Prozess gegen NS-Sammler Wie ein betuchter Rentner einen Wehrmachtspanzer im Keller versteckte

Ein Millionär hortet Waffen und NS-Devotionalien in seiner Villa. Warum? Vor Gericht schweigt der Angeklagte.
Klaus-Dieter F. (rechts) im Landgericht Kiel

Klaus-Dieter F. (rechts) im Landgericht Kiel

Foto: Jörg Müller / Agentur Focus

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Der Mann, der in seiner Villa im schleswig-holsteinischen Heikendorf ein NS-Museum eingerichtet hat, trägt einen dunklen Zweireiher mit Goldknöpfen und bequeme Schuhe. Klaus-Dieter F., 84, Millionär, spaziert neben seinem Rechtsanwalt in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts Kiel und blickt gelassen in die Runde. Der Rentner ist angeklagt wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und weiterer waffenrechtlicher Verstöße.

Er wolle es nicht »als Missachtung« des Gerichts verstanden wissen, sagt Staatsanwalt Thorsten Wolke, aber er würde die Anklage gerne im Sitzen verlesen, »weil es doch ein bisschen viel ist«. Dann beginnt er. Die Vorwürfe gegen F., die Wolke 21 Minuten lang vorträgt, lassen sich wie folgt zusammenfassen: Es geht um den unerlaubten Besitz eines Weltkriegspanzers vom Typ »Panther«, einer 8,8-Zentimeter-Flugabwehrkanone, eines Torpedos vom Typ G7A, eines Mörsers Typ »5 cm Granatwerfer 36«, Maschinen-, Sturm- und Raketengewehre, halb- und vollautomatische Pistolen sowie mehr als 1000 Schuss Munition. Zudem wurde eine größere Menge Nitrozellulosepulver in einer Metallkiste gefunden. Der Umgang mit dem Pulver bedarf eigentlich einer sprengstoffrechtlichen Erlaubnis.

Jenseits des Strafrechts geht es um einen gebürtigen Kieler, von Beruf Kaufmann, der sein Vermögen auf irritierende Weise in die Leidenschaft für Kunst und Waffen aus der Zeit des Nationalsozialismus investierte.

Ist der Panzer eine funktionsfähige Kriegswaffe?

Als die Kunstfahnder des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) vor sechs Jahren F.s Villa betraten, tauchten sie ein in das dunkelste Kapitel Deutschlands, konserviert in einem unterirdischen Labyrinth: in eine Welt voller Hakenkreuze auf Tischdecken, Reichsadler und Fähnchen; mit einer Büste von Adolf Hitler und einem übergroßen, betongrauen Reichsadler in der Tiefgarage. Mehr als hundert Schaufensterpuppen in Uniformen aller Waffengattungen standen herum, als wollten sie die längst verstrichene Zeit zum Leben erwecken. Für den Panzerkampfwagen V hatte F. eigens eine Tiefgarage herrichten lassen.

Die Bergung des Panzers im Juli 2015 sorgte für weltweite Beachtung. Vor Gericht steht am ersten Prozesstag die Frage im Raum: War der Wehrmachtspanzer noch funktionsfähig, fällt er unter das Kriegswaffenkontrollgesetz?

In jedem Fall scheint der Panzer dem Sammler F. besonders am Herzen gelegen zu haben. Er bemühte sich um eine aufwendige originalgetreue Restaurierung bis hin zum Originalkanonenrohr, andere Ersatzteile waren nicht erwünscht. »Das hätte man auch einfacher haben können«, stellt der Vorsitzende Richter Stephan Worpenberg fest. Im Eröffnungsbeschluss hatte die Kammer darauf hingewiesen, dass es sich Gutachten zufolge bei dem Wagen nicht um eine Kriegswaffe im Sinne des Kriegswaffenkontrollgesetzes handeln dürfte. Nach Ansicht von Staatsanwalt Wolke ist der »Panther« jedoch nach wie vor eine Kriegswaffe. Mit dessen Restaurierung habe zumindest der Versuch der Herstellung einer Kriegswaffe vorgelegen.

F. und sein Verteidiger, Rechtsanwalt Gerald Goecke, sind anderer Ansicht. Der Panzer sei ebenso wenig verwendbar gewesen wie die Flak, für die es keine Munition mehr gebe. Einem Gutachten zufolge, so Goecke, kostete die Herstellung von fünf Schuss für Probezwecke 216.000 Euro und sechs Monate Zeit. Ohnehin müsse man erst herausfinden, inwieweit sich »80 Jahre Zeit« generell auf Munition auswirkten. Dabei sei seinem Mandanten jedoch daran gelegen, das Verfahren, das wegen Überlastung des Gerichts erst jetzt stattfindet, nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Herr F. strebe ein »Gespräch für eine einvernehmliche Verfahrensgestaltung« an.

Bereits seit 2018 stehen Staatsanwaltschaft und Verteidigung im Austausch, um den Prozess mit einem Deal abzukürzen. Dabei ging es auch um einen möglichen Verkauf des Panzers an ein Museum in Seattle im US-Bundesstaat Washington, und eine Freiheitsstrafe für F., ausgesetzt zur Bewährung.

F. verfolgt die Verhandlung am Freitag aufmerksam. Die Maske, die er als Prozessteilnehmer abnehmen darf, hängt unter seinem Kinn. Ob er sich äußern wolle, fragt ihn Richter Worpenberg. F. lässt seinen Anwalt antworten. Sein Mandant werde – jedenfalls heute – keine Angaben machen, sagt Goecke.

»Die Motivation des Angeklagten«

Warum sich der Rentner in den vergangenen Jahrzehnten eine Art geheimen Führerbunker zulegte samt Panzer und Waffen, scheint zunächst nur den Staatsanwalt zu interessieren. »Auch die Motivation des Angeklagten ist hinzuzuziehen«, sagt Wolke mit Nachdruck.

Die Ermittler, die F.s Villa im Juli 2015 unter die Lupe nahmen, verglichen die Gestaltung einiger Räumlichkeiten mit denen der »Neuen Reichskanzlei« von 1939. Dazu passte auch die 40-Tonnen-Skulptur eines nackten Mannes, die F.s Garten schmückte und ihn überhaupt erst ins Visier der Fahnder rückte. Das Kunstwerk sollte von Arno Breker stammen, dem von Hitler verehrten Bildhauer. Angeblich stand es im Ehrenhof der »Neuen Reichskanzlei«. Sein Name: »Die Wehrmacht«.

Nachdem das LKA sein Anwesen durchsucht hatte, sagte F. dem SPIEGEL, die Statue sei irgendwann im Schrotthandel aufgetaucht, er habe sie in den Achtzigern von einem Kunsthändler »aus der DDR« gekauft. Er habe dafür keine sechsstellige-D-Mark-Summe bezahlt. Die Figur trage kein Signum Brekers, sondern sei zusammengebaut worden, Teile davon stammten jedoch aus der Original-Skulptur.

F. bestätigte damals, dass er in einem unterirdischen Bunker auf seinem Grundstück eine große Sammlung NS-Devotionalien aufbewahre wie jenen Panzerkampfwagen V »Panther«. Er habe ihn in England als »Schrott« gekauft.

Der erste Verhandlungstag endet schließlich mit dem Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Schwurgerichtssaal bleiben die Kammer, der Staatsanwalt, F. und sein Verteidiger zurück. Sie wollen erneut über eine Verständigung beraten.

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