptungen nicht schon schlechthin, da es in Wahrheit in hohem Maß dem Organisationsprinzip seiner täglichen Lebenswelt entspricht: Wir essen montags Pasta, wenn die Mama nicht im Büro gegessen hat und der Yogakurs der Tochter ausfällt, dann aber nur mit Bärlauchpesto, es sei denn, dass der Sohn zum Abendessen kommt und nicht schon bei seiner Freundin gegessen hat. Ganz normale Juristerei.

Es ist jedoch so, dass Nichtjuristen in aller Regel keinen Zusammenhang zwischen der Lebenswelt von Frau A und derjenigen von Herrn B sehen. Aus diesem Grunde können sich beide eine Stunde lang über die Probleme mit ihren Vermietern oder die Unterhaltspflicht ihrer Ex-Ehepartner unterhalten, ohne dass irgendetwas anderes geklärt wird, als dass das Leben schwer sei. Der Sinn des Rechtsgesprächs ist nicht, eine Lösung für eines der Probleme zu finden. Er erschließt sich Gender-intuitiv: Wenn A und B Frauen sind, geht es um die Herstellung zwischenmenschlicher Wärme. Sind beide Männer, geht es um den Austausch überragender Kenntnisse angeblich ähnlicher Fälle sowie von Hinweisen auf garantiert hilfreiche Beziehungen. Sollten A und B sich mit der Zuschreibung verschiedener Geschlechter einverstanden erklärt haben, versagt die Fantasie und wir kommen ohne Mediatorin nicht aus.

Beim nächsten Treffen wird das Ganze fast gleichlautend und mit demselben Ergebnis wiederholt. Schlichte Rechtsauskünfte können dem Leid nicht abhelfen, denn der Gesetzgeber hat einmal mehr versagt und die extrem individuell gelagerten Fälle von A und B nicht ausdrücklich geregelt. Außerdem ist mit Händen greifbar, dass ein Abschluss der Kommunikation durch Hinweise auf übersichtliche gesetzliche Regelungen die Bedürfnisse nach empathischer Wärme und souveräner Selbstdarstellung nicht annähernd befriedigen würde. Es muss daher vermieden werden, eine eventuell passende Rechtsnorm im Original zur Kenntnis zu nehmen oder ein höchstrichterliches Urteil für relevant zu halten, solange es darin um Drei- statt um Vierzimmerwohnungen ging oder die unterhaltspflichtige Person weiblich statt männlich war.

Die Sache endet also wie immer: Frau A und Herr B fragen zunächst alle ihre Verwandten und Freunde mehrmals nach deren Rechtsauffassung, lösen den Streit in 97 Prozent der Fälle, indem sie ihre jeweiligen Feinde zeitlebens nicht mehr grüßen, und nehmen sich in den restlichen drei Prozent auf Empfehlung der besten Freundin / eines alten Kumpels besonders gerissene Rechtsanwälte, die geheime Zaubertricks kennen und den Gegner in jedem Schriftsatz viermal beleidigen.  

Mittelfeld

Spezifisch juristisch ist also eigentlich die Denke. Zwischen einem Verwaltungsrechtler und einem Elektroingenieur klafft ein mentaler Abgrund, der sich nach dem Ende des Universalgelehrtentums nicht mehr überbrücken lässt. Juristen denken »deduktiv«, also pyramidenförmig von oben nach unten. Sie sind stets auf der Suche nach einem begrifflichen »System«, das sich als einigermaßen schlichte Hierarchie von Tatsachenbeschreibungen und Normebenen verstehen lässt. Es ist Juristen egal, wie ein Auto heißt und welche Vorzüge es hat, solange es ausreicht zu wissen, dass es eine bewegliche Sache ist. Das klingt einfach, ist aber schwierig zu lernen und das Vertrackte am Jurastudium: Das Verhältnis von Konkretheit und Abstraktion muss ganz neu und abweichend vom alltäglich Gewohnten gelernt werden.

Hinzu kommt, entgegen der Sage, das Erfordernis erheblicher kreativer Fantasie, denn Rechtswissenschaft wie Rechtskunde leben nicht im Reich kleinstteiliger Merksätze, sondern im Universum von sprachlicher Assoziation, Analogie, Vergleich und Fantasie: Wie wäre es, wenn der Sachverhalt an einer Stelle etwas anders wäre? Wo befindet sich der Kernbereich der Norm, und wo ist ihre Grenze? Warum liegt die Grenze hier und nicht woanders? Welche systematischen Argumente können gefunden werden für das Bestehen oder Nichtbestehen von Zusammenhängen zwischen bestimmten Tatsachen und bestimmten (erwünschten oder gefürchteten) Normfolgen?

Die Mehrzahl der Menschen in Deutschland weiß nicht, wie und warum das Recht funktioniert. Es mangelt am Verständnis von Sinn und Zusammenhang.

