Kapitän der gekaperten "BBC Trinidad" "Ich kannte Piraten vorher nur aus dem Kino"

21 Tage war die "BBC Trinidad" in der Hand somalischer Piraten, Jan Konecny und seine Crew bangten um ihr Leben. Der Frachter wurde von seiner Bremer Reederei freigekauft. Im Interview spricht der Kapitän über die wohl schlimmste Zeit seines Lebens.

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Hamburg - Das Leben von Jan Konecny änderte sich am 21. August 2008. An jenem Donnerstag war die See ruhig, der Himmel klar vor der Ostküste Afrikas. Konecny steuerte die "BBC Trinidad", einen 23 Millionen teuren Frachter, eines von mehr als 50 Schiffen der "Beluga Shipping GmbH" mit Sitz in Bremen. Geladen hatte das Schiff Röhren und anderes Equipment für die Ölindustrie, die es von Houston in Texas nach Maskat in Oman bringen sollte.

Um 12.40 Uhr empfängt der Kapitän die Warnung eines chinesischen Schiffes, das in Sichtweite fährt: Sein Frachter werde von verdächtigen Booten verfolgt. Konecny, 48, Vater zweier Kinder, ist ein erfahrener Mann, eine kompakte Erscheinung mit kurzen braunen Haaren, braunen Augen und einem ergrauten Schnauzer im runden Gesicht. Der Slowake ordnet Zickzackkurs an, versucht die Piraten durch das Manöver abzuhängen. Vergeblich.

"Das Schiff ragte nur rund 1,60 Meter aus dem Wasser heraus. Ich beschleunigte auf 14 Knoten, die Piraten konnten 18 bis 22 Knoten schnell fahren. Wir hatten keine Chance", sagt der Kapitän in einem Interview, das die Reederei nach der Freilassung des Schiffs mit ihm führte - um zu dokumentieren, wie er die 21 Tage in der Hand der Piraten erlebte und ihn gleichzeitig davor zu schützen, seine Geschichte immer und immer wieder erzählen zu müssen; und so immer wieder an die Zeit der Ungewissheit erinnert zu werden. Das Video liegt SPIEGEL ONLINE exklusiv vor.

Neun Piraten, sieben von ihnen mit Kalaschnikows

Als die Seeräuber mit ihren Schnellbooten in Rufweite sind, feuern sie Gewehrsalven in die Luft und fordern, die Maschinen zu stoppen. Konecny, der zuvor auf der Nordseeinsel Spiekeroog ein Gefahrentraining seiner Reederei absolviert hat, weiß, worauf es ankommt: Ruhe bewahren, er darf sich nicht provozieren lassen, damit die Situation nicht eskaliert.

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Binnen weniger Minuten entern neun Somalier das Schiff, sieben von ihnen sind mit Kalaschnikows bewaffnet, zwei mit Panzerfäusten. Es seien keine modernen Waffen gewesen, erinnert sich Konecny.

Er schafft es, einen Notruf an ein Marineschiff abzusetzen, das sich in der Nähe aufhält. "Sie kamen, aber sie kamen zu spät. Sie waren 27 Meilen von uns entfernt, brauchten 40 Minuten bis sie bei uns waren. Als das Schiff da war, konnte es nichts mehr machen."

Der Besatzung auf der Brücke gelingt es, eine Taste zu drücken, die automatisch den aktuellen Standort des Schiffes nach Bremen sendet.

"Unser Schiff war leicht zugänglich, weil es tief im Wasser lag. Die haben die Aufschrift 'BBC Trinidad' gelesen und an die BBC, den Fernseh- und Rundfunksender in London gedacht und sich überlegt: Da ist bestimmt viel Geld zu holen", antwortet der Kapitän in dem Video auf die Frage, warum sich die Seeräuber ausgerechnet sein Schiff ausgesucht haben.

