Kat-Schmuggel Rauschblätter auf der Autobahn

Die aus Afrika stammende Biodroge Kat wird immer beliebter in Europa. Das Rauschmittel muss ganz frisch konsumiert werden: Es wird legal in die Niederlande eingeflogen, Schmuggler transportieren die Blätter weiter - und liefern sich häufig wilde Verfolgungsfahrten mit der Polizei.

Von Peter Neitzsch


Hamburg - In den frühen Morgenstunden eines Freitags im April steuert ein Mann aus Äthiopien seinen Wagen in den Fährhafen Puttgarden auf der Insel Fehmarn. Doch Dänemark, das Ziel seiner Fahrt, wird der 34-Jährige nicht erreichen. Fahnder von Zoll und Polizei finden im Kofferraum zwölf große Jutesäcke gefüllt mit Bündeln der Droge Kat. 105 Kilo schwer. Bestimmt für Abnehmer in Skandinavien.

Funde wie diesen machen die Beamten mittlerweile fast im Wochenrhythmus: Am 2. April flüchtete ein Volvo Kombi auf der A7 vor einer Polizeistreife und konnte erst an der Grenze zu Dänemark gestoppt werden. Mit Hilfe von Nagelgurten, die dänische Beamte über die Fahrbahn legten. Die Fahrer, zwei Somalier, flüchteten zu Fuß. Im Kofferraum fanden sich rund 200 Kilogramm Kat.

Am 6. März entdeckte die Bundespolizei 312 Kilo im Laderaum eines Autos. Am 2. Februar waren es 548 Kilo. Am 29. Januar stellten Fahnder gleich zweimal große Mengen sicher: 197 und 385 Kilo. Immer wieder auf der A7.

Die Autobahn nach Dänemark ist zur wichtigsten Transportroute für die Droge in Europa geworden. Von den Niederlanden aus wird die Ware auf der Straße nach Skandinavien gebracht, dem größten Absatzmarkt für Kat in der EU.

Regelmäßig fallen den Fahndern verdächtige Fahrzeuge, Autos oder Kleinlaster auf, die wegen ihrer schweren Fracht tiefer auf der Straße liegen. Ein Hinweis auf einen Kat-Transport sind auch verdunkelte oder von den Ausdünstungen der Blätter beschlagene Fensterscheiben. Denn die Droge wirkt nur frisch und ist leicht verderblich - schon zwei bis drei Tage nach der Ernte ist sie wertlos: Die Schmuggler müssen schnell sein.

Dramatische Verfolgungsjagden mit der Polizei

Immer wieder kommt es auf der A7 zu dramatischen Szenen: "Die Täter schrecken nicht davor zurück, sich Verfolgungsjagden mit der Polizei zu liefern", sagt Matthias Menge, Hauptkommissar der Bundespolizeidirektion Bad Bramstedt. Seit Jahresbeginn beschlagnahmte seine Behörde allein in Schleswig-Holstein 2,7 Tonnen Kat. Etwa acht Tonnen waren es im vergangenen Jahr - die Zugriffe des Zolls und der Landespolizei nicht mit eingerechnet. Auch hinter der dänischen Grenze werden noch Schmuggler verhaftet. Für 2009 rechnen die Beamten mit einem weiteren Anstieg der Kat-Funde.

Bundesweit wurden laut Bundeskriminalamt 2008 insgesamt 29,5 Tonnen des Rauschgifts beschlagnahmt - mehr als doppelt so viel wie 2007 (13,5 Tonnen). "Kat ist ein Phänomen", sagt Wolfgang Schmitz, Sprecher des Zollkriminalamts, "der Schmuggel ist in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen."

Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurden neun Tonnen Marihuana aus dem Verkehr gezogen. Die großen Mengen sichergestellten Kats lassen sich auch durch die relativ schwache Konzentration erklären: Um eine Rauschwirkung zu erzielen, müssen viele Blätter gekaut werden.

Kat: Nach Kaffee das wichtigste Exportprodukt Äthiopiens

Kat wird aus den Blättern des gleichnamigen Strauchs gewonnen, der in Nordostafrika und dem Jemen angebaut wird. Beim Kauen der jungen, hellgrünen bis rötlichen Blätter wird der Wirkstoff Kathamin Cathinon freigesetzt. Kat hat eine euphorisierende, dem Amphetamin nicht unähnliche Wirkung, bei der das Hungergefühl unterdrückt wird. Die Wirkung tritt durch mehrstündiges Kauen ein. Seit 1998 ist Kat in Deutschland verboten.

