Kampf gegen Rechtsextreme Das Dorf hinter Dresden

Als Karin Berndt gewählt wurde, bestimmte die "Kameradschaft Oberlausitz" das Leben in Seifhennersdorf. Zehn Jahre später blickt die Bürgermeisterin auf einen Kampf gegen rechts zurück, der ihr alles abverlangte. Jetzt geht ihr auch das Geld dafür aus.

SPIEGEL ONLINE

Von Jochen Brenner, Seifhennersdorf


Sie kämpft, aber sie lügt nicht. Sie sagt: "Bürschelchen, Du wirst hier nicht feiern." Und genehmigt den Termin im Kulturzentrum nicht. Die Rechtsextremen in der Stadt wollen dort ihre Weihnachtsfeier veranstalten, getarnt ist das Fest als Geburtstag.

Karin Berndt kann das, eine Genehmigung verweigern, sie ist die Bürgermeisterin von Seifhennersdorf. Aber darf sie es auch? Die Juristen im Rathaus geben ihr den Tipp zu lavieren: Der Abend im Kulturhaus sei belegt, kein anderer Termin mehr frei. Karin Berndt aber sagt: "Ich erfinde doch nichts für die."

Sie ist jetzt 54, seit knapp zehn Jahren als Bürgermeisterin im Amt und "davor habe ich beruflich etwas Ähnliches gemacht", sagt Berndt. "Ich war Kindererzieherin in einer Krippe. Dort wurde auch jeden Tag gekämpft."

Seifhennersdorf liegt an der tschechischen Grenze, auch Polen ist nicht weit und immer mal wieder tritt die Mandau über die Ufer und überschwemmt das Städtchen, 2010 das letzte Mal, ein Drittel der Häuser lief voll.

Berndt wird die Rechten nicht los

"4071 Seifhennersdorfer gibt es noch", sagt Karin Berndt, gerade hat sie die aktuellen Zahlen bekommen. 8000 Menschen haben hier vor der Wende mal gelebt, bis sie zu Wirtschaftsvertriebenen wurden. Die Bürgermeisterin nennt sie so, die jungen Männer und Frauen, die in der Region keine Jobs mehr finden und deswegen abwandern. 20 Prozent sind im Schnitt ohne Arbeit, unter den Jungen ist die Zahl viel höher.

Berndt setzt sich nun mit denen auseinander, die geblieben sind. Für die Alten, Kranken und Schwachen versucht sie, Seifhennersdorf zu einem lebenswerten Städtchen zu machen. Die anderen wird sie nicht los. "Ich habe von meinem Vorgänger nicht nur ein Amt übernommen, sondern auch eine Kameradschaft", sagt Berndt. "Die denkt nicht daran, von alleine zu verschwinden."

Der sächsische Verfassungsschutz behält die "Kameradschaft Oberlausitz" seit Jahren im Auge, ihre Mitglieder gelten als gewalttätig und gut vernetzt. Während einer Razzia im Jahr 2006 fanden Ermittler bei Mitgliedern Hakenkreuzfahnen, Schreckschusspistolen, rechte Musik und Sturmhauben.

Als Karin Berndt ihr Amt antritt, sind die Neonazis fester Teil der Seifhennersdorfer Gesellschaft, die Kameradschaft ist im Vereinsregister eingetragen, mit allen Privilegien des Bürgerlichen Gesetzes ausgestattet. "Arrangieren oder Widerstand, das waren meine Alternativen", sagt Karin Berndt.

74 Mandate in 62 Städten für die NPD

Sie führt seit zehn Jahren einen Kampf, der wohl nie entschieden wird und dessen Erfolge sich einer Messung entziehen, das macht ihn so ermüdend. Auf die Frage, ob "zu viele Ausländer in Deutschland leben", antworteten in einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gerade 65,4 Prozent der Sachsen mit "Ja". Der Aussage "Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss" stimmten landesweit 18 Prozent zu. Beides sind bestürzend hohe Werte. Bei der Kommunalwahl 2009 erhielt die NPD 74 Mandate in 62 Städten und Gemeinden: Ohne den Kampf vieler Menschen in Sachsen gegen rechts wären es möglicherweise noch mehr.

Menschen wie Sven Kaseler. Er koordiniert seit zehn Jahren die Arbeit des Vereins "Augen Auf". Er holt Zeitzeugen des Nazi-Terrors in die Oberlausitz, er vermittelt Sozialpädagogen an Schulen in der Region, die mit den Kindern über den braunen Terror sprechen. "In zehn Jahren sollte es uns nicht mehr geben müssen", sagt Kaseler. "Aber das ist wohl nur ein Traum."

Menschen wie Dorothea Schneider. Sie engagiert sich gegen rechts. Bei einer Party im Zittauer Volkshaus wollte sie den Hitlergruß einiger Gäste nicht länger tolerieren und bat den Sicherheitsdienst um Hilfe. Der Mann gab den Neonazis Zigaretten aus und sagte zu Schneider, "es war doch nicht so gemeint". Sein Chef hatte Angst um den Umsatz.

Menschen wie der Unternehmer Christoph Hess. Er spendet seit sechs Jahren für den Kampf gegen rechts, für "Augen Auf". Seine Firma stammt eigentlich aus dem Schwarzwald, 110 Leute fertigen jetzt in einem Werk in der Oberlausitz Außenlampen für Philadelphia, Dresden oder Katar. "Ausländische Gäste müssen ohne Angst durch die Stadt gehen können", sagt sein Chefeinkäufer in Sachsen. "So kann es doch nicht weitergehen."

