"Keine Vergewaltigung" Goldberg rechtfertigt TV-Beistand für Polanski

Hollywood protestiert gegen die Festnahme von Roman Polanski - doch die Solidarität von US-Schauspielerin Whoopi Goldberg ging nach hinten los: In ihrer Talkshow sagte sie, der Missbrauch von Polanskis Opfer sei keine "richtige Vergewaltigung" gewesen. Jetzt steht Goldberg selbst unter Beschuss.

Getty Images

Los Angeles - Vier Frauen mit vier Kaffeebechern, die zur besten Vormittagszeit aktuelle Themen besprechen und Prominente interviewen: Das Sendekonzept der US-Talkshow "The View" ist harmlos und sehr erfolgreich, Millionen Hausfrauen schauen täglich zu. Doch eine Diskussion um die Verhaftung des Oscarpreisträgers Roman Polanski hat der launigen Plauderrunde den Vorwurf schwerer Verharmlosung eingebracht.

Co-Moderatorin Whoopi Goldberg unterstützte in der Aufzeichnung vom Dienstag Polanski. Dem Regisseur wird vorgeworfen, sich in den siebziger Jahren an einer 13-Jährigen vergangen zu haben. Die US-Schauspielerin zeigte sich dem Star-Regisseur gegenüber solidarisch und bekundete, dass es ihrer Meinung nach "keine richtige Vergewaltigung" war, für die Polanski nun einsitzen müsse.

Goldberg erklärte vor laufender Kamera, Polanskis Opfer, die heute 45-jährige Samantha Gailey, sei nicht vergewaltigt worden: "Ich weiß, es war keine Vergewaltigung-Vergewaltigung" ("I know it wasn't a rape-rape"), sagte sie. "Es war etwas anderes, ich glaube nicht, dass es richtige Vergewaltigung war."

Goldbergs Talkkolleginnen reagierten entsetzt, widersprachen ihr während der Sendung heftig. Co-Moderatorin Sherri Shepherd ließ über ihren Twitter-Account wissen: "Langer Tag bei 'The View'. Heiße Debatte über Polanskis sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen. Ein 45-jähriger Mann, der eine 13-Jährige mit Drogen und Alkohol gefügig macht und ohne ihre Zustimmung in sie eindringt, ist ein Vergewaltiger."

"Es geht mir um die Fakten"

Auch die amerikanischen Medien reagierten empört. "Mein Blutdruck steigt", schäumte Kolumnist Steve Lopez in der "Los Angeles Times". Im britischen "Guardian" warf die Kolumnistin Joan Smith Goldberg vor, eine Unterscheidung zwischen "echter" und "nicht wirklicher" Vergewaltigung sei "wahnwitzig". Im schlimmsten Fall sähen sich nun Menschen bestärkt, die meinten, einige Opfer von Vergewaltigungen seien selbst Schuld.

Goldberg selbst rechtfertigte sich am Donnerstag für ihre Aussage. "Ich wollte sichergehen, dass wir in der Show alle Fakten richtig benennen", erklärte sie in der jüngsten Aufzeichnung von "The View". "Wir müssen zwischen dem Haftbefehl in der Schweiz und den Anklagepunkten von damals unterscheiden", sagte Goldberg.

Die Schauspielerin verwies auf die Anklageschrift von 1978. Polanski wurde damals unter anderem der Vergewaltigung einer Minderjährigen, Unzucht, sexueller Perversionen und Verabreichung einer verbotenen Droge beschuldigt. Die Vorwürfe wurden jedoch wegen Polanskis Bitte um Einigung fallengelassen, die Anklage in "Beischlaf mit einer Minderjährigen" geändert. Er bekannte sich schuldig, sich für ungesetzlichen Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen zu interessieren. Dieser Vorwurf wog weniger schwer.

Petition für Freilassung

"All diese Anklagepunkte wurden fallengelassen", begründete Goldberg, "alle bis auf einen, den Polanski selbst eingestand. Dieser Anklagepunkt lautete nicht Vergewaltigung - das ist es, was ich sagen wollte. Uns sehen Millionen von Menschen zu, und ich wollte keine falschen Informationen verbreiten."

