Justizskandal in der JVA Dieburg Hilflos hinter Gittern

Claudio M. sitzt in der JVA Dieburg. Er fühlt sich bedroht, ist psychisch krank. Seine Mutter weiß das, sein Anwalt auch. Nur im Gefängnis will niemand bemerken, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Die Situation in der Haftanstalt eskaliert, M. wird schwer verletzt - und bleibt sich selbst überlassen.

JVA Dieburg: "Wir haben uns in diesem Fall nichts vorzuwerfen"
imago

JVA Dieburg: "Wir haben uns in diesem Fall nichts vorzuwerfen"

Von


Hamburg - Claudio M. trägt bei der ersten Begegnung mit seinem Anwalt einen weißen Mundschutz, mit zwei Gummischnüren hinter den Ohren festgebunden. Sein Gesicht ist aschfahl, als Beamte der Justizvollzugsanstalt Dieburg ihn ins Besucherzimmer führen.

Der 27-Jährige schwitzt, redet wirr daher. Er will weg aus diesem Gefängnis, sagt er zu seinem Anwalt und bittet ihn, ihn nach Den Haag zu bringen oder in ein Gefangenenlager nach Afrika. "Sie haben doch die Macht dazu", bettelt er verzweifelt. "Sperren Sie die Türen auf!"

Claudio M. ist psychisch krank. "Er war in keinster Weise ansprechbar, er hatte ersichtlich einen psychotischen Schub", konstatiert Oliver Wallasch, Rechtsanwalt aus Frankfurt am Main. 55 Tage sitzt sein Mandant zu diesem Zeitpunkt bereits in der JVA - ohne je behandelt worden zu sein.

Claudio M. ist in Haft, weil er Anfang Juni vermutlich im Wahn auf seine Mutter Marianne losgegangen ist. Die 58-Jährige geriet in Panik, alarmierte die Polizei. Ihr Sohn wurde festgenommen. Sieben Monate muss er nun absitzen. Zuvor hatte Claudio M. - wahrscheinlich ebenfalls im Wahn - auf einen Nachbarn eingeprügelt. Er erhielt eine Bewährungsstrafe.

"Es war ein großer Fehler, ihn anzuzeigen", sagt Marianne M. Längst hat sie die Anzeige zurückgezogen, die Sorge um ihren Sohn ist immens. "Claudio ist krank, schwerkrank, das ist ganz offensichtlich."

Vor drei Jahren hatte Claudio M. schlagartig begonnen, sich zurückzuziehen. Er verrammelte die Fenster der elterlichen Wohnung, ließ auch tagsüber die Rollläden herunter, meldete sein Handy ab, fühlte sich bedroht und verfolgt. "Er hatte große Angst", sagt seine Mutter. Er verlor sich in abstrusen, verworrenen Verschwörungstheorien, war teilweise nicht ansprechbar.

Anwalt Wallasch spricht von einer "erkennbaren Sprunghaftigkeit in der Gedankenführung". Doch was für ihn und die Mutter offensichtlich ist, ist für die JVA nicht ersichtlich. Den Mundschutz müsse Claudio M. tragen, weil er sich einem Routinetest auf Tuberkulose verweigere, erklärten die JVA-Beamten seinerzeit dem Anwalt. Claudio M. glaubt, die Ärzte oder Krankenpfleger könnten ihn vergiften.

Keine Zeit für die Begutachtung

Wallasch informiert die Leitung der JVA, fordert umgehend eine psychologische Betreuung. Der Anstaltsarzt antwortet, der Mundschutz diene dem Schutz der anderen Häftlinge, auch wenn kein Verdacht auf "eine manifeste Tuberkuloseerkrankung" bestehe. Medikamente erhalte Claudio M. keine. Kein Wort zur psychologischen Betreuung.

Erst sechs Tage später legt der Arzt nach: "Die psychologisch/psychiatrische Betreuung von Herrn M. ist hier in der JVA Dieburg sichergestellt." Zudem weist er darauf hin, dass Claudio M. "diffuse Angaben" zum Konsum von Drogen gemacht habe.

