Korruptionsskandal Vatikan klagt italienische Enthüllungsjournalisten an

Der Vatikan sieht "fundamentale Interessen des Staates" in Gefahr - und hat daher zwei italienische Investigativautoren angeklagt. Die beiden hatten beträchtliche Unregelmäßigkeiten im Finanzgebaren der Kurie aufgedeckt.

Journalist Nuzzi: Verstoß gegen "fundamentale Interessen des Heiligen Stuhls"
AP

Journalist Nuzzi: Verstoß gegen "fundamentale Interessen des Heiligen Stuhls"


Wegen der Veröffentlichung vertraulicher Dokumente der katholischen Kirche müssen sich von Dienstag an fünf Angeklagte vor einem vatikanischen Gericht verantworten. Die beiden Journalisten Gianluigi Nuzzi und Emiliano Fittipaldi sowie ihre mutmaßlichen Informanten sollen unerlaubt Dokumente an sich gebracht und veröffentlicht zu haben, die "fundamentale Interessen des Heiligen Stuhls und des Staates betreffen", teilte der Vatikan mit.

Nuzzi und Fittipaldi hatten Anfang November Bücher veröffentlicht, in denen sie dem Vatikan unter anderem maßlose Geldverschwendung vorwerfen. Sie stützen sich dabei auf Dokumente aus der Kurie, die ihnen zugespielt worden waren. (Lesen Sie hier mehr zu dem Fall.)

Die Enthüllungen des zweiten "Vatileaks"-Skandals über das Finanzgebaren der römischen Kurie bestätigen Befürchtungen vieler Kritiker:

  • Das auf 2,7 Milliarden geschätzte Immobilienvermögen des Heiligen Stuhls ist in den Bilanzen mit gerade mal 389 Millionen veranschlagt.
  • Der Pensionsfond wurde geplündert und weist ein Defizit von bis zu 800 Millionen Euro auf.
  • Mindestens 93 Millionen Euro tauchen gar nicht in den Bilanzen auf.
  • Es liegen Hunderttausende von Euros auf Konten, die auf die Namen längst verstorbener Päpste laufen.
  • Der berühmte Peterspfennig - also das Geld aus Spenden und Kollekten - wird kaum für karitative Zwecke, sondern überwiegend zum Stopfen von Finanzlücken genutzt.
  • Waren im Wert von 1,6 Millionen Euro verschwanden aus Vatikan-Lagern.
  • Die Mehrzahl der Kardinäle residiert nicht wie Papst Franziskus auf 50 Quadratmetern, sondern auf bis zu 524 - teilweise für 20 Euro im Jahr.

Als Informanten verdächtigt werden der spanische Priester Lucio Vallejo Balda, Sekretär der Wirtschaftspräfektur des Heiligen Stuhls - sowie die PR-Expertin Francesca Chaouqui. Die beiden bereits Anfang November festgenommenen Beschuldigten sowie Vallejo Baldas Mitarbeiter Nicola Maio gehörten zur von Papst Franziskus eingerichteten Kommission Cosea. Das Gremium sollte Vorschläge für die Reform der Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen des Vatikans erarbeiten und wurde nach Abschluss der Arbeiten wieder aufgelöst.

Den Angeklagten drohen lange Haftstrafen

Vallejo Balda, Chaouqui und Maio sind jetzt auch wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagt. Vallejo Balda sitzt nach wie vor im Vatikan in Haft, Chouqui war nach kurzer Zeit wieder freigelassen worden. Der Vatikan verfügt als souveräner Staat über eine eigene Justiz. Laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa drohen den Angeklagten vier bis acht Jahre Haft.

