Dauerfehde mit den Behörden Bauer sucht Freiheit

Peter F. schrottete mit seinem Trecker mehrere Polizeiautos, nur mit Glück wurde niemand verletzt. Nun sitzt der Bauer in der Psychiatrie. Ist er gefährlich? Das Landgericht Kiel ringt um eine Antwort.
Demolierter Polizeiwagen bei Ascheberg (Foto vom 4. Mai 2016)

Demolierter Polizeiwagen bei Ascheberg (Foto vom 4. Mai 2016)

Foto: Daniel Friederichs/ dpa

In der Welt von Peter F. gibt es zwei Lager: für ihn und gegen ihn. Letztere Gruppe ist weitaus größer. Dazu gehören Mitarbeiter des Kreisveterinäramts Plön in Schleswig-Holstein, Amtspersonen im Allgemeinen, Richter sowieso. F. sieht sich als Opfer behördlicher Willkür - er, der als Landwirt doch nur wollte, dass seine Tiere nicht gequält werden. So sieht er es.

Am 4. Mai 2016 fuhren fünf Tierärzte, Mitarbeiter des Kreisveterinäramts, Bauern als Helfer sowie neun Polizisten zu F.s Hof bei Ascheberg, um die 25 Rinder des Landwirts mit Ohrmarken zu versehen. Durch die Markierungen sollten die Tiere bei der Blutabnahme zu unterscheiden sein. Zehn Jahre lang hatte F. seine Tiere der Prozedur entzogen, weil er die Markierungen für Tierquälerei und die Blutuntersuchung für Blödsinn hält. Noch länger sieht sich F. Drangsalierungen der Behörden ausgesetzt, er spricht von "Terror-Aktionen", von "15 Jahren Verarsche".

Irgendwann wollte das Amt F.s Verweigerungshaltung nicht mehr hinnehmen, Vorschrift ist Vorschrift. F. fuhr mit seinem Traktor Richtung Hof, als er die Autos der ungebetenen Besucher sah. Und gab Gas. Die Bilanz: vier zerstörte Polizeiwagen, zwei weitere demolierte Autos. F. kippte einen Polizeikleintransporter auf das Dach, durchbohrte mit der Gabel des Treckers ein weiteres Fahrzeug.

"Der bringt uns alle um, der spießt uns alle auf"

Es war Glück, dass niemand ernsthaft verletzt wurde. Mehrere Beamte mussten sich mit Hechtsprüngen retten; eine Polizistin brachte sich und andere Beteiligte mit dem Warnruf "Der bringt uns alle um, der spießt uns alle auf" in Sicherheit. Erst Schüsse auf die Traktorreifen beendeten F.s Amokfahrt. Bei seiner Festnahme schlug und trat er um sich.

Für die Staatsanwaltschaft handelte F. im Zustand der Schuldunfähigkeit; sie will F. nicht im Gefängnis sehen, sondern in einer psychiatrischen Klinik, wo er aktuell auch untergebracht ist. Der Landwirt sei aufgrund einer wahnhaften Symptomatik nicht in der Lage gewesen, Aggressionen zu kontrollieren und "das Unrecht seines Handelns zu erkennen", sagte Oberstaatsanwalt Bernd Winterfeldt vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Kiel.

F. argumentiert, sein Vertrauen in staatliche Institutionen sei bereits vor dem 4. Mai "bis ins Mark erschüttert" gewesen. Er habe schon früher Gewalt durch Polizisten erfahren - etwa im Februar 2015, als ihn Beamte zur Vollstreckung eines Haftbefehls vor den Augen der kleinen Tochter und seiner Freundin gewaltsam aus einem Auto gezerrt hätten. Oder 2005, als ihn ein Polizist auf seinem Hof bei einer Festnahme misshandelt habe. Den Beamten will er am 4. Mai wiedererkannt haben.

"Ich halte ihn nicht für gefährlich"

Als er die Polizeiautos gesehen habe, seien "Angst und Panik" in ihm aufgestiegen, er habe um seine körperliche Unversehrtheit gefürchtet. Der Trecker sei ihm als der einzige sichere Ort erschienen, er habe den Polizisten einen Denkzettel verpassen wollen - aber "niemanden verletzen oder gar umbringen". Er habe alle Rinder verkauft, wolle keinen Ärger mehr, sondern nur zurück zu seiner Familie. "Es wird nicht wieder vorkommen."

Wirklich nicht?

Das ist die zentrale Frage des Falls: Geht von F. Gefahr für die Öffentlichkeit aus? Wenn das Gericht dies bejaht, kann sich der Bauer auf Jahre in einer geschlossenen Einrichtung einstellen.