Den Rechten die Sauerstoffzufuhr abschneiden

Es ist ein Satz, mit dem viele in der Region ein Gespräch starten. Karin Berndt blickte kurz nach ihrem Amtsantritt in die Straßen ihres Städtchens und sagte: "Erziehen werd' ich die Rechten nicht mehr. Aber ich kann ihnen die Sauerstoffzufuhr abschneiden."

Das macht sie seither, sie nimmt den Nazis ihren Nachwuchs. Karin Berndt gründet in Seifhennersdorf einen Schul- und einen Jugendclub. Wer dort ist, kommt nicht auf andere Gedanken, das ist die Idee. Sie unterstützt Vereine, die sich um den Nachwuchs kümmern, sie lässt eine Skater-Halle einrichten. "Das haben wir dann alles aus dem eigenen Haushalt bezahlt", sagt sie, obwohl doch eigentlich der Kreis dafür aufkommen müsste. Helfer rekrutiert sie auf dem Zweiten Arbeitsmarkt: Meist Langzeitarbeitslose, die wieder in einen Job finden sollen. "Für sie läuft die Förderung im Februar aus. Dann kann ich hier zumachen."

Ihre Arbeit ist eigentlich dringender denn je. Der Feind hat sich verändert in Seifhennersdorf, "die Zeit der krassen Rechten ist vorbei". Springerstiefel tragen sie nur noch selten, Glatzen vielleicht noch einzelne. "Die neuen Nazis geben sich als brave, fleißige, ordentliche Deutsche."

Das ist doch nur die Dorfjugend

Im Frühjahr stellen Seifhennersdorfer Rechtsextreme den Maibaum auf, "morgens um halb sechs", sagt die Bürgermeisterin, "und um sechs Uhr haben die den Platz schon wieder gefegt. Das schaffen meine Leute vom Bauhof nicht so schnell." Wer mitten in der Stadt etwas für die Gemeinschaft tut - kann der so schlecht sein? "Viele verharmlosen die Rechten auch, weil sie sie zu kennen glauben", sagt Karin Berndt. "Das ist doch unsere Dorfjugend, was ist schon dabei."

Die Lebensfreude und Geselligkeit seien in den vergangenen Jahren verloren gegangen, sagt sie. "Früher war das nicht so."

Früher hatte Seifhennersdorf einen großen Bahnhof aus dem Jahr 1874, ein stolzes Gebäude, das dem Städtchen in der Oberlausitz Wohlstand versprach. Heute halten die Züge an einem Behelfshalt, der Bahnhof ist privatisiert. "Wir sind hier abgehängt in der Oberlausitz", sagt Karin Berndt, "aber hinter Dresden ist auch noch Deutschland."

insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Knütterer, 23.11.2011
1. Hoher Respekt...
... für diese mutige Frau, die in der latent beklemmenden Situation, Stärke und Mut zeigt!
Newspeak, 23.11.2011
2. ...
"Früher hatte Seifhennersdorf einen großen Bahnhof aus dem Jahr 1874, ein stolzes Gebäude, das dem Städtchen in der Oberlausitz Wohlstand versprach." Da ist doch ein Teil des Problems. Wieso muß ich mich mit meinem Wohnort über irgendetwas wie "Stolz" verbinden? Es ist doch klar, daß wenn ich diese Werte dann nicht mehr habe, daß ich dann nach denen suche, die mir ähnliches anbieten können. Und diese Nische besetzen dann die Rechtsextremen. Man sollte den Leuten mal beibringen, daß diese ganzen Tugenden, Ordnung, Sauberkeit, Pflichterfüllung usw. sekundär sind und daß auch Patriotismus, Stolz auf das eigene Land usw. völlig unwichtig sind und keinen Lebenssinn bieten. Ja, das all das eigentlich auch Zeichen von Beschränktheit ist, weil man eben nichts hat, worauf man sonst stolz sein könnte.
bürger mr 23.11.2011
3. Freiheit
Ein Satz von Erich Kästner : "Man darf nicht warten bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird" Ich verneige mich vor dieser mutigen Frau, wenn nur mehr politiker solchen formates hier beheimatet wären.
Loewe_78 23.11.2011
4. .
Zitat von Knütterer... für diese mutige Frau, die in der latent beklemmenden Situation, Stärke und Mut zeigt!
Dem pflichte ich vollumfänglich bei. Bitte weiter so. Und mehr Leute, die sich ein Beispiel daran nehmen, wären auch kein Fehler.
HBRSS 23.11.2011
5. Tolle Frau
Zitat von sysopAls Karin Berndt gewählt wurde, bestimmte die "Kameradschaft Oberlausitz" das Leben in Seifhennersdorf. Zehn Jahre später blickt die Bürgermeisterin auf einen Kampf gegen rechts zurück, der ihr alles abverlangte.*Jetzt geht ihr auch das Geld dafür aus. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,799398,00.html
Beruflich bin ich relativ häufig in den sog. neuen Bundesländern unterwegs. So viele offenkundig rechts eingestellten Menschen habe ich noch in keiner Region Westdeutschlands getroffen. Als in den Nachrichten verkündet wurde, dass die bösen rechten Terroristen dort untergetaucht seien, habe ich spontan gefragt: Wieso untergetaucht, da sind sie doch unter ihresgleichen...
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