Laien erscheinen die zur Verfügung stehenden Argumente und Diskussionsfiguren oft unverständlich und daher beliebig oder unendlich. Statt zur Beurteilung einer Wohnungskündigung den Gleichheitssatz und das Verhältnismäßigkeitsprinzip, mindestens aber die guten Sitten heranzuziehen, redet der Richter über Eigenbedarf und Beweislast. Und kaum will der Beklagte über die Einzelheiten der Treppenhausbeleuchtung berichten, wird sein gutes Recht mit dem Hinweis auf Treu und Glauben verkannt. Aus der Sicht der Betroffenen scheinen die Ebenen der Argumentation durcheinanderzupurzeln wie Bälle in einer komplizierten Jonglage.   

Tatsächlich hat das Argumentieren natürlich Sinn und System; es ist nur nicht so ohne Weiteres und voraussetzungslos erkennbar. Das ist in der Menschenwelt schon seit langer Zeit so und nicht zu ändern. Es überfordert die Menschen auch nicht zwangsläufig. Bis auf seltene Ausnahmen ist jedem klar, dass man Viruserkrankungen nicht heilen kann, indem man Desinfektionsmittel injiziert. Und nur wenige meinen, die Leistung des Haushaltsstaubsaugers lasse sich dadurch steigern, dass man ihn an die Starkstromsteckdose des Elektroherdes anschließt. Beide Erkenntnisse setzen die Ahnung vom Vorhandensein eines Systems voraus, dessen Einzelheiten nicht verstanden werden müssen, um sich beruhigt zu fühlen. Beim rechtlich-normativen System gilt das ähnlich, selbst wenn es hier um Grundsätzlicheres und um die Orientierung in der sozialen Welt insgesamt geht. Wichtig ist in allen Fällen, zwischen blindem Glauben und kindlicher Selbstüberschätzung einen realitätstüchtigen Weg zu finden.

Reservebank

Warum studiert man Jura? Selbstverständlich wegen Ruhm, Reichtum, Macht! Also aus denselben Gründen, die zum Studium der Augenheilkunde, der Strömungstechnik oder der alten finnischen Geschichte motivieren. Dass man »die Welt ein Stück gerechter machen möchte«, dürfte als Motiv 19-jähriger Abiturienten eher selten sein und sich erst in der Phase der späten biografischen Verklärung als Kindheitstraum rekonstruieren. Tatsache ist: Die meisten Jurastudenten kommen aus Familien mit »akademischer« Bildung – Achtung: Sprachkompetenz, Frustrationstoleranz, langfristige Planung! Tatsache ist auch: Die meisten Jurastudenten kommen immer noch aus der »gehobenen« Mittelschicht: Die Eltern sind Juristen, Ärzte, Lehrer, höhere Beamte. Deutlich weniger Facharbeiterschicht, deutlich weniger Unternehmerfamilien; fast keine aus »bildungsfernem« Milieu. Das hat sich in den letzten 50 Jahren ein wenig, aber nicht radikal geändert. Inzwischen erfreulich viele Kinder und Enkel von Immigranten.

Natürlich gibt es keine Standardmotive. Es gibt aber Standardbilder möglicher juristischer Berufe. Sie sind meist realitätsfern, romantisiert oder verzerrt. TV-Serien menschelnder Rechtsanwälte mit goldenem Herzen und fiesen Gegnern. Fernsehrichter und -Staatsanwälte mit schweren psychischen Auffälligkeiten, ausgestattet mit Luxuslimousinen und unbegrenzter Macht, handverlesene Fälle lösend. Gerissene Anwälte im Auftrag jeder Art von Mafia. Leben zwischen flatternden Roben, dunkelblauen Kostümen, treuherziger Piefigkeit und zynischer Häme. Das mag es schon auch irgendwie geben, allerdings auch bei Apothekern oder Archäologen. Eine realitätsnahe Perspektive findet man als junger Mensch, falls man nicht familiäre Erfahrungen einbringt, in dem meist bestehenden Vakuum zwischen sachlicher Ahnungslosigkeit und fiktiver Rollenfantasie kaum.

Natürlich spielt Macht eine Rolle. Recht ist geronnene Macht und symbolische Gewalt. Wer das Recht kennt, weiß, wie der Staat funktioniert. Der Student im zweiten Semester, der in der Übungsklausur zum Ergebnis kommt: »Der T ist wegen schweren Raubes in Tateinheit mit Freiheitsberaubung zu bestrafen« oder »G kann von S die Zahlung von 50.000 € verlangen«, verspürt in sich eine Ahnung der Macht, verbunden mit dem Versprechen, daran teilhaben zu dürfen. Das ist Reiz und Verlockung, Furcht und Verantwortung. Wenn es schlecht läuft, wird das Letztere abtrainiert; wenn es gut geht, bleibt es prägend. Das ist eine Frage des individuellen Charakters, aber auch des Systems, in dem dieser lernt und Erfahrungen macht.

