Justizvollzugsanstalt Werl Zu Gast im Superknast

Räuber, Schläger, Serienmörder: Die JVA Werl ist der Knast für die harten Fälle, hier sitzen Geiselgangster Dieter Degowski, der "Rhein-Ruhr-Ripper" und Hunderte andere Schwerverbrecher ein. Alexander Linden hat das Gefängnis besucht - und ließ sich in der berüchtigten B-Zelle einschließen.

Werl - Michael Skirl öffnet die eiserne Gittertür, quietschend schwingt sie auf. Ein Licht an der Decke blinkt. "Hereinspaziert", sagt Skirl. Endlose Flure, Gittertüren. Über vier Stockwerke erstrecken sich die Korridore, in der Mitte sind Netze gespannt, sie sollen Sprünge verhindern.

Skirl geht den engen Gang entlang, vorbei an dunkelblauen, massiven Türen, in einer Halterung stecken gelbe Kärtchen. Skirl nimmt eines heraus und dreht es um. "Ah ja, hier haben wir es mit einem mehrfachen Mörder zu tun." Er murmelt einige Sätze, nur Bruchstücke sind zu verstehen. "Temporär aggressiv, nur männliches Personal."

Die Karten, erklärt er, seien für die Justizvollzugsbeamten bestimmt. "Es ist wichtig, dass meine Leute wissen, mit wem sie es zu tun haben, damit kein Übergriff passiert", sagt Skirl.

Mörder, Dealer, Vergewaltiger

Michael Skirl, Leiter der 100 Jahre alten Justizvollzugsanstalt im westfälischen Werl, ist stolz auf die hohen Sicherheitsstandards seines Gefängnisses. Im April 1999 trat er als Direktor an, ist seitdem für 880 Gefangene zuständig - alles Männer, allesamt sogenannte "Langstrafige", was bedeutet, dass hier Serienmörder, Räuber, Schläger, Dealer, Vergewaltiger und Kinderschänder einsitzen, oft 20 Jahre und länger.

Skirl macht sich auf den Weg zur Großküche. Zweimal in der Woche isst er mit den Gefangenen. Den Weg von seinem hermetisch gesicherten Verwaltungstrakt zur Küche, im Herzen der zehn Hektar großen Anlage, nutzt Skirl, um sich umzusehen.

In Haus I, das er als erstes besucht, riecht es nach frisch gebackenen Brötchen. "Wir haben eine Konditorei, wir sind im Grunde selbstversorgend", sagt Skirl.

Die Gefangenen, sollten sie geeignet sein, können im Knast eine Lehre beginnen. Jeder wird bei seiner Ankunft in der JVA Werl auf seinen Leistungsstand getestet. Für die meisten hört es schon bei den Grundrechenarten und dem Namenschreiben auf.

Willige und fähige Insassen können sogenannte "Liftkurse" besuchen, deren Ziel die achte Klasse der Hauptschule ist. Ob dies möglich ist, entscheiden auch die Psychologen. Sie erstellen zu Haftbeginn eine Diagnose und suchen nach einer geeigneten Therapie.

Der Tag beginnt um sechs Uhr

Das Leben im Gefängnis ist durchgeplant. Der Tag beginnt um sechs Uhr. Die meisten Insassen gehen nach dem Frühstück arbeiten, als Tischler, Schreiner oder Bäcker. Dafür erhält ein Gefangener pro Tag 15 Euro. Einen Teil davon darf er behalten und damit im knasteigenen Tante-Emma-Laden einkaufen. Der Mehrwert, den die Gefangenen produzieren, wird zur Minderung der allgemeinen Kosten verwendet.

Ab 16 Uhr wird es lebhafter, in den Wohngruppen sind die meisten Türen offen, die Insassen können duschen und einander besuchen, es gibt Teeküchen, Gemeinschafts- und Fitnessräume, Sportplätze - von Elektrozäunen umgeben. Bewaffnetes Personal kontrolliert die Anlage von sieben Wachtürmen aus Tag und Nacht.

Michel Skirl marschiert Richtung Haus III. Hier sind Dutzende Schwerverbrecher untergebracht, unter anderem Geiselgangster Dieter Degowski, der gerade auf dem Gnadenwege um seine Freilassung kämpft. Aber auch Frank Gust, der "Rhein-Ruhr-Ripper", der vier Frauen zerstückelt und ausgeweidet hat. Um ihn machten sogar die anderen Gefangenen einen Bogen, sagt Skirl. "Gust ist für das Personal nur bedingt gefährlich, wir schicken ja keine Frauen in seine Zelle."