Whoopi Goldbergs Erklärung im Wortlaut (engl)
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"People listen to what we say"
"I'm going to be very clear. I was trying to make sure we had our facts straight because that's my job - particularly about what he was arrested for and what he was charged with."

"Here is what it was once and for all. He was originally indicted on six felony charges. Furnishing controlled substances to a minor, perversion, sodomy, committing a lewd and lascivious act upon a child under 14, engaging in unlawful sexual intercourse with a minor - and rape by use of drugs.

"All of these charges were dismissed, except for the one he pled guilty to. It's the lesser charge of engaging in unlawful sexual intercourse with a minor, not rape, which was my point.

"So just to make sure that everybody understands, on this show, people listen to what we say and I was wanting to make sure that we were putting out the correct information. That was what I was trying to do the other day."

Polanski war Ende der siebziger Jahre vor der amerikanischen Justiz nach Frankreich geflohen. Er fürchtete damals, ein höheres Strafmaß zu erhalten als ihm der Richter versprochen hatte. Am Samstag war der Filmemacher in Zürich von der Schweizer Polizei festgenommen worden.

Bei einer Auslieferung in die USA drohen ihm bis zu 50 Jahre Haft.Viele Stars der Filmindustrie protestierten gegen die Verhaftung. Mehr als 100 Prominente unterschrieben ein Bittgesuch zur Freilassung des 'Rosemary's Baby'-Schöpfers, darunter Woody Allen, Martin Scorsese, Pedro Almodóvar, David Lynch und Paul Auster. In Deutschland stellte sich zuletzt der Regisseur Volker Schlöndorff hinter Polanski und klagte, der berühmte Kollege werde nur deshalb nach über 30 Jahren noch so unbarmherzig verfolgt, "weil er prominent ist".

amz

insgesamt 994 Beiträge
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Seite 1
JensDD 28.09.2009
1. Wie würden all die
Zitat von sysopWegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen stand Roman Polanski vor über 30 Jahren in den USA vor Gericht. Er flüchtete während des Prozesses und kehrte nie wieder in die Staaten zurück. Jetzt wurde er in der Schweiz festgenommen. Sollen die US-Behörden aus der Auslieferung des Regisseurs bestehen?
aufgeregten Gutmenschen denn reagieren wenn ein "ganz normaler" Sexualstraftäter nach 30 jahren gefaßt würde? Relativiert künstlerischer Ruhm individuelle Schuld?
villefranche 28.09.2009
2. Sollen die US-Behörden aus der Auslieferung des Regisseurs bestehen?
ja, denn die Zeit heilt keine Verbrechen. Er hat sich durch Flucht seiner Verantwortung entzogen,damals eine Minderjährige missbraucht. Was würde man heute - 2009 - sagen, wenn sich ein Vergewaltiger der Verantwortung entziehen wollte ? Nur weil er prominent ist keine Strafverfolgung ? Was ist das für ein Auffassung von Rechtssystem. Nur Arme in den Knast ?
specchio, 28.09.2009
3. So wollten es doch alle
Also die allgemeine Forderung bei derartigen Vorwürfen (oder Verbrechen, denn Polansky hat es ja zugegeben) lautet doch, dass die Verfolgung und die Strafen zu lasch sind. Hier hätte es zwar anders laufen sollen, aber eigentlich müsste Gott und die Welt doch zufrieden sein? Und dass das Opfer vetrzeiht und vergibt, ist wahrscheinlich nobel, aber doch auch nicht automatisch strafbefreiend. Ok, mir ist das eigentlicch egal, was die mit dem alten Mann machen, aber irgeendwie kommt es mir im Moment folgerichtig und gesetzeskonform vor.
Dagget, 28.09.2009
4.
Ich versteh die Aufregung auch nicht. Der Mensch hatte die Tat gestanden und sich danach abgesetzt, um der wohl verdienten Strafe zu entgehen. Was sollt das, wenn die Tatschuld erwiesen ist, gehört er auch ins Gefängnis, ganz gleich, was für gute Filme er auch gedreht haben mag, speziell bei einem derartigen Schwerstverbrechen.
Tabman 28.09.2009
5.
Das sollte man sich merken: Als Sexualstraftäter mal eben ein paar erfolgreiche Kinofilme drehen, um sich das Wohlwollen der Öffentlichkeit zu sichern.
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