Für Wallasch, seit 15 Jahren Strafverteidiger, liegt im Fall M. höchstwahrscheinlich "eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis" oder mindestens "eine manifeste Psychose" vor. Beides sei "dringend behandlungsbedürftig". Anstaltsarzt Jens I. teilt die Meinung, sagt jedoch, eine Behandlung sei in der JVA Dieburg schwierig. Eine Begründung liefert er nicht.

Claudio M. bleibt sich selbst überlassen - er erhält weder medizinische noch psychologische oder psychiatrische Betreuung. Seinem Anwalt schreibt er wirre Briefe. Dieser bestellt daraufhin eine Mitarbeiterin des psychologischen Dienstes der JVA ins Besucherzimmer, als er seinem Mandanten erneut begegnet. Sie solle den Gefangenen miterleben.

Der 27-Jährige erscheint erneut in desolater Verfassung, ist nicht ansprechbar. Die Mitarbeiterin nimmt Kontakt auf mit dem Leiter der Krankenabteilung der JVA Weiterstadt, der in solchen Fällen für Häftlinge der JVA Dieburg zuständig ist. Dieser erklärt telefonisch, er habe keine Zeit, Claudio M. zu untersuchen. Eine Eigen- und Fremdgefährdung sei zudem "sicherlich ausgeschlossen".

Anwalt Wallasch informiert daraufhin die Direktorin der JVA Dieburg, weist auf die Suizidgefährdung hin und bietet an, an Behandlungen teilzunehmen, weil Claudio M. ihn als "autoritäre Bezugsperson" akzeptiere. Eine Reaktion auf das Schreiben erhält er nicht.

"Wir haben uns nichts vorzuwerfen"

Einen Tag nach dem Brandbrief an die Direktorin will Claudio M. "ausbrechen". Es kommt zum Eklat. Er habe geschrien, sei "insgesamt vollständig verwirrt" gewesen, schildert der stellvertretende Leiter Franz-Josef P. den Vorfall. JVA-Mitarbeiter hätten M. mit Gewalt fixieren müssen, dabei habe sich der Häftling einen Arm gebrochen und die Schulter ausgerenkt. Anwalt Wallasch erfährt erst vier Tage später von dem Vorfall.

Auch erfährt er erst jetzt, dass sein Mandant seither schwerverletzt in seiner Zelle sitzt. Claudio M. habe sich - in verwirrtem Zustand - geweigert, die für eine Operation notwendige Einwilligung zu unterzeichnen, und habe daher weder im Klinikum Dieburg noch im Klinikum Darmstadt behandelt werden können, so beschreibt es der Anstaltschef.

Der stellvertretende JVA-Chef kündigt eine Begutachtung des Patienten an, um möglicherweise eine richterliche Einweisung zu erreichen. Diese ist für eine Operation notwendig. "Wir haben uns in diesem Fall nichts vorzuwerfen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Claudio M. habe inzwischen vom Amtsgericht Dieburg einen Betreuer zugewiesen bekommen.

Kurz zuvor hatte Wallasch die Leitung der JVA Dieburg sowie die Mitarbeiter der medizinischen Abteilungen der JVA Dieburg und der JVA Weiterstadt angezeigt.

Für Marianne M., die Mutter des 27-Jährigen, war längst absehbar gewesen, dass ihr Sohn professionelle Hilfe braucht. Die gelernte Krankenschwester arbeitete 15 Jahre lang in Rumänien in der Psychiatrie. Doch es gelang ihr nicht, ihren Sohn davon zu überzeugen, dass er krank ist, Hilfe braucht.

Claudio M. hat sich verändert, es ist kaum etwas geblieben von dem Jungen, den sie als ehrgeizig, schüchtern, hilfsbereit beschreibt. Nach dem Abitur in Frankfurt am Main studierte er vier Jahre lang in Seattle, jobbte anschließend sechs Monate in den USA, kehrte danach zurück, weil sein Visum nicht verlängert wurde, und zog bei den Eltern ein.

Irgendwann sagte er: "Ich kann mich nicht mehr konzentrieren." Die Mutter glaubte ihn betreuen zu können. "Aber ich schaffte das nicht."