Die Häftlinge respektieren den Direktor. Niemand von ihnen hat Lust, in eine Beruhigungszelle, kurz B-Zelle, gesteckt zu werden. "Das ist unser letztes Mittel, wenn sich einer gar nicht mehr einkriegt", sagt Skirl und weist den Weg eine schmale Treppe hinab in den Keller.

Die B-Zellen: Das Verlies des Knasts

Hier herrscht Verliesatmosphäre, keine Fenster, nur kahle weiße Wände - und Stille. Die B-Zellen sind fast leer, gleißendes Neonlicht erzeugt ein beklemmendes, krankes Klima. In der Ecke liegt eine Schaumstoffmatratze, daneben ein Stoffwürfel als Sitzgelegenheit. Die Gefangenen sollen nicht randalieren können und sich auch nicht selbst an Gegenständen verletzen. In der linken Ecke ist der Abort in den Fußboden eingelassen, wie man es zum Beispiel von französischen Rastplätzen kennt.

Mit einem Knall fällt die Panzertür ins Schloss. Kein einziges Geräusch der Außenwelt dringt mehr hinein. Skirl atmet ein und aus. Er sagt. "Hier hört man seinen eigenen Herzschlag." Es reicht. Er schließt wieder auf. Lange darf er aus eigener Entscheidung keinen Gefangenen in der B-Zelle festhalten. "Das hält keiner aus, wir sind nicht Guantanamo, nach drei Tagen muss das Justizministerium entscheiden."

Unter den Gefangenen in Werl herrscht eine klare Hierarchie. Ganz unten, sagt Skirl, stünden die Kinderschänder. "Die leben auch hier sehr regelkonform, bloß nicht auffallen." Ein Vollzugsbeamter wird deutlicher: Leider bestätige sich hier ein Klischee - die meisten dieser Täter kämen aus eher soften Berufen. Das seien oft Geistliche, Erzieher, Pädagogen, Altenpfleger, Juristen.

Dann folgen die Langweiler, die üblichen Betrüger und Erpresser, so Michael Skirl. "Das sind die, die ständig Beschwerden schreiben und Anträge stellen." Nach ihnen kämen die Durchschnittsmörder, meist Beziehungstäter.

"Die Lonely Riders"

Ein Schwarm Gefangener tritt Skirl auf dem Weg zur Großküche entgegen. Man schaut sich in die Augen. "Mahlzeit, Männer", brummt Skirl und macht den Rücken gerade. "Mahlzeit", tönt es aus der Gruppe zurück. Manche nicken nur. Einer fixiert den Leiter besonders. Ein Hüne, dunkel, geheimnisvoll. "Und dann gibt es noch solche wie ihn", flüstert Skirl. "Die Lonely Riders."

Sie stehen an der Spitze. Weil sie unnahbar sind, allein "eine Bank gemacht haben" - so heißt es im Knastjargon. Sie sind phasenweise hochgradig gefährlich, aggressiv und schweigsam.

Der Hüne, sagt Skirl, gehöre zu den sogenannten Hahnwald-Killern. 1992 und 1993 brachen sie in Villen im Kölner Stadtteil Hahnwald ein, folterten, vergewaltigten und töteten die Frauen, fesselten die Männer. Wie seine Komplizen stamme auch der Riese vom Balkan. Bis 2012 werde er noch hier einsitzen, dann ins Ausland überführt. "Der hat 'ne Einzelkämpferausbildung, so nach Art der Fremdenlegionäre, da sind wir nur zu mehreren rein", so Skirl.

Sex im Knast

Der Direktor sitzt nun in der Großküche und faltet die Serviette auseinander. "Hmm, was gibt es denn heute?" Hackbraten mit Nudeln in Tomatensauce, danach Pflaumenkompott. Skirl feixt: "Hackbraten, von Mörderhänden zubereitet, das mundet." Muss man sarkastisch sein in seiner Position? "Ich bin nicht abgestumpft, bloß nicht mehr so leicht zu beeindrucken", sagt er.

Auf dem Schreibtisch vor Josef "Joe" Bausch liegen Akten, in der Ecke des Büros steht eine Liege. Bausch ist der leitende Arzt der JVA Werl, nebenbei auch Schauspieler. Seine bekannteste Rolle ist die eines Pathologen in den Kölner "Tatort"-Folgen. Bausch ist ein großer Mann, glatzköpfig.