Juristen sind konservativ. Das bedeutet zunächst nur, dass sie das Bestehende als Sinn-voll gegeben ansehen: Eine Regel zu haben, welche die Welt ordnet, ist besser, als keine Regel zu haben. Die Kehrseite ist die Abneigung gegen Innovation: Juristisches »Bedenkenträgertum« ist das Schreckgespenst jedes Unternehmensvorstands oder Politikerplans, zugleich aber die Lebensversicherung gegen allfälliges Scheitern. Fragen wie: Warum denn überhaupt? Kann man das nicht so lassen? Haben wir das nicht immer anders gemacht? Wie wäre es denn, wenn…? lassen so manches »Macher«-Meeting erstarren und führen zu typischen Arbeitsaufträgen wie dem, »die Sache mal zu prüfen und die Machbarkeit darzulegen«. Auch diese Rolle gefällt vielen. Im Maschinenraum komplizierter Gesellschaften arbeiten Juristen. Der Preis für die Kunst, mit dem Schiffsdiesel von Mensch zu Mensch sprechen zu können, ist es, nicht auf der Brücke zu stehen und zum Horizont zu zeigen.

Tribüne

Verglichen mit der Zeit vor 200 Jahren besteht die deutsche Gesellschaft in ihrer Mehrheit aus ziemlich rechtskundigen Menschen, auf jeden Fall aus Rechtskundeenthusiasten: Wer was wann warum dürfe oder nicht, welches Gesetz völlig falsch oder dringend erforderlich sei, welches Gericht wo wann wie und warum versagt habe, sind allgegenwärtige Themen. Das Interesse an rechtlichen Fragen wächst mit der Segmentierung, Individualisierung, Unübersichtlichkeit des gesellschaftlichen Lebens. Zugleich steigen Furcht und Enttäuschung, weil ein beruhigender Überblick erst dann gelingt, wenn man die Zusammenhänge versteht; gerade das wird aber auch hier immer schwerer.

Für die Erfordernisse unserer Zeit ist aber schon die durchschnittliche Kenntnis vom Recht sehr gering und zudem vielfach falsch. Unter »Recht« wird oft nicht mehr verstanden als eine konkretistische, am kleinteiligen Interesse klebende Besserwisserei, die sich aus angeblichen »Tricks«, vorgeblicher Schlauheit und mechanischem Auswendiglernen speist. Auf dieser Ebene bewegt sich leider oft auch, was – wenn überhaupt – an rechtlicher Bildung in den Schulen vermittelt wird. Dass Sozialkundelehrer ein tieferes Verständnis von normativen Zusammenhängen vermitteln können, ist wohl eher ein seltener Glücksfall.

Das ist nicht nur theoretisch zu wenig. Es reicht auch praktisch nicht. Die Mehrzahl der Menschen in Deutschland weiß nicht, wie und warum das Recht funktioniert, was es vom Befehl unterscheidet und auf welche Fragen es zu seiner Beurteilung ankommt. Jeder kennt die aktuelle Höhe von Verkehrs-Geldbußen, aber kaum jemand den Unterschied zwischen Ordnungs- und Strafrecht, Repression und Prävention, Parteiprozess und Amtsermittlungsgrundsatz, Beweislast und Aufklärungspflicht. Es mangelt am Verständnis von Sinn und Zusammenhang.

Deshalb ist es im Grunde sehr zu begrüßen, wenn aus Anlass gesellschaftlicher Krisen, seien sie wirtschaftlicher, sozialer oder ordnungspolitischer Art, das Recht sowie seine Begründungs- und Argumentationszusammenhänge auf die Ebene allgemeiner öffentlicher Diskussion gehoben werden. Natürlich wird dabei auch allerlei Unsinn produziert; Emotionen und Empörungen werden angestachelt, die Stärken rechtlicher Regelungssysteme in vorgebliche Quellen der Schwäche und Unsicherheit umgedeutet. Damit muss man leben. Es ändert nichts daran, dass das Rechtssystem absolut unabdingbare, herausragende, auf unendlicher Erfahrung beruhende Strukturen der Argumentation, der Rationalität und der Konfliktregulierung bietet. 

Es bleibt freilich sinnlos, wenn von der Ebene des individuellen Interesses stets nur auf die der »Gerechtigkeit«, also vom Ameisenhaufen ins Sonnensystem gesprungen wird: Das zeigt nicht Überblick, sondern Ahnungslosigkeit. Wie man das Recht nicht ohne die Bedingungen und Bezüge der Gerechtigkeit verstehen kann, so bleibt die Gerechtigkeit ohne Interesse und Verständnis des Rechts eine hohle Parole. Falls das ein wenig nach dem Wort zum Sonntag klänge, könnte ich es nicht ändern; es wäre aber dennoch ein Missverständnis. Ich wünsche uns viele menschenfreundliche Jurastudenten.