An diesem Montag wurde Claudio M. nun operiert. Zehn Tage lang saß er zuvor schwerverletzt in seiner Zelle. "Wir haben veranlasst, dass er fachärztlich behandelt wird", sagt Hans Liedel, Sprecher des hessischen Justizministeriums. "Wir tun alles, um den Jungen fachgerecht, sachgerecht und menschlich gut zu behandeln."



insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Achim 29.08.2011
1. Hessen
Ah ja. Koch, Dregger, Dyba, Kanther, logisch. Aber erfolgreiche Steuerfahnder für psychisch gestört erklären, das können sie.
brndnbg 29.08.2011
2. ...
Zitat von sysopClaudio M. sitzt in der JVA Dieburg. Er fühlt sich bedroht, ist psychisch krank.*Seine Mutter weiß das, sein Anwalt auch. Nur im Knast will niemand bemerken, das mit*ihm etwas nicht stimmt. Die Situation in der Haftanstalt eskaliert, M. wird schwer verletzt - und bleibt sich selbst überlassen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,782775,00.html
ohne Worte... der arme Junge
franko_potente 29.08.2011
3. -
Zitat von sysopClaudio M. sitzt in der JVA Dieburg. Er fühlt sich bedroht, ist psychisch krank.*Seine Mutter weiß das, sein Anwalt auch. Nur im Knast will niemand bemerken, das mit*ihm etwas nicht stimmt. Die Situation in der Haftanstalt eskaliert, M. wird schwer verletzt - und bleibt sich selbst überlassen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,782775,00.html
Manhat also keine Zeit für den Gefangenen, ihn zu untersuchen und zwingt ihn nicht in eine Bahndlung des gebrochenen Armes. Es ist eine Schande dann zu behaupten, es treffe einen keine Schuld. Claudio ositz wohl zu Unrecht im Knast, gehört wohl eher dringend in die Geschlossene und dort ordentlich therapiert. Keine Zeit, kein Geld. Nunja, die Anzeigen werden wohl im Sande verlaufen, obwohl hier dringend Disziplinarstrafen ausgesprochen werden müssen. Körperverletzung durch Unterlassen, würd ich sagen und Veletzung der Aufsichtspflicht (Schutzbefohlener) man berichtige mich.
Heiner Prahm, 29.08.2011
4. Wir tun alles ...
"Wir tun alles, um den Jungen fachgerecht, sachgerecht und menschlich gut zu behandeln." ... oh man, vielleicht sollte man all den Verantwortlichen einfach mal die Knochen brechen und die Gelenke auskugeln und sie dann 10 Tage in eine Zelle sperren ... ok, das wäre eines Rechtsstaates nicht würdig, aber handelt es sich, bei der Betrachtung eines solchen "Einzelfalls"(der es ja leider nicht ist) noch um einen solchen Rechtsstaat? ... leider ist ja nie wirklich jemand verantwortlich, denn es hat sich ja "niemand etwas vorzuwerfen" und alle haben sich an ihre Vorschriften gehalten ... nur leider stimmt auch das im Nachhinein nicht, es stellt sich so gut wie immer heraus (nach jahrelangen sinnlos teuren und Gutachter überhäuften Prozessen heraus, dass massives persönliches Fehlverhalten der Verantwortlichen und ihrer Handlanger vorliegt ... Konsequenzen ??? ... ja gibt es ab und an, ein Eintrag in die Personalakte, die nie jemand ließt, im Höchstfall ein Frühpensionierung bei vollen Bezügen und solche Scherze ... ... und wir sind noch eine der besseren Bananenrepubliken, in Tripolis wird man gleich verbrannt (wo ist da eigentlich die deutsche Verantwortung, vor allem bei unserer Geschichte … ach ja die spielt Liberalitätsmonopoly und eine Leutheusser-Schnarrenberger ist ja auch nicht zuständig, es ist ja Ländersache) … also hat der Mann ja wirklich noch Glück und darf sich auch nicht beschweren.
Arne Karl 29.08.2011
5. Safety first
Hauptsache der Mensch wird nicht gleich wieder rausgelassen. Krank im Kopf? Nun ja, das sind viele, aber Gewalttäter sollte man einsperren, am besten möglichst billig. Ich kann dieses ganze Tätermitgefühl und Rumgeheule soweiso nicht mehr hören und sehen. Also ein bischen mehr Opferschutz, Safety fist!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.