Kanadische Indianer Wiedergutmachung für die Zeit im Prügelinternat

Weil sie in staatlichen und kirchlichen Internaten jahrelang geprügelt und missbraucht wurden, sollen jetzt Tausende kanadischer Indianer und Eskimos mit einer Milliardensumme entschädigt werden. Doch ob das Geld in die richtigen Taschen fließt, weiß niemand.
Von Roman Heflik

Hamburg - Diesen Moment wird Flora Merrick den Rest ihres Lebens nicht mehr vergessen: Als der Vater 1932 in das Internat kommt, in das die 15-jährige Flora und ihre jüngere Schwester gehen. Ihre Mutter sei tot, sagt er. Kommt, wir gehen sie beerdigen. Und dann der Moment, in dem der Schulleiter sagt: Nein, die Mädchen bleiben hier.

"Meine kleine Schwester und ich haben so sehr geweint, dass wir unserem Vater weggenommen und zwei Wochen lang in einen dunklen Raum eingesperrt wurden", berichtet Merrick im Februar 2005 vor einem Parlamentsausschuss. Aus dem Mädchen von damals ist inzwischen eine alte Dame geworden, fast 90 Jahre alt, doch von den Schrecken ihrer Schulzeit hat sie nichts vergessen. Nach der Haft habe sie zu flüchten versucht, sagt sie, aber die Lehrer hätten sie entdeckt "und so heftig verprügelt, dass meine Arme noch wochenlang schwarz und blau waren".

Durch Folter zum guten Christen

Merrick ist eine von etwa 80.000 sogenannten Überlebenden. Deren Gemeinsamkeit: Sie alle sind kanadische Ureinwohner - Indianer oder Eskimos - und wurden in meist kirchlich betriebene Internate, die "residential schools", verfrachtet. Dort sollten die Kinder zu guten Kanadiern und Christen erzogen werden - notfalls auch mit Gewalt.

Wer beim Reden in seiner Muttersprache oder bei traditionellen Ritualen erwischt wurde, wurde gedemütigt, geschlagen oder sogar gefoltert. Weil es fast keine staatlichen Kontrollen gab, war auch sexueller Missbrauch an der Tagesordnung. Experten gehen davon aus, dass das über Generationen andauernde Unrecht in den Schulen mitverantwortlich ist für viele Probleme der Ureinwohner wie den hohen Alkoholkonsum oder die Gewaltexzesse.

Erst 1984 wurde das letzte der Indianer-Internate geschlossen. Weitere zehn Jahre dauerte es, bis es die ersten Wiedergutmachungsversuche von Seiten der Kirchen und des Staates gab: Versöhnungskommissionen wurden eingerichtet, Hilfsprojekte und schließlich eine Art Entschädigungsstelle.

"Bestrafung war 'akzeptabel'"

Doch Flora Merrick, das entschieden die Beamten vor zwei Jahren, sollte leer ausgehen. "Mir wurde gesagt, dass meine Bestrafung dem 'zu dieser Zeit akzeptablen Standard' entsprach", erinnert sich Merrick während der Parlamentsanhörung. Enttäuscht habe sie sich daraufhin einer der zahlreichen Sammelklagen angeschlossen, die Überlebende gegen den Staat Kanada anstrengten.

Wohl nicht im Traum hätte sich die Seniorin vorzustellen gewagt, welchen Erfolg ihrem Anliegen einmal beschieden sein sollte: Anfang dieses Monats beschloss die Regierung, die fast 80.000 Überlebenden pauschal mit 1,9 Milliarden Dollar zu entschädigen. An jeden Überlebenden sollen 10.000 Dollar ausgezahlt werden, außerdem etwa 3000 Dollar für jedes durchlittene Schuljahr. Die frühere liberale Regierung hatte sich zu der Grundsatzvereinbarung mit den Ureinwohnern im November 2005 durchgerungen, jetzt haben auch die im Januar neu gewählten Konservativen zugestimmt. Den Plänen zufolge sollen in den kommenden zehn Jahren mehrere Milliarden Dollar dafür ausgegeben werden, die Lebensqualität in den Reservaten zu verbessern.

"Dies ist ein großartiger Tag für die Ureinwohner, für die Überlebenden der Internate und für Kanada", jubelte Phil Fontaine, der Sprecher der Ureinwohner-Verbände. Die Vertreter der katholischen, anglikanischen, presbyterischen und vereinigten Kirche stöhnen dagegen auf: Zwar übernimmt der Staat den Löwenanteil der Entschädigungssumme, doch müssen die Glaubensgemeinschaften mit insgesamt 120 Millionen Dollar ebenfalls tief in die Tasche greifen. James Weisgerber, Erzbischof von Winnipeg, deutete bereits an, dass nun an anderen sozialen Projekten gespart werden müsse.

Leichte Beute für Geschäftemacher

Für die Indianer aber ist die Finanzspritze dringend nötig: Noch immer leben in Kanada Weiße und Ureinwohner in verschiedenen Welten. So beträgt die Lebenserwartung von Indianern fünf bis sieben Jahre weniger als die der anderen Kanadier. Die Säuglingssterblichkeit liegt 20 Prozent über dem Durchschnitt und die Zahl der Selbstmorde ist dreimal so hoch.

Ob das Geld in die richtigen Hände gelangen wird, ist fraglich. Vor kurzem erst hat eine staatliche Prüferin den staatlichen Behörden schlampige Arbeit bei der Verwaltung der Reservate bescheinigt: Mit nutzloser Bürokratie würden sie enorme Steuergelder verschwenden, statt sie den Indianern zu gute kommen zu lassen.

Skrupellose Geschäftemacher wittern bereits leichte Beute. Als im November die Entschädigungzahlungen vereinbart wurden, da tauchten plötzlich zahlreiche Autohändler in den Reservaten auf, beobachtete Ray Mason, der Vorsitzende von "Spirit Wind Manitoba", einer Vereinigung von Überlebenden. "Sie sagten: 'Kauft euch jetzt einen Wagen und bezahlt, wenn ihr das Geld für die Internatszeit kriegt.'" Zahlreiche Bewohner könnten mit Geld nicht umgehen, sagt Mason. "Wir kennen viele, die das Geld einfach für Drogen verschleudern würden." Mason hat jetzt vorsorglich Fördergelder beantragt - um die Indianer im Umgang mit Geld zu schulen.

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