Prozess zum Fall Kalinka Im Namen seiner Tochter

André Bamberski ließ den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter Kalinka nach Frankreich entführen. Dieter K. wurde dort zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nun muss sich Bamberski für die Aktion vor Gericht verantworten.

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Von , Paris


Es ist ein gebeugter weißhaariger Mann, der durch die Räume seiner Wohnung führt, in Pechbusque nahe Toulouse. Im ehemaligen Kinderzimmer seiner Tochter Kalinka erinnert nichts mehr an ein Mädchenambiente, hier türmen sich Aktenbündel, Zeitungen, Dossiers zusammengehalten von breiten Gurten. "Ich brauche keine Fotos", sagt André Bamberski, "ich sehe sie immer vor mir."

Und das seit 1982. Rund 30 Jahre seines Lebens verbrachte der pensioniere Buchhalter damit, alle Hinweise zu sammeln, um den Mann zu jagen, den er für den Mörder seiner Tochter hielt. "Die Hunderten Einschreiben waren für mich keine Obsession", sagte der bald 77-Jährige im französischen TV-Sender France 2, "für mir mich waren es Gebete oder Fürbitten."

Seine Mission brachte ihn schließlich selbst in Konflikt mit der Justiz: Im elsässischen Mulhouse steht Bamberski von Donnerstag an vor Gericht, angeklagt wegen Entführung, Freiheitsberaubung, Körperverletzung und Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Deutsche Justiz stellte Ermittlungen ein

Recht oder Vergeltung, Selbstjustiz oder Gerechtigkeit? Seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftigt der "Fall Kalinka" Polizei, Richter und Diplomaten in Frankreich wie in Deutschland. Im Zentrum steht der Franzose Bamberski, der leibliche Vater des in Deutschland gestorbenen Mädchens: Held für seine Anhänger, hasserfüllter Rächer für seine Gegner. Ein Justizdrama, das demnächst verfilmt werden soll.

Die Geschichte nimmt ihren Ausgang am 10. Juli 1982, als Kalinka morgens tot im Haus ihres Stiefvaters Dieter K. in Lindau gefunden wird - offenbar erstickt. In ihrem Hals Erbrochenes, in den Armen Einstiche. Die 15-Jährige verbrachte damals den Sommer bei ihrer Mutter, wie Bamberski hat diese die französische Staatsbürgerschaft. Sie lebte in zweiter Ehe mit dem deutschen Kardiologen am Bodensee zusammen.

Die genauen Umstände von Kalinkas Tod blieben ungeklärt. Dieter K. sagte aus, er habe seiner vom Schwimmen und Surfen müden Stieftochter abends gegen 19.30 Uhr ein Eisenpräparat gespritzt. Erst am nächsten Morgen habe er den kritischen Zustand Kalinkas festgestellt und versucht, sie mit weiteren Injektionen wiederzubeleben. Später ergänzte der Arzt, dass er ihr zum Einschlafen auch ein Beruhigungsmittel gegeben hatte.

Die deutsche Justiz untersuchte den Fall, sah aber keinen Grund zur Anklage. Die Ermittlungen wurden nach vier Jahren eingestellt, in Ermangelung eines "genügenden Tatverdachts".

André Bamberski war schockiert. Im Obduktionsbericht seiner Tochter war von Blutspuren auf ihrer Unterhose die Rede, im Genitalbereich konstatierten der Gerichtsmediziner einen "oberflächlichen Riss von einem Zentimeter". Die Hinweise genügten Bamberski. Er war überzeugt, dass Dieter K. seine Tochter vergewaltigt und anschließend getötet hatte, um das Sexualdelikt zu vertuschen.

