Razzia gegen Hells Angels Rocker sollen Waffen an Rechtsradikale verkauft haben

Eine Maschinenpistole, sieben Handfeuerwaffen, fast tausend Schuss Munition: Bei der Hells-Angels-Großrazzia haben die Ermittler zahlreiche Waffen gefunden. Die Beamten gehen davon aus, dass die Rocker Teile ihres Arsenals auch verkauft haben - unter anderem an Rechtsradikale.

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Als er abgeführt wurde, trug der Kieler Hells-Angels-Anführer Dirk R. ein T-Shirt, auf dem ein einziges Wort zu lesen war: "Run". Dass er diesem Impuls aber am frühen Donnerstagmorgen nicht mehr folgen konnte, lag vor allem an den zwei maskierten Männern in schwarzen Overalls, die den gefesselten 41-Jährigen aus seiner Wohnung geleiteten. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei hatte zuvor um genau 5.02 Uhr die Tür zum Apartment des Rockers gesprengt.

Dirk R. sitzt seither in Untersuchungshaft, ebenso wie vier weitere Hells Angels aus der Führungsriege des seit Januar verbotenen Clubs in Kiel. Auch der Ex-Bandenchef Peter P., 51, genannt "Polen-Peter", sowie ein weiteres Gangmitglied sind hinter Gittern.

In einer großangelegten Aktion waren am Donnerstag 1200 Polizisten, darunter 400 Spezialkräfte, und 63 Staatsanwälte gegen den Rockerclub in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen vorgegangen. Die GSG 9 stürmte auch die nördlich von Hannover gelegene Villa des wohl mächtigsten Hells Angels in Europa, Frank Hanebuth.

Die Beamten stellten unter anderem eine Maschinenpistole, ein Gewehr, sieben Handfeuerwaffen, Bajonette, Teleskopschlagstöcke und fast tausend Schuss Munition sicher. Die Rocker sollen, davon gehen die Ermittler aus, einen schwunghaften Handel mit Schusswaffen getrieben haben und bei der Auswahl ihrer Kunden nicht sehr wählerisch gewesen sein: "Sie haben zahlreiche Pistolen an alle möglichen Rechtsradikalen verkauft", sagt ein hochrangiger Beamter.

Daher durchsuchten die Einsatzkräfte auch die Unterkunft des Kieler NPD-Ratsherrn Hermann G., der eine SPIEGEL-ONLINE-Anfrage zu dem Polizeieinsatz bislang unbeantwortet ließ. Nachdem das Spezialeinsatzkommando am Donnerstagmorgen zunächst die falsche Wohnung im Kieler Ortsteil Holtenau gestürmt und eine Friseurin unsanft geweckt hatte, fanden die Elitepolizisten schließlich unter Anleitung der Nachbarin doch noch den Eingang zu G.s Bleibe im Kellergeschoss. Die anschließende Durchsuchung erbrachte allerdings zunächst nichts Belastendes.

Dabei gibt es zwischen Rockern und Rechtsextremen durchaus eine große Nähe. Viele ehemalige Neonazis sind inzwischen Mitglieder der großen Motorradclubs, in denen ebenfalls ein archaisches Männerbild gepflegt wird und Kameradschaft, Brüderlichkeit und Loyalität gepriesen werden. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich diese Schwüre allerdings allzu oft als leere Phrasen.

Darüber hinaus gab es in der Vergangenheit immer wieder Fälle, in denen Rocker Rechtsradikale mit Waffen versorgt hatten. So geht etwa aus Polizeiunterlagen hervor, dass ein Göttinger Neonazi, der vor Jahren seine Geburtstagsfeier in einer Stripteasebar mit einem Schuss aus einer Pumpgun beschloss, die Waffe von Mitgliedern eines Motorrad-Clubs bekommen haben will. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden die Beamten anschließend noch eine Maschinenpistole, eine Pistole, einen Revolver, ein Gewehr und fast 500 Schuss Munition.

Im Falle der Kieler Hells Angels verwundert die mutmaßliche geschäftliche Nähe zu Extremisten aber insofern, als dass sie sich in der Vergangenheit blutige Auseinandersetzungen mit den inzwischen ebenfalls verbotenen Bandidos Neumünster geliefert hatten.

Bei denen mischte Peter B. mit, ein ehemaliger NPD-Landesvorsitzender. Außerdem engagierten sich auch andere Ex-Kameraden aus dem Umfeld des früheren Neonazi-Horts "Club 88". Die "Höllenengel" soll das nicht gestört haben: Sie machten offenbar Geschäfte mit den Rechtsextremen - und bekämpften sie zugleich.