Sollten die Angeklagten nicht erscheinen, werde gegen sie in Abwesenheit verhandelt, schrieb der Vatikan. Fittipaldi hatte diese Woche vor den Ermittlern ausgesagt, Nuzzi hatte eine Vorladung ignoriert und dies mit gravierenden Defiziten der vatikanischen Gesetzgebung in Sachen Pressefreiheit begründet. Nuzzi hatte schon 2012 ein Buch über Vatikan-Interna veröffentlicht und damit den ersten "Vatileaks"-Skandal ausgelöst. Sein damaliger Hauptinformant, ein Kammerdiener von Papst Benedikt XVI., wurde zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt und wenig später von Benedikt begnadigt.

mxw/dpa

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
karamelltaler 21.11.2015
1. verkehrte Welt
wenn jemand eingesperrt gehört, dann sind es doch wohl die Verbrecher die das Geld in verantwortungsloser und betrügerischer Weise verschwendet haben. Es ist kaum zu fassen, dass es in einem Land der Europäischen Union möglich sein soll, dass die Enttarner solcher Machenschaften anstatt einen Orden zu bekommen, strafrechtlich belangt werden, während die Übeltäter die offizielle Lizenz zum kriminell sein haben und sich auch noch als moralische Instanz aufspielen, und das auch noch alles in Gottes Namen. Was würde dieser wohl dazu sagen, wenn es ihn denn gäbe?
micha.w 21.11.2015
2. Verrückt Welt!
Wenn solche Informationen, die Jurnalisten zugespielt wurden, die sie sich also nicht kriminell besorgt haben, NICHT veröffentlicht werden, dann könnte man gegen gegen sie vorgehen. Dasselbe öminöse Verhalten wie schon bei Snowden, tötet ( oder lasst sie eikerkern ) die Überbringer der schlechten Botschaften. Mal wieder BRAVO zu unserer aus dem Ruder gelaufenen DEMOKRATIE...
andros0813 21.11.2015
3.
unglaublich aber wahr..die kirche kann es in sachen krimineller energie mit der mafia aufnehmen, aber die, die es aufdecken sollen in haft, die kriminellen popen sind die ankläger...hatten wir das nicht schon einmal, als so ein typ aus nazareth ankreuz genagelt wurde?die schuldigen sind immer die anderen...man fasst sich an den kopf, das da noch millionen arme sünder drauf reinfallen...sie füttern den mammon, sind aber immer in schuld...leute wacht aus eurem schlaf auf.
Halfstep 21.11.2015
4.
Zitat von karamelltalerwenn jemand eingesperrt gehört, dann sind es doch wohl die Verbrecher die das Geld in verantwortungsloser und betrügerischer Weise verschwendet haben. Es ist kaum zu fassen, dass es in einem Land der Europäischen Union möglich sein soll, dass die Enttarner solcher Machenschaften anstatt einen Orden zu bekommen, strafrechtlich belangt werden, während die Übeltäter die offizielle Lizenz zum kriminell sein haben und sich auch noch als moralische Instanz aufspielen, und das auch noch alles in Gottes Namen. Was würde dieser wohl dazu sagen, wenn es ihn denn gäbe?
Der Vatikanstaat ist ein unabhängiger Staat, der nicht zur EU gehört. Exterritoriales Gelände umschlossen von Italien, sozusagen. This said: Dass dem so ist, ärgert mich natürlich auch. Ich hoffe auf die Wirksamkeit öffentlichen Drucks von außen (nicht zuletzt aus Italien).
Wolfgang Porcher 22.11.2015
5. nicht nur die Politik der einzelnen Laender,
auch die Politik des Vatikans gehört dazu: Verlogenheit, Bestechlichkeit, Machtgelueste regieren ueberall, keiner traut es sich zu sagen, die Kriege dieser Welt derzeit haben AE eins gemeinsam, Religiöse Weltanschauungen mit Götzenbilder, Vorstellungen von Gott und Teufel die der Dummheit der Gehirne entspringen. Man prangere nur das Gegenueber als Gottlosen, Gotteslaesterer, oder Ungläubigen an, dann ist es erlaubt ihn zu enteignen oder zu erschlagen . Sodom und Gomorrha das ist die Welt von Heute. Wer aufdeckt wird obendrein bestraft . Pfui!
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