Die Ungereimtheiten im Fall Kalinka

Bamberski investierte mehr als 30.000 Euro in ein Klageerzwingungsverfahren, das jedoch am Oberlandesgericht München scheiterte. Die französische Justiz dagegen konnte er von seinem Verdacht überzeugen: Ein Pariser Schwurgericht verurteilte den deutschen Arzt 1995 in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft. Der Versuch, den Verurteilten nach Frankreich zu überstellen, scheiterte jedoch am Einspruch der deutschen Justiz, die ihre Haltung nie ändern sollte. Bamberski gab sich nicht zufrieden. Bis heute wittert er ein Komplott der deutschen wie der französischen Justiz, "weder den Haftbefehl noch das Urteil zu vollziehen", sagt er der Tageszeitung "Le Parisien".

Das Urteil von 1995 sollte allerdings später vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte kassiert werden, da der Prozess wegen der Abwesenheit des Angeklagten und ohne anwaltliche Verteidigung rechtswidrig gewesen sei.

Doch Bamberski hat Gründe, misstrauisch zu sein: Die gerichtsmedizinische Untersuchung Kalinkas soll ein mit Dieter K. befreundeter Arzt durchgeführt haben. Und bei der Exhumierung der Leiche 1985 stellte sich heraus, dass die Geschlechtsteile fehlten. Waren sie verwest, oder wurden sie bei der Autopsie entfernt, wie Bamberski es darstellt?

Endgültig bestärkt fühlte sich Bamberski, als Dieter K. 1997 in einem anderen Fall von sexuellem Missbrauch vor Gericht kam. Er gestand, eine 16 Jahre alte Patientin mit Schlafmitteln betäubt und vergewaltigt zu haben. Das Urteil des Landgerichts Kempten fiel milde aus, Dieter K. wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, er verlor die Zulassung als Arzt.

"Nun beginnt ein anderer Kampf"

Bamberski entschloss sich zum Handeln - auf eigene Faust. Erst spähte er die Wohnung Dieter K.s in Scheidegg, Landkreis Lindau, aus, dann ließ er den Arzt im Oktober 2009 von kriminellen Handlangern über die Grenze schaffen. Darunter soll ein unbekannter Kosovare gewesen sein, der sich seinerzeit als selbstloser Helfer und "nur aus Sympathie" für die Entführung angeboten habe, behaupten die Freunde Bamberskis auf ihrer Internetseite. Die Ankläger von Mulhouse sehen das anders: Sie sehen darin die Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Zusammengeschlagen und geknebelt wurde der damals 74-Jährige Dieter K. unweit des Gerichtsgebäudes von Mulhouse gefunden - und prompt inhaftiert. Trotz des Protests der deutschen Behörden wurde Dieter K. in Frankreich erneut der Prozess gemacht, dieses Mal in Anwesenheit des Angeklagten. Im Oktober 2011 das Urteil: 15 Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Ein Jahr später wies auch die höchste Instanz, das Kassationsgericht in Paris, den Widerspruch des Deutschen ab.

Bamberski wurde bald als Drahtzieher von Dieter K.s Entführung ausgemacht. Er leugnete nicht. Für ihn zähle nur seine Mission, "Gerechtigkeit für Kalinka", sagte er der Tageszeitung "Le Parisien". Er habe sein Ziel erreicht, "nun beginnt ein anderer Kampf".

Nämlich der um seine eigene Rolle bei der Entführung, bei dem sich die Lager der beiden Protagonisten mit Statements und Internetauftritten gegenseitig bekriegen. Die Familie von Dieter K. verweist auf die schlechten Haftbedingungen im Gefängnis und behauptet, dass der Verurteilte noch immer unter den Spätfolgen der Entführung leide. Bamberskis Unterstützer, die "Vereinigung Gerechtigkeit für Kalinka" mokiert sich über die Beschwerden des inhaftierten Arztes: "Er simuliert bei jeder günstigen Gelegenheit eine Herzattacke."

Bamberski sieht keinen Grund zur Reue. "Ich stehe dazu und schäme mich nur, dass ich nicht den Mut hatte selber zu handeln", sagt er über seinen Akt der Selbstjustiz France 2. Bamberski droht eine Strafe von zehn Jahren.

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