Suche nach vermisstem Familienvater

Doch nicht nur um den Handel mit Waffen geht es im Mammutverfahren der Staatsanwaltschaft Kiel und des Landeskriminalamts Schleswig-Holstein gegen die Hells Angels, sondern auch um ein mögliches Tötungsdelikt. Die Ermittler gehen - wohl nach einem Tipp aus der Szene, der Aussage eines Beteiligten oder einem abgehörten Telefonat - davon aus, dass der seit zwei Jahren vermisste Familienvater Tekin B. getötet wurde.

Am 30. April 2010 verschwand der damals 47-Jährige spurlos, nur sein Auto und ein Handysignal blieben zurück. Der alte Ford Escort stand unverschlossen vor einer Teestube im Kieler Stadtteil Gaarden. Augenzeugen wollen B. dort zuletzt im Gespräch mit drei Männern beobachtet haben. Sein Handy funkte noch zwei Tage lang aus derselben Gegend, dann riss auch diese Spur ab.

Tekin B. war in seinem Stadtteil bekannt. Er galt auf der Straße als Respektsperson: Als junger Mann hatte er verschiedene Kampfsportarten trainiert, als Türsteher gearbeitet, war mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. So berichtete es die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst". Zuletzt lebte B. anscheinend ein ruhigeres Leben, mit seiner Freundin und zwei Kindern. Er suchte, so heißt es, einen festen Arbeitsplatz. Dann verschwand er.

Die Ermittler fahndeten mit großem Aufwand nach dem Vermissten, Taucher suchten Gewässer ab, es wurden Hunde eingesetzt, auch eine freiwillige Ausreise B.s in die Türkei prüften die Beamten. Ohne Erfolg. Mehrfach wandte sich die Polizei an die Öffentlichkeit, doch entscheidende Hinweise blieben aus.

Einen Durchbruch in dem Fall Tekin B. könnten nun die Ermittlungen gegen die Kieler Hells Angels ermöglichen. Die Ermittler vermuten, dass B. den Rockern in die Quere gekommen sein könnte. In Altenholz, einer Gemeinde vor den Toren Kiels, sucht die Polizei nach der Leiche des Verschwundenen. Der Körper wurde möglicherweise ins Fundament einer Lagerhalle einbetoniert, die von den Rockern auch für Festivitäten genutzt wurde. Man sei zuversichtlich, schon bald fündig zu werden, heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

insgesamt 47 Beiträge
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ziegenzuechter 25.05.2012
1. seltsam
Zitat von sysopDPAEine Maschinenpistole, sieben Handfeuerwaffen, Hunderte Schuss Munition: Bei der Hells-Angels-Großrazzia haben die Ermittler zahlreiche Waffen gefunden. Die Beamten gehen davon aus, dass die Rocker Teile des Arsenals auch verkauft haben - unter anderem an Rechtsradikale. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,835297,00.html
irgendwie kapier ich diese "rocker" nicht. die haben doch in ihren eigenen reihen und bei ihren unterstuetzerclubs einen haufen auslaender und deutsche mit migrationshintergrund. wieso machen die geschaefte mit rechtsradikalen? irgendwie absurd oder einfsch nur geldgeil.
servius 25.05.2012
2. Wo seit ihr????
Wo seit ihr, die ihr diese Woche so betroffen wart und privaten Waffenbesitz verbieten wolltet? Warum geifert ihr jetzt nicht genau so engagiert gegen Motorräder, Rocker , gegen illegale Waffen?
shatreng 25.05.2012
3. blablabla
Zitat von serviusWo seit ihr, die ihr diese Woche so betroffen wart und privaten Waffenbesitz verbieten wolltet? Warum geifert ihr jetzt nicht genau so engagiert gegen Motorräder, Rocker , gegen illegale Waffen?
Wenn sie keinen Unterschied zwischen Motorrädern und Schußwaffen sehen können, dann ist ihnen nicht mehr zu helfen. Kriminelle Vereinigungen zu verbieten ist gesellschaftlicher Konsens und dass eine Gesellschaft versuchen sollte illegalen Waffenhandel einzudämmen auch..
beka48 25.05.2012
4. Reiche Beute?
1200 Polizisten im Einsatz und beschlagnahmt wurden eine Maschinenpistole, sieben Handfeuerwaffen und fast tausend Schuss Munition! Da hat jeder Sportschütze zum Teil mehrt Waffen im Schrank, wie zum Beispiel der Vater des Amokläufers von Winnenden, bei dem 15 Waffen, darunter eine Halbautomatische, und mehrere Hundert Schuss Munition sichergestellt wurden!
w.goldstein 25.05.2012
5. Re: Wo seit ihr????
...und ich dachte immer, illegale Waffen seien bereits verboten...
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