Justiz-Affäre Marco, der Medienstar

Nach dem Ende seiner Untersuchungshaft in der Türkei wird Marco Weiss in Deutschland wie ein Star gefeiert. Zu Recht? Die Hysterie um den 17-jährigen Schüler verstellt den Blick auf notwendige Lehren aus einer möglichen Straftat, die sich zur internationalen Krise auswuchs.


Hamburg - Es gab Mahnwachen für Marco. Er wurde in den Fürbitten-Katalog der evangelischen St.Petri-Gemeinde in Uelzen, seiner Heimatstadt, aufgenommen. Als er dann endlich frei war am Freitag, gab es eine Dank-Andacht, einen Autokorso durch die Stadt, und die Kirchenglocken läuteten dabei, als verkündigten sie die baldige Ankunft eines Erlösers – nicht aber eines 17-Jährigen, dem immerhin vorgeworfen wird, im Ausland ein Kind vergewaltigt zu haben, wie dünn die Beweise auch sein mögen.

Gewiss, für Marcos Familie ging durch die frohe Botschaft aus Antalya ein Alptraum zu Ende. Und der Junge wird die 247 Tage Untersuchungshaft in der Türkei so schnell nicht vergessen, die ihm - und manch anderem Jugendlichen vielleicht auch - klargemacht haben dürften, dass es im intimen Umgang mit dem anderen Geschlecht Regeln zu beachten gilt, die auch in einer Urlaubsnacht nach ausgelassenem Disco-Besuch nicht außer Kraft gesetzt sind. Das ist Grund genug zum Aufatmen. Alles andere aber ist Hysterie.

Die Untersuchungshaft war unverhältnismäßig, ja geradezu skandalös lange, gemessen an dem Sachverhalt, der öffentlich bekannt wurde – von den ersten Aussagen des Mädchens bis zum Ergebnis einer gynäkologischen Untersuchung, die gerade nicht einen vollzogenen Koitus belegte.

Mindestens ebenso skandalös aber war das Verhalten der Familie des angeblichen Opfers, die über ihren türkischen Anwalt Ömer Aycan eine bizarre Straferwartung von 15 Jahren Haft verbreiten ließ, ohne über Monate hinweg entsprechende Beweismittel beizubringen. Die türkischen Richter gerieten damit in eine Situation, in der sie, gleich wie sie entschieden, massive öffentliche Kritik auf sich zogen.

Einen möglichen Vergewaltiger einfach davonfliegen lassen? Oder: einen unerfahrenen dummen Jungen fern der Heimat festsetzen wie einen Schwerverbrecher? Öffentlicher Druck auf die Justiz, egal von welcher Seite und in welchem Land, erzeugt Irritationen und wirkt sich auf denjenigen, um den es geht, selten positiv aus.

Als am Wochenende das staunende deutsche Publikum erfuhr, dass Marco mit einer Privatmaschine ausgeflogen worden sei, sich nun an unbekanntem Ort mit seiner Familie aufhalte und RTL die Exklusivrechte an seiner Geschichte erworben habe, regte sich - bei aller Erleichterung über das Ende der absurden Affäre - Kritik: Wird Marco jetzt etwa zum Medienstar? Macht er nun auch noch Kohle mit seiner Geschichte?

Unbehagen bei der Vermarktung durch die Mediengesellschaft

Mit Verlaub: Man muss schon zu den sehr reichen Leuten gehören, um ein solches Verfahren von Deutschland aus sachgerecht betreiben zu können, mit erfahrenen Anwälten an der Hand, die dann am Ende auch noch die Sensationsgier mancher Medien in Schach halten.

Dass Marco mit seiner spektakulären Geschichte möglichst bald in ein normales Leben zurückkehren kann, ist, bei allem Unbehagen an der Vermarktung, in einer Mediengesellschaft leider nicht gratis zu haben. Und dass ein türkischer Tourismus-Unternehmer zur Stelle war, als sich das gute Ende abzeichnete, verwundert auch nicht. Schließlich lebt die Türkei von der Reiselust der Deutschen nicht schlecht.