Er wird gezwungen, den Frachter in die Bucht vor Eyl zu manövrieren. In den ersten drei Tagen halten sich die Piraten vorwiegend auf der Brücke auf. Sie kontrollieren Konecny, bedrohen ihn von zwei Seiten mit ihren Waffen, zwingen ihn zu tun, was sie wollen. Die Crew, bestehend aus Russen und Philippinern, darf nicht miteinander sprechen.

Die Seeräuber befehlen, dem Kapitän bleibt nichts als zu parieren.

"Wer weiß, was die tun werden, wenn sie verrücktspielen?"

Er wird gezwungen, das Schiff bis auf vier Meilen an die Küste heranzufahren. Den Piraten geht es darum, ihre Macht zu demonstrieren - und damit ihren Lösegeldforderungen Nachdruck zu verleihen.

Es gelingt Kosecny, heimlich eine E-Mail nach Bremen zu senden, mitzuteilen, dass die Besatzung wohlauf ist. Vier Tage nach der Entführung, am 25. August, meldet sich die "BBC Trinidad" über ein Satellitentelefon in Bremen. Es beginnen langwierige und zähe Verhandlungen zwischen den Piraten und der Reederei. Für Konecny und seine Crew geht es um Leben und Tod.

"Die Männer waren schätzungsweise zwischen 18 und 60 Jahren alt. Einige waren gebildet, andere nicht. Einige waren dünn, andere hatten eher meine Statur", berichtet Konecny.

"Tatsache ist, dass die Drogen nehmen, nichts essen, nichts trinken, sondern die ganze Zeit grünes Gras kauen. Ich glaube, es ist so etwas wie Koka, und wer weiß, was die tun werden, wenn die verrücktspielen", schreibt er in einer Nachricht nach Bremen.

Es sei schwer zu sagen, wie aggressiv die Männer gewesen seien, sagt Konecny im Nachhinein. Immerhin sei niemand verletzt worden. Er senkt seinen Blick, verschränkt die Arme vor der Brust: "Wenn einer mit einer Kalaschnikow vor dir steht, dann weißt du, dass du in dem Moment keine Macht mehr hast. Da hast du keine Chance, bist ihnen ausgeliefert, bist nur noch Geisel."

Die Piraten verwüsten die Kabinen der Crew, trinken die Bar leer, transportieren den Proviant ab. "Ich wusste nie, was im nächsten Moment passiert. Ich kannte Piraten nur aus dem Kino", sagt Konecny und schaltet seinen Blick auf unendlich.

Die Besatzung weiß nicht, welche Strategie die Reederei in Bremen verfolgt, ob sie verhandeln oder das Schiff gar stürmen will. Die Piraten zwingen die Männer, ihre Frauen anzurufen - und sich über die Untätigkeit der Beluga Shipping zu beschweren. Manchmal verweigern die Piraten der Mannschaft die Nahrung. Der Druck wächst von Tag zu Tag.

"Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich vorher war"

Auf der "BBC Trinidad" wird das Essen knapp, die Temperaturen steigen auf über 40 Grad, die Mannschaft wäscht sich nicht mehr, um Wasser zu sparen. Im Gespräch mit Reeder Niels Stolberg und dem Krisenstab, den er eingerichtet hat, betonen die Piraten, sie hätten auch andere Schiffe in ihrer Gewalt, auf denen bereits "verschiedene Leute" ermordet worden seien, man werde "möglicherweise auch Ihre Mannschaft töten".

Kapitän Konecny fürchtet sich vor allem vor der Unberechenbarkeit der jüngeren Männer. "Ich habe in den Tagen aufgehört, große Pläne zu machen, weil ich gemerkt habe, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich vor der Entführung war."

Ob er je wieder zur See fahren wird, weiß Konecny nicht. "Ich kann nicht sagen, ob ich je wieder ein Schiff werde betreten können. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde und ob ich damit umgehen könnte", sagt er nachdenklich in dem Video. "Im Moment denke ich: nie wieder. Aber vielleicht sieht das irgendwann auch wieder anders aus."