F. ist groß gewachsen, die braunen Haare fallen über die Ohren, der Fünftagebart wuchert. Er bewegt sich bedächtig, spricht leise, Typ sanfter Riese. Sein Anwalt Jonas Hennig sagt: "Ich halte ihn nicht für gefährlich und ich habe keine Angst vor ihm." Hennig war allerdings auch nicht dabei, als F. seinen Traktor als Waffe einsetzte, um sich gegen Vertreter eines Systems zu wehren, das sich aus seiner Sicht gegen ihn verschworen hatte.

Es verwundert nicht, dass jemand wie F. der Schwurgerichtskammer mit Skepsis begegnet - in seinem Kosmos ist die Justiz schließlich Teil des Systems. An Verhandlungstagen breitet F. Papierberge um sich aus: Ordner, Akten, Notizblöcke. Er versucht, alles mitzuschreiben, weil er überzeugt ist, dass eine andere Kammer des Landgerichts in einem früheren Verfahren gegen ihn eine Zeugenaussage gefälscht hat.

Sein Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Jörg Brommann scheiterte. Der hatte abgelehnt, ein Vollprotokoll der Verhandlung erstellen zu lassen. Für F. ein Justizskandal, für seinen Anwalt Hennig hingegen eine völlig nachvollziehbare Entscheidung.

Zeugenbefragung gegen den Rat des Anwalts

Die Kammer ist sichtlich bemüht, F. bei seinen Fragen an Zeugen Freiraum zu lassen. Aber mit der Zeit auch sichtlich genervt, weil oft so gar nicht erkennbar ist, was die Fragen mit der Sache zu tun haben. F. wiederum deutet das als Versuch, ihn mundtot zu machen, nennt die Beweisaufnahme eine "Mogelpackung". Richter Brommann kontert: "Reißen Sie sich zusammen!"

F. scheint immer nach dem Satz, dem Widerspruch zu suchen, der das große Komplott gegen ihn offenbart. Allein: Er kommt nicht.

Mit seinem Verhalten vor Gericht tut sich F. keinen Gefallen. Er verfestigt eher das Bild, gegen das er ankämpft, wenn er Zeugen selbst befragt - "gegen meinen Rat", wie Anwalt Hennig sagt. So geht F. selbst seinen eigenen Vater recht konfrontativ an. Dabei sagt der Senior nur, dass F. ein "lieber Junge" sei, ein "überzeugter, fleißiger, gründlicher Biobauer", der kein Tier quälen könne, bei dem Hilfsbereitschaft immer an erster Stelle stehe.

Könnte der Junge krank sein?, will das Gericht vom Vater wissen. Den Verdacht, sagt der Senior, habe er nur nach dem 4. Mai gehabt.

"Sie schaden sich." - "Ich schade mir nicht."

Auch Anwalt Hennig tut sich schwer. Immer wieder winkt er nach Diskussionen mit F. resigniert ab oder schüttelt den Kopf. In solchen Momenten steht Hennig ins Gesicht geschrieben, dass er sich fragt, wie er bloß an dieses Mandat gekommen ist. Klarer kann ein Verteidiger kaum zeigen, dass ein Mandant sich um Kopf und Kragen redet - und die Verteidigungsstrategie torpediert. Hennig: "Sagen Sie bitte nichts." - F.: "Nein, ich schweige nicht." - Hennig: "Sie schaden sich." - F.: "Ich schade mir nicht."

Der Grad der Entfremdung zeigt sich schon am zweiten Verhandlungstag: F. will Hennig als Verteidiger entbinden, aus mangelndem Vertrauen. Hennig hätte nichts gegen die Trennung. Das Vorhaben scheitert schon daran, dass kein Ersatz bereitsteht.

Je länger der Prozess dauert, desto klarer wird: F. und die restlichen Beteiligten leben in unterschiedlichen Welten. Das verleiht der Verhandlung stellenweise die Züge einer Farce. F.: "Ich frag das doch!" Brommann: "Was denn, zum Teufel?" Die Vernehmung eines Zeugen dauert wegen F.s Nachfragen mehr als drei statt einer Stunde.

"So wie das hier läuft, Herr F., sitzen wir hier bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag", sagt Brommann. Ein Beisitzer lacht halb resigniert, halb amüsiert in sich hinein. Der psychiatrische Gutachter Thomas Bachmann, den F. für befangen hält, gähnt. Im Publikum sitzen F.s Angehörige und schütteln den Kopf, wie der Peter sich verrennt. Und mit jeder irrelevanten Frage, mit jeder nicht belegbaren Behauptung bringt sich F. der Psychiatrie ein Stückchen näher.

Zum Ende des zweiten Verhandlungstags legt das Gericht fest, dass er Fragen an die Zeugen künftig schriftlich einreichen muss. Zu den kommenden Terminen sind die Polizisten geladen, deren Dienstwagen der Bauer am 4. Mai zu Schrott machte. F. dürfte viele Fragen haben.

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