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Verdacht auf massiven Justizirrtum: Brooklyn rollt Dutzende alte Mordfälle auf

Foto: Tom Hays/ AP

Verdacht auf massiven Justizirrtum Der böse Bulle und sein Mädchen für alles

Bis zu 50 New Yorker sollen seit Jahrzehnten unschuldig in Haft sitzen. Jetzt werden die Mordfälle neu aufgerollt, es droht ein beispielloser Justizskandal. Im Mittelpunkt steht stets derselbe Cop, der eine cracksüchtige Prostituierte als Belastungszeugin missbraucht haben soll.

Charles Hynes ist ein vielbeschäftigter Mann. Allein in den vergangenen Tagen taufte Brooklyns Bezirksstaatsanwalt einen Boulevard um, gab eine Open-Air-Pressekonferenz zum Thema Gewalt in der Ehe, stellte ein Resozialisierungsprogramm für Jugendliche vor und schloss, nebenbei, einen Mordfall ab, der mit lebenslang endete.

Für den übervollen Terminkalender gibt es vor allem einen Grund: Hynes steckt im Wahlkampf. Denn Bezirkstaatsanwälte werden in den USA per Stimmzettel bestellt, in diesem Fall bei der Bürgermeisterwahl im November. Und obwohl Hynes seit 1990 unangefochten amtiert, muss er um seinen Job fürchten. Plötzlich sieht sich der 78-jährige Demokrat sogar genötigt, um seine Kandidatur kämpfen zu müssen - gegen einen prominenten Parteirivalen, dessen Chancen derzeit ständig steigen: Rechtsanwalt Ken Thompson vertrat voriges Jahr das Zimmermädchen Nafissatou Diallo im Vergewaltigungsprozess gegen Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn.

Denn ausgerechnet jetzt findet Hynes sich in einen Justizskandal verstrickt, wie ihn selbst New York City noch nie erlebt hat. In Brooklyn werden gerade sage und schreibe 40 alte Mordfälle neu aufgerollt. Betroffen sind 50 Verurteilte, deren Schuldsprüche wackeln. Nicht alle stammen aus Hynes' Zeiten, einige gehen zurück bis in die achtziger Jahre. Doch die Schlagzeilen wecken bei vielen New Yorkern Entsetzen über ein Justizsystem, dem sie sowieso misstrauen.

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Justizskandal in Brooklyn: Die Tatorte der Mordfälle

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Die "unkonventionellen" Methoden des Cops

Alles begann mit David Ranta. Als einer der ersten Angeklagten der Hynes-Ära war der Drucker 1991 schuldig gesprochen worden, den Rabbi und Auschwitz-Überlebenden Chaskel Werzberger bei einem Überfall erschossen zu haben. Das Gericht verurteilte Ranta zu 37,5 Jahren im Hochsicherheitstrakt.

Doch im März, nach fast 23 Jahren, kam Ranta frei. Recherchen der "New York Times" und neue Zeugeneinlassungen enthüllten, dass die Polizei belastende Aussagen manipuliert hatte. Ranta, 58, erlitt am Tag nach seiner Entlassung einen Herzinfarkt und hat die Stadt auf 150 Millionen Dollar Schmerzensgeld verklagt: "Sie haben mein Leben zerstört."

Hynes beschloss daraufhin, insgesamt 50 weitere Verurteilungen prüfen zu lassen - obwohl er in den Jahren zuvor alle Appelle abgelehnt hatte. Auch die "New York Times" legte nach und fand bei einem Dutzend alter Fälle Ungereimtheiten . Etwa wortgleiche "Geständnisse" und immer wieder dieselbe "Zeugin", eine cracksüchtige Prostituierte.

Die inkriminierten Fälle haben aber noch einen anderen gemeinsamen Nenner: Der verantwortliche Cop war stets Louis Scarcella, ein Mordkommissar im Revier Brooklyn North.

Der knallharte Ex-Soldat führte nach eigener Schätzung bis zur Pensionierung 1999 bei 175 Mordermittlungen die Feder und wirkte bei ebenso vielen mit. Schon immer war bekannt, dass er "unkonventionell" arbeitete. Dass diese Formulierung eine hoffnungslose Untertreibung ist, scheint aber erst jetzt herauszukommen.

  • Sundhe Moses, damals 19, wurde 1997 wegen Mordes an einem vierjährigen Mädchen zu lebenslänglich verurteilt. Scarcella habe ihn mit Gewalt zu einem falschen Geständnis gezwungen, sagte Moses der "New York Daily News" in einem Interview aus dem Gefängnis: "Scarcella ist ein wirklich schmutziger Cop."

  • Shabaka Shakur landete 1989 wegen Doppelmords lebenslang hinter Gittern. Auch er "gestand" nach einem Verhör durch Scarcella. Ein Richter hat ihm jetzt bereits wenigstens eine neue Anhörung genehmigt: Scarcella habe womöglich auch Zeugenaussagen gefälscht.

  • Die Prostituierte Teresa Gomez fungierte in mindestens fünf Scarcella-Fällen als "Zeugin". Staatsanwälte nannten die später verstorbene Drogensüchtige "Mädchen für alles". Ihre - laut "New York Times" oft fiktiven - Aussagen brachten auch den Drogendealer Robert Hill und seine Stiefbrüder Darryl Austin und Alvena Jennette wegen Mordes ins Gefängnis, obwohl alle drei ihre Unschuld beteuerten. Austin starb hinter Gittern, Jennette kam 2007 nach 21 Jahren frei, Hill sitzt bis heute.

Scarcella, 61, feierte seine Erfolge gerne mit Zigarren. Jetzt wird er von Reportern belagert, teure Zivilprozesse drohen, wenn nicht Schlimmeres. Schon beschützen Ex-Kollegen vom New York Police Department sein Haus. In Interviews beteuert er seine Unschuld: "Ich erwarte, dass sie nichts finden."

Bezirksstaatsanwalt Hynes versuchte den ihm selbst drohenden Schaden einstweilen an anderer Front zu begrenzen: Er segnete eine umstrittene Doku-Soap über sein Büro ab. "Brooklyn DA" (kurz für District Attorney, Bezirksstaatsanwalt) lief seit Mai zur Primetime im TV-Sender CBS und zeigte die Arbeit der Staatsanwälte in heroischem Licht. Kostenlose Wahlkampfwerbung, schimpfte die Konkurrenz.

Die letzte Folge Anfang Juli widmete sich aber weitgehend nur einem alten Fall: David Ranta.

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