Seit 21 Jahren arbeitet Bausch in der JVA. Er kennt jedes Klischee. "Am meisten amüsiert mich der Glaube an Massenvergewaltigungen. Sex gibt es hier, na klar, aber meist einvernehmlich."

Er öffnet eine Schublade und holt zwei Hände voll Kondome heraus. "Sind nicht alle meine, die verteile ich." Auf Wunsch gibt’s bei ihm auch Gleitcreme. Er zuckt mit den Schultern. Es sei das Phänomen der Knastschwulen. "Sobald die rauskommen, sind sie wieder stockhetero, aber unter Extrembedingungen kann der Mensch nun einmal die Farbe wechseln."

Die meisten der jüngeren Insassen hätten sich ohnehin schon draußen prostituiert, um an Geld für Drogen zu kommen. Die Alten würden im Knast wiederum mit Geld locken oder Kippen. "Wenn es eine Vergewaltigung gibt, dann geht's um Macht, nicht um Sex."

Leben paradox im Knast

Glaubt man Bausch, funktioniert im Gefängnis, was in der Gesellschaft nicht klappt - Leben paradox. "Bei uns brät der Türke mit dem Nazi Spiegeleier in der Teeküche, die Schwulen gehen Arm in Arm an den Rechten vorbei." Einzig die Russen bilden eine Ausnahme, so Bausch. "Es ist schwer, an sie ranzukommen, die haben nicht so einen Familiensinn wie die Türken oder den Respekt vorm Alter. Bei denen schrubbt auch der 50-Jährige die Zelle eines 30-Jährigen."

Als verschwiegen gelten sie, haben oft Sprachprobleme. An den Tätowierungen sei abzulesen, welchen Rang sie in ihrer Bande haben. Die Anführer seien daran zu erkennen, dass stets eine Traube Menschen beim Hofgang um sie herum stehe oder beim Einkauf alles in eine Zelle gehe. Bausch will mit allen zurechtkommen. "Ach, die meisten werden mit den Jahren hier doch weichgekocht."

Joachim B. (Name geändert; d. Red) ist so einer. Fast sein ganzes Leben lang saß der inzwischen 62-Jährige im Knast. Verurteilt wurde er wegen schweren, bewaffneten Raubes. Bevor er 1974 nach Werl kam, hatte er mit Komplizen etliche Banken und Geldtransporter überfallen, Postfilialen ausgeräumt.

1973 versuchte er in der JVA Rheinbach einen bewaffneten Ausbruch. 1974 bis 1985 saß er in Werl, wurde entlassen und tauchte im Ausland unter. Er wurde rückfällig, das Geld hatte ihn gelockt, arbeiten wollte er nicht. 1997 kam er zurück nach Werl.

Über Jahre, erinnert sich Michael Skirl, galt B. als Ausbrecher und saß in einer extrem gesicherten Einzelzelle. "Ich habe den Knast gehasst", sagt B. "Ich war ein echter Systemgegner; damals waren das ja auch im Bau noch andere Zeiten, da machte man schon was mit."

"2010 komme ich raus, oh mein Gott"

Heute ist er ein Mann mit gütigen Augen hinter einer randlosen Brille. Er guckt freundlich. Nur seine riesigen Tätowierungen auf strammen Armen zeigen Spuren eines wilden und aggressiven Lebens. Seit drei Jahren ist er in Sicherungsverwahrung.

Inzwischen schreibt er für die Anstaltszeitschrift "Hauspost". In seinen Texten schimmert ein scharfer Verstand durch, ein Glühen für die Freiheit, aber auch Respekt vor dem Rechtsstaat. Er scheint geläutert. "2010 komme ich vermutlich raus", er lacht, "dann bin ich Rentner, oh mein Gott."

Und dann? Wieder eine Bank? "Selbst wenn ich wollte, das schaff ich gar nicht mehr", sagt er. Seit kurzem hat B. draußen eine Freundin. Gemeinsam wollen sie ihren Lebensabend verbringen, eine Voliere für seinen Nymphensittich bauen, das ist der Plan.

Wird er nach so vielen Jahren etwas vermissen? B. nimmt die Brille ab und blickt auf die Gitterstäbe vor den Fenstern. Eine halbe Minute lang. "Nein." Er schaut ernst. "Ich freue mich so wahnsinnig auf mein zweites Leben. Ich habe nie vergessen, wo ich bin. Abends sind noch immer die Türen zu."

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