Katamaranunglück Fährschiff legte bei zu hohen Wellen ab

Noch immer gibt es viele offene Fragen zum Unfall auf der Helgoland-Fähre "MS Polarstern". Fest steht jedoch, dass das Schiff bei viel zu hohen Wellen in See stach. Die Folge: 24 Menschen wurden verletzt, drei von ihnen schwer.

Emden - Rund eineinhalb Stunden nach dem Auslaufen hatte schwere See einen Teil der Frontreling auf dem Hochgeschwindigkeitskatamaran losgeschlagen und in ein Fenster katapultiert. 24 Menschen wurden verletzt, drei von ihnen schwer. Der jüngste Verletzte ist neun Jahre alt.

Bis zum Mittwochmittag lag der Staatsanwaltschaft Aurich die Anzeige eines Fahrgastes wegen Körperverletzung vor. Gegen den 27 Jahre alten Kapitän wird wegen fahrlässiger Körperverletzung und Gefährdung des Schiffsverkehrs ermittelt. An Bord der Fähre waren 357 Passagiere. Bis zur Klärung der Unglücksursache darf der Katamaran nicht auslaufen.

Wie das Hamburger Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) mitteilte, waren die höheren Wellen zum Zeitpunkt des Auslaufens der "Polarstern" im Schnitt 2,69 Meter hoch. Diesen Wert habe eine Messboje südlich von Helgoland übermittelt. Die "Polarstern"-Reederei AG Ems hat für das Auslaufen eine absolute Höchstgrenze von 2,50 Metern gesetzt.

Der Chef des seemännischen Personals der AG Ems, Knut Gerdes, sagte, die Messboje komme für die Entscheidung des Kapitäns "auch in Betracht". Ausschlaggebend sei aber die Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes gewesen - dessen Prognose war beim Auslaufen jedoch knapp zehn Stunden alt. Ursprünglich hatte der Katamaran Norderney anlaufen sollen. Kurz vor dem Unglück sei die Entscheidung gefallen, Borkum anzusteuern.

Von diesem Kurs habe sich der Kapitän ruhigere See versprochen. Wie die Reederei erst am Mittwoch bestätigte, hatten sich bei dem Unglück auch Teile der Deckenverkleidung aus Aluminium gelöst und waren auf Passagiere gefallen. "Das soll und darf eigentlich nicht passieren", sagte Unternehmenssprecherin Corina Habben.

Vor dem Ablegen erkundigt sich die Crew nach Angaben des BSH-Experten Ralf Berger normalerweise beim Helgoländer Hafenmeister nach den jüngsten Werten der Messbojen. Das gelte besonders, wenn die Wetterlage kritisch sei. Die Hafenmeisterei auf Helgoland wollte sich am Mittwoch nicht dazu äußern, ob nach aktuellen Wellenhöhen gefragt worden war.

Die Reederei hatte am Dienstag mitgeteilt, dass der Kapitän eine "Ermessensentscheidung" getroffen hatte. Er ließ die Fähre 40 Minuten früher als im Fahrplan angekündigt ablegen. Wie alt die jüngsten Wetterinformationen des Kapitäns waren, konnte die AG Ems bis Mittwochabend nicht in Erfahrung bringen.

Unklar bleibt auch, warum der Notruf in der Rettungsleitstelle erst um 19.39 Uhr einging - beinahe zwei Stunden nach dem Unglück.

Ein Notarzt sei zufällig an Bord gewesen und habe Erste Hilfe geleistet. Die Wasserschutzpolizei Emden erhielt die ersten "vagen Kenntnisse" gegen 19.55 Uhr. So startete ein Rettungshubschrauber des ADAC und ein Boot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger erst nach 20 Uhr.

Relativiert hat sich inzwischen die Kritik der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) über die späte Benachrichtigung erst am nächsten Morgen. "Wir hatten zunächst befürchtet, dass der Schiffsdatenschreiber nach zwölf Stunden bereits gelöscht ist", sagte BSU-Vize Jürgen Albers. Wie sich herausstellte, hat die mehr als 400 Passagiere fassende "Polarstern" kein solches System.

jdl/dpa

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.