Kate McCann Maddies Mutter erzählt ihre Version des Grauens

Sie bekam den Stempel der gefühllosen Mutter. Manche vermuten, Kate McCann selbst stecke hinter dem Verschwinden ihrer Tochter Maddie. In ihrem Buch müht sich die 43-Jährige um ein sanfteres Profil - und berichtet, wie die Sorge um das vermisste Kind ihre Ehe an den Rand des Zusammenbruchs trieb.

AP

London - Der Gang aufrecht, der Blick anscheinend kalt und unbewegt, kaum Tränen und keine Schreie vor den Kameras - das ist das Bild, das viele Menschen von Kate McCann haben. Süchtig nach Medienaufmerksamkeit und vielleicht sogar Mörderin ihrer eigenen kleinen Tochter. Die Geschichte ging im Mai 2007 um die Welt: Die damals drei Jahre alte Engländerin Madeleine McCann - auch Maddie genannt - verschwand spurlos aus einer Ferienanlage in Portugal. Bis heute wird sie trotz einer beispiellosen Suchaktion der Eltern vermisst.

Jetzt erzählt ihre Mutter in einem Buch ihre Sicht der Dinge und wehrt sich gegen das Bild, sie sei kühl und gefühllos. Die PR-Maschinerie für das Werk läuft auf Hochtouren: Denn die Memoiren erscheinen am 12. Mai, dem achten Geburtstag von Maddie. Anhand ihrer Tagebücher hat sie ihre Gefühle aufgeschrieben, wie Kate McCann selbst sagt.

Die Erlöse aus dem Verkauf sollen in die Suchkampagne der McCanns fließen, der trotz aller Spenden langsam das Geld ausgeht. Angeblich hat "Harry Potter"-Autorin Joanne K. Rowling beim Schreiben geholfen. Britische Zeitungen veröffentlichten bereits Auszüge aus dem Tagebuch.

Hat Kate McCann mit dem Tod ihrer Tochter zu tun?

Es ist Kate McCanns Version des Grauens - aber auch eine Art Verteidigung. Denn die 43-Jährige war nicht nur für einige Zeit Tatverdächtige der portugiesischen Polizei. Noch immer glauben viele, sie und ihr Mann Gerry hätten Maddie selber getötet und verschwinden lassen.

Eine der zahlreichen Varianten, die veröffentlicht wurden: Die beiden Ärzte hätten der Kleinen ein Beruhigungsmedikament gegeben und es versehentlich zu hoch dosiert. Offiziell hatten die Vorwürfe gegen die Eltern keinen Bestand. Die Untersuchung in Portugal ist eingestellt.

In ihrem Buch beschreibt McCann nun, wie es in ihrem Innern aussah, während die Welt auf ihre Familie blickte. Nach außen, für die Kameras, habe sie einen gefassten Eindruck machen können, schreibt sie. Doch in ihr hatte die Hölle gebrodelt.

"Es ist regelrecht angsteinflößend, wenn ich mich selbst in den frühen Tagen betrachte", heißt es in Auszügen, die die Zeitung "The Times" druckte. "In meinen eigenen Augen sehe ich unglaublich verletzbar, verwirrt und verloren aus."

Während sie die Fassade wahrte, bekamen die Menschen in ihrer Umgebung, ihre eigenen Eltern und Freunde, ihre Schmerzen direkt zu spüren. "Ich habe geschrien, dass ich Madeleine sehen kann, kalt und auf einem großen grauen Stein ausgebreitet." Sie sei geradezu "besessen" gewesen von Maddie. Bis heute träumt sie von ihrer Tochter, sieht sie vor sich und gibt die Hoffnung nicht auf, dass sie irgendwann gefunden wird.

Nach Maddies Verschwinden dachte sie an Selbstmord

Doch nicht nur ihre eigenen Qualen beschreibt McCann. Auch die ihres Mannes sind nachzulesen. Die Suche nach Maddie habe ihre Ehe an den Rand des Zusammenbruchs gebracht, schreibt sie. "Gerry funktionierte so viel schneller wieder als ich. Manchmal fand ich das regelrecht widerwärtig, als ob er nicht genug trauern würde. Er schlug vor, etwas Schönes zu unternehmen - und ich fing an zu weinen." Die McCanns haben zwei weitere Kinder, die heute sechs Jahre alten Zwillinge Sean und Amelie.

Kate McCann schildert in dem Buch auch ihre Vermutung, dass Aufzeichnungen aus dem Reservierungsheft des Restaurants der Hotelanlage, in dem sie ohne die Kinder aßen, einem möglichen Entführer zu seiner Tat verholfen haben könnten. Beim Durchsehen der portugiesischen Polizeiakten habe sie entdeckt, dass die Reservierung für die Restaurantplätze in ein Notizheft der Hotelangestellten eingetragen worden sei, das sich meistens an der Pool-Rezeption befand.

Dort sei hinzugefügt worden, dass ein Tisch nahe dem Apartment reserviert werden solle, weil die Kinder alleine in der Wohnung bleiben sollten und ständig nach ihnen gesehen werden sollte. Das Heft sei mit Sicherheit sowohl von Angestellten als auch von Gästen und Besuchern einsehbar gewesen, schreibt McCann.

Dass sie ihre Kinder in der Wohnung gelassen hätten, bedauerten sie und ihr Mann zutiefst, "und das werden wir bis zum Ende unserer Tage tun", schreibt McCann. "Aber hinterher ist man immer schlauer." Hätte sie Zweifel an der Sicherheit gehabt, hätte sie einen Babysitter engagiert, fügte sie hinzu. Nach Maddies Verschwinden habe sie an Selbstmord gedacht. "Ich hatte einen überwältigenden Drang, ins Meer hinauszuschwimmen, so schnell ich kann, bis ich so erschöpft bin, dass ich dem Wasser erlauben könnte, mich hinunterzuziehen und von dieser Qual zu erlösen."

jjc/dpa



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