In Ländern wie Kenia, Äthiopien, Somalia und dem Jemen hat das Kauen der Blätter Tradition. In Äthiopien ist Kat mit einem Anteil von etwa 15 Prozent nach Kaffee das zweitwichtigste Exportprodukt des Landes. Immer mehr Bauern steigen auf den lukrativen Anbau der Sträucher um.

Um die Mittagszeit kommt in der Region fast das gesamte Arbeitsleben zum Erliegen, dann hocken vor allem die Männer mehrere Stunden lang Kat kauend beieinander. In Europa ist die Droge vor allem bei Konsumenten afrikanischer und arabischer Herkunft beliebt. Über die Niederlande, in denen das Rauschmittel nicht verboten ist, werden die Blätter von Afrika aus eingeflogen.

Für die Schmuggler ein gutes Geschäft. Zwei bis drei Dollar kostet eine Plastiktüte voll Kat in Afrika. In Europa können sie die Droge für ein Vielfaches verkaufen. Die Angaben über die Schwarzmarktpreise in der EU schwanken zwischen 60 und 250 Euro für das Kilo. "In Dänemark ist eine Tonne Kat mindestens 60.000 Euro wert", sagt Bundespolizist Menge.

Sechs Jahre Haft für 6,5 Tonnen Kat

"Mit Kat kann viel Geld verdient werden", bestätigt auch Zollkriminalamtssprecher Schmitz. So verurteilte im August vergangenen Jahres das Landgericht Bonn den Chef einer Drogenbande zu fast sechs Jahren Haft, der mit dem Verkauf von 6,5 Tonnen Kat bis zu einer Millionen Euro umgesetzt hatte.

Die Bande brachte das aus Kenia stammende Kat zunächst per Flugzeug in die Niederlande, um es dann von Deutschland aus mit 335 Kurierflügen nach Helsinki zu schaffen. Ein Teil der Droge wurde auch direkt in Deutschland verkauft.

"Kat wird zunehmend auch in die Ballungsräume Ruhrgebiet, Hamburg und Berlin geliefert", sagt Zollfahnder Schmitz. Seine Befürchtung: "Es besteht die Gefahr, dass die Nachfrage nach Kat auch unter Deutschen wächst." Die Konsumenten stiegen zunehmend auf vermeintlich harmlose Biodrogen um. "Wir sehen bei den weichen Drogen seit langem einen Anstieg, während chemische Drogen wie Ecstasy zurückgehen", sagt der Beamte.

Sabine Bätzing, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, hält diese Befürchtungen für übertrieben. "Uns liegen keine Erkenntnisse vor, dass Kat innerhalb Deutschlands vermehrt konsumiert wird", sagt die Politikerin. Die sichergestellten Mengen seien vor allem auf den Transithandel und nicht auf einen Anstieg der Nachfrage in Deutschland zurückzuführen.

Psychische Abhängigkeit

Anders verhält es sich in Großbritannien, dort ist Kat legal. Berichten der britischen Presse zufolge erfreut sich die Kaudroge bei Jugendlichen großer Beliebtheit. Eingewickelt in Bananenblätter werden die Kat-Bündel bei Gemüsehändlern zwischen Gurken und Zucchini angeboten. Der Deutsche Christopher Kamper studiert in London und hat Kat ausprobiert: "Außer einem veränderten Zeitgefühl habe ich beim Kauen von Kat nichts bemerkt. Aber je länger man das kaut, desto größer wird die Wirkung."

Eine Studie im Auftrag des Britischen Parlaments stuft Kat im Vergleich mit anderen Drogen als wenig gefährlich ein. Bei den Aspekten Abhängigkeit und gesundheitliche Schädigung lag Kat auf den letzten Plätzen - hinter Alkohol und Tabak.

Die Drogenbeauftragte Bätzing warnt jedoch entschieden vor einer Verharmlosung der Droge: "Die in der Katpflanze enthaltenen Wirkstoffe Cathin und Cathinon sind dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt worden, weil sie zu einer psychischen Abhängigkeit führen können."



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