Ein Wort noch zur Familie des angeblichen Opfers, das mittlerweile traumatisiert sein soll - kein Wunder bei der aufgehetzten Stimmung in seiner Umgebung. Wer eine 13-Jährige unbeaufsichtigt in eine Discothek lässt und nicht darauf achtet, wann und mit wem das Kind zurückkehrt - Marco brach schließlich nicht gewaltsam in das Hotelzimmer des Mädchens ein, sondern wurde bereitwillig mitgenommen -, verletzt seine Aufsichtspflicht. Er oder sie, die Mutter, die im Türkei-Urlaub dabei war, darf sich dann nicht wundern, wenn Jugendliche eine solche Freiheit ausnützen.

Alle Schuld auf einen 17-Jährigen abzuwälzen, dem in der Aufregung vielleicht etwas passierte, was er gar nicht beabsichtigt hat, und die Medien dann mit einer Horror-Story zu füttern, um vom eigenen Versagen abzulenken – das ist unanständig.

insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
Peter Sonntag 17.12.2007
1.
Zitat von sysopNach dem Ende seiner Untersuchungshaft in der Türkei wird Marco Weiss in Deutschland wie ein Star gefeiert. Zu Recht? Die Hysterie um den 17-jährigen Schüler verstellt den Blick auf notwendige Lehren aus einer möglichen Straftat, die sich zur internationalen Krise auswuchs. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,523885,00.html
Lady Di, Knut, Marco..... Offenbar braucht die Menge solche Gefühlswallungen, um sich abzureagieren. Im eigenen Umfeld der Leute geht es meist härter und sachlicher zu. Gruppendynamik ! Kanzler Schröder nannte so etwas "kollektiven Schwachsinn".
inci 17.12.2007
2.
Zitat von sysopNach dem Ende seiner Untersuchungshaft in der Türkei wird Marco Weiss in Deutschland wie ein Star gefeiert. Zu Recht? Die Hysterie um den 17-jährigen Schüler verstellt den Blick auf notwendige Lehren aus einer möglichen Straftat, die sich zur internationalen Krise auswuchs. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,523885,00.html
internationale krise? wer hat das thema denn erst mit den mitteln der hysterie zur internationalen krise aufgebauscht?
Populist 17.12.2007
3.
Natürlich handelt es sich möglicherweise um eine Straftat.. aber: 1.- Die Eltern des Mädchens und es selbst taten praktisch nichts, um den Fall aufzuklären... 2.- Die Beweislage war mehr als dünn..Es stand Aussage gegen Aussage und einen Bewis gab es nicht. 3.- Eine Vergewaltigung hat nachweislich nicht stattgefunden. 4.- Die Eltern müssten sich mangelnde Ausfsicht anlasten lassen. Alles in allem war für eine solch dünne Beschuldigung keine Haft angebracht, schon gar keine solch lange. Das war unverhältnismäßig, vor allem für einen solch jungen Menschen. Das Verfahren hätte an Deutschland abgegeben werden müssen, und als die Eltern ihre Mithilfe verweigerten, hätte der Fall niedergeschlagen werden müsswn. Zwei Punkte sind zu bedenken:
Populist 17.12.2007
4.
Zwei Punkte sind zu bedenken: Es ist wahrscheinlich, dass die Tochter die Flucht nach vorne antrat, nachdem sie evtl. gegen das geheiß der Eltern sich mit einem Jungen eingelassen hatte. 2.- Was soll ein Urlauber machen, der vielleicht mit einer fremden Dame die Nacht verbringt, von ihr angezeigt wird und dann jahrelang im Gefängnis hockt, weil die Dame ausreist und irgendwann dem gericht einen brief schreibt. Also Urlaub in der Türkei?? Ich nicht!!!
berlin_rotrot, 17.12.2007
5.
der arme marco, an seinem blick sieht man sofort.. ziemlich "unschuldig". typisch sache, leute gehen ins ausland und jammern dann wenn es heisst andere länder / andere sitten. vorher mal informieren wäre wohl angebracht gewesen, ausserdem scheint es mir da jemand schon sehr nötig gehabt zu haben, wenn das weibliche ziel-objekt 13! jahre jung ist und man selber 17. also bitte nich weinen, wenns dann schief geht.. der rtl exklusiv vertrag ist ein finanzielles trostpflaster von dem manch ex-häftling lange träumen darf.
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