Kevin-Prozess "Es gab viel problematischere Fälle"

Er wurde misshandelt und umgebracht, seine Leiche fanden Polizisten im Kühlschrank seines Ziehvaters: Vor dem Landgericht Bremen wurde heute erneut der Fall Kevin verhandelt. Dabei wurde deutlich, dass Bernd K. sich schuldig gemacht hat - und dass ihn niemand daran hinderte.

Von Katrin Schmiedekampf, Bremen


Bremen – Zwischendurch war er da, dieser Wille, alles anders zu machen. Bernd K. wollte ein neues Leben beginnen. Er nahm sich vor, seinem Ziehsohn Kevin ein guter Vater zu sein. Er wollte sich um das Kind kümmern, es gesund und munter sehen. Das wurde an diesem Verhandlungstag des Kevin-Prozesses vor dem Bremer Landgericht erneut klar.

Kerzen und Schilder zum Prozessauftakt im Oktober: Frage nach der Schuld
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Kerzen und Schilder zum Prozessauftakt im Oktober: Frage nach der Schuld

Doch K., ein großer Mann mit blauen Augen, schulterlangen, zum Zopf gebundenen Haaren und Geheimratsecken, wäre überhaupt nicht dazu in der Lage gewesen, sein Leben aus eigener Kraft zu ändern – ganz zu Schweigen davon, allein ein kleines Kind aufzuziehen. Er schleppte zu viele Probleme mit sich herum. K. war drogensüchtig und im Methadon-Programm, zusätzlich soll er sich mit anderen Mitteln zugedröhnt und getrunken haben. Der vorbestrafte Mann wurde als aggressiv erlebt, aber auch als tieftraurig, weil er den Tod seiner Freundin, Kevins Mutter, nicht verwinden konnte. Dennoch ließ man ihn mit dem hilflosen Jungen allein.

Die Anklage der Staatsanwaltschaft: Mord

Seit Oktober 2007 muss sich der 42-Jährige vor Gericht verantworten. Er soll Kevin immer wieder misshandelt und schließlich umgebracht haben. Die verfaulte Leiche des Zweijährigen wurde am 10. Oktober 2006 gefunden – sie lag in mehrere gelbe Plastiktüten und Stoff-Fetzen eingewickelt in K.s Kühlschrank. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt den Angeklagten des Mordes, die Große Strafkammer verhandelt wegen Totschlags und schwerer Misshandlung Schutzbefohlener. K. sitzt auf der Anklagebank und schweigt. Es wird immer deutlicher, dass er sich schuldig gemacht hat - aber auch, dass ihn daran niemand hinderte.

Nach dem Tod seiner Freundin Sandra K. im November 2005 kämpfte der Angeklagte dafür, Kevin in seine Obhut nehmen zu dürfen. Das Unglaubliche: Der Junge kam tatsächlich zu seinem trauernden Ziehvater. Das Kind sollte dem labilen Mann Halt geben. Der Angeklagte selbst schien daran zu glauben, sich und das Kind durchbringen zu können. Das bestätigte ein Zeuge, von Beruf praktischer Arzt, der heute im Sitzungssaal 231 des Landgerichts auftrat. K. habe geplant, "sich um Kevin zu kümmern". Der Ziehvater habe das Kind im Dezember 2005 in die Praxis gebracht. Er habe den Jungen am Ende der Vorsorgeuntersuchung impfen lassen.

Er wolle "sein Leben selbst in den Griff" bekommen – das soll K. auch im März 2006 in einem Telefonat mit einer Mitarbeiterin der Lebenshilfe gesagt haben. Er habe um Hilfe gebeten und gesagt, dass auch Kevin Hilfe brauche, sagte die Frau, die an einem Verhandlungstag im Januar als Zeugin auftrat. Sie habe einen Spielkreisplatz organisiert, aber Kevin sei dort nie erschienen. Weil sie in Sorge gewesen sei, habe sie sich immer wieder an den zuständigen Sozialarbeiter, den so genannten Case-Manager gewandt. "Der hat mich beruhigt und gesagt, er sieht das Kind regelmäßig."

K. nannte ihn "Mein Dicker"

Es bleibt zu bezweifeln, dass der Mann, der seit Kevins Geburt im Januar 2004 für den Jungen, dessen Mutter Sandra K. und Bernd K. zuständig war, tatsächlich regelmäßig ein Auge auf das Geschehen hatte. Er schien seine Aufgaben nicht gerade pflichtbewusst zu erfüllen. So versäumte er zum Beispiel, seine Akten auf dem neuesten Stand zu halten. "Er sagte mir, dass er nicht immer aufgeschrieben habe, wenn er bei Herrn K. zu Besuch war und sich auch nicht immer notiert habe, dass der Angeklagte ihn im Büro besucht haben", sagte eine Staatsanwältin, die den Mann sechsmal vernommen hat.

Der Sozialarbeiter gehört zu den wichtigsten Zeugen des Prozesses, vernommen werden kann er vor Gericht dennoch nicht, weil gegen ihn ein Ermittlungsverfahren läuft – der Case-Manager soll sich selbst im Fall Kevin schuldig gemacht haben. Um dennoch auf die Schilderungen des Mannes zurückgreifen zu können, wurde die Staatsanwältin als Zeugin geladen. "Uns geht es um die Frage, wie Herr K. sich schuldig gemacht hat", sagte der Vorsitzende Richter zu ihr.

Die 35-Jährige begann zu erzählen – sie fasste zusammen, was sie sich in ihrem 137 Seiten starken Vernehmungsprotokoll notiert hatte. Kevin sei ein stilles Kind gewesen, das in seiner Entwicklung verzögert war, sagte der Case-Manager demnach. Weinend habe er ihn nie erlebt. Der Junge habe nicht frei, aber am Tisch laufen können. Er sei stets versorgt und zufrieden gewesen. Bernd K. habe das Kind "Mein Dicker" genannt. Er sei liebevoll mit dem Jungen umgegangen, nie grob oder brutal und habe immer Knabberzeug für ihn dabei gehabt. Die Wohnung, in der er lebte, sei stets aufgeräumt, sauber und kindgerecht eingerichtet gewesen.



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