Die Zukunft des Kapitäns: ein Job an Land

Am 11. September 2008, nach 21 Tagen in der Hand der Piraten, kommt die "BBC Trinidad" gegen eine Lösegeldzahlung frei. Hinter Reeder Stolberg und dem Krisenstab, bestehend aus Sicherheitsfachleuten aus der Firma, zwei Beamten vom Bundeskriminalamt und Experten eines britischen Sicherheitsunternehmens, liegen nervenaufreibende Tage. "Niemand kann sich vorstellen, was wir hier durchgemacht haben", sagt Stolberg, 47, nachdem sein Schiff für mehrere Millionen freigekauft ist.

"Für uns war jeder einzelne Tag ein Tag zu viel", sagt Kapitän Konecny. "Aber die Reederei hat es gut gemacht, denn wir sind frei."

Konecny und seine Crew haben die Zeit in der Gefangenschaft der Piraten zwar körperlich unversehrt überstanden, doch sie leiden an den psychischen Folgen des Überfalls. Die Crew wurde am 15. September in Oman durch ein neues Team komplett abgelöst.

Der Kapitän und die anderen Besatzungsmitglieder erholen sich noch immer im Kreis ihrer Familien. Sie sind gegen Lohnfortzahlung bis März 2009 freigestellt. Jan Konecny wird dann in der Reederei einen Job an Land übernehmen.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

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Robert B., 18.11.2008
1. Kriegsschiffe
Die gleichen Massnahmen wie seit 5 Jahrhunderten. Kriegsschiffe auf Piratenjagd schicken. Sehr viel sinnvoller als der Afganistaneinsatz der BW.
dcl 18.11.2008
2.
---Zitat--- Die US-Marine erklärte, die meisten Attacken der vergangenen Monate hätten durch "Sicherheitsteams an Bord" abgewehrt werden können. ---Zitatende--- Genau. Diese Sicherheitsteams werden natürlich von internationalen Sicherheitsunternehmen wie Blackwater o.ä. gestellt, in welchen die Spezialisten der US Navy nach ihrer militärischen Karriere ihr Brot verdienen. Handelsschiffe sind weder auf Verteidigung noch auf Angriff gebaut und bei zwei Millionen Barrel Öl möchte ich mir den Beschuss mit sog. reaktiven Panzerbüchsen (Panzerfaust) nicht vorstellen. Sicherheitsteams führen zur Eskalation auf den Handelsschiffen. Wozu gibt es bitte Kriegsschiffe? Die sind genau für solche Operationen gebaut worden und sind personell auf kriegerische Maßnahmen eingestellt. Dieses Rumgeeiere, auch von Seiten der Bundesmarine, ist zum heulen. Haben die Jungs Angst, dass ihre teuren Spielzeuge Kratzer bekommen könnten?
Interessierter0815 18.11.2008
3.
Zitat von sysopDie Kaperung des Super-Tankers weit vor der Küste Somalias zeigt: Das Problem der Piraterie wird für die internationale Seefahrt immer bedrohlicher. Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um den Seehandel wieder sicher zu machen?
Die Welt am techn. Fortschritt teilnehmen lassen? Erst klauen wir die Rohstoffe der Länder und dann flennen wir noch, das sie sich wehren.
yato, 18.11.2008
4. Da war die Realität wieder mal schneller als Hollywood
Zitat von Robert B.Die gleichen Massnahmen wie seit 5 Jahrhunderten. Kriegsschiffe auf Piratenjagd schicken. Sehr viel sinnvoller als der Afganistaneinsatz der BW.
scheint ja nicht sehr viel gebracht zu haben seit 5 jahrhunderten, oder hatten piraten in der weltgeschichte schon jemals so einen dicken fisch an der angel? mit der zivilisierung hat das übrigens wohl doch nicht so gut geklappt - sind wir jetzt eigentlich wieder im mittelalter? ...man mag sich gar nicht vorstellen was mit so einem riesentanker voll öl alles möglich wäre, wenn die piraten durchdrehen...
TranceData, 18.11.2008
5.
Piraten wurden früher von der Marine versenkt. Also: Back to the roots...
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