Justizposse Italienischer Schäfer steht seit 1961 vor Gericht

Giovanni Agostino Chessa ist vor Gericht ein Altbekannter: Er soll Schafe gestohlen haben. Doch weil niemand prüfte, ob der Italiener zur Tatzeit zurechnungsfähig war, wird der Prozess immer wieder vertagt - seit 1961.


Cagliari - Dass die Mühlen der Justiz langsam mahlen, ist eine altbekannte Weisheit. Im italienischen Cagliari gibt es ein Verfahren, das allein wegen seiner Dauer dem Angeklagten traurige Berühmtheit eingebracht hat.

Giovanni Agostino Chessa sitzt seit 50 Jahren auf der Anklagebank. Ihm wird vorgeworfen, zusammen mit einigen anderen sardischen Schäfern im Juni 1961 Schafe geklaut und für die Tiere 80.000 italienische Lire als Lösegeld gefordert zu haben. Jeder der Männer wurde angeklagt und irgendwann entweder verurteilt oder freigesprochen - bis auf Chessa.

Er sitzt noch immer auf der Anklagebank, berichtete die Turiner Zeitung "La Stampa" am Donnerstag. Chessa wird dem Bericht zufolge im Schnitt zwei Mal im Jahr in den Gerichtssaal bestellt. Doch am Ende eines jeden Verhandlungstages hört er immer nur einen Satz: "Der Angeklagte ist außerstande, mit vollem Bewusstsein am Prozess teilzunehmen." Was genau das bedeutet, bleibt unklar.

Gutachter bescheinigen Chessa eine psychische Störung, die erst geheilt werden müsse, bevor das Verfahren fortgesetzt werden könne. Eine bizarre Situation: Denn zu Beginn des Prozesses vor einem halben Jahrhundert hatte niemand daran gedacht, prüfen zu lassen, ob der Schäfer überhaupt zur Tatzeit zurechnungsfähig war.

"Das Italien, das nicht funktioniert", kommentierte die Zeitung "La Stampa" die Justizposse lakonisch. Das Land ist für langwierige Prozesse bekannt. Und so bleibt der Verfahren ohne Urteil - und mit immens hohen Kosten für die öffentliche Hand.

Nur ein anderer Prozess in Europa soll noch länger gedauert haben: Als vor ein paar Monaten im nordfranzösischen Pas de Calais zu Unrecht entlassene Bergarbeiter freigesprochen wurden, waren die meisten von ihnen schon tot. Das Verfahren hatte 63 Jahre gedauert. Um diesen Rekord zu knacken, muss Chessa noch 26-mal vor Gericht erscheinen.

ulz/dpa



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