Kinderbanden-Terror Das stille Leiden der Agnes W.
Mönchengladbach - Die Mauern des Mehrfamilienhauses im Möchengladbacher Stadtteil Speick sind hell getüncht, in den Fenstern hängen weiße Gardinen, und vor dem Haus parkt ein frisch gewaschenes Auto. Nichts deutet auf das Grauen hin, das sich hinter der intakten Fassade abgespielt haben soll.
Den ersten Ermittlungen des Kommissariats 12 der Mönchengladbacher Kriminalpolizei zufolge haben hier acht Kinder im Alter von fünf bis 13 Jahren die hilflose und altersbedingt verwirrte Rentnerin Agnes W., 80, tyrannisiert. Die Bande drang in die Wohnung der zierlichen Frau ein, schlug sie, zerstörte ihre Einrichtung, urinierte in die Zimmer und stahl mehrere Gegenstände, wie der Sprecher der Polizei, Peter Spiertz, heute SPIEGEL ONLINE bestätigte.
"Sie haben mir das gute Porzellan vor meinen Augen zerschlagen. Das stammte von meiner Mutter", zitiert das Boulevardblatt "Express" die Rentnerin. Dem Bericht zufolge soll einer der Jungen auf Agnes W. uriniert haben, nachdem er sie zu Boden geworfen hatte. Auch hätten die Kinder Fäkalien in das Essen der 80-Jährigen gemischt, schreibt die Zeitung. Polizei-Sprecher Spiertz wollte das nicht bestätigen.
"Sie können sich nicht vorstellen, wie es in der Wohnung ausgesehen hat", sagte ein Bekannter des Opfers, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen wollte, SPIEGEL ONLINE. "Die Kinder haben alles verwüstet." Agnes W. sei "vollkommen verunsichert und aufgebracht - und wir sind einfach nur geschockt."
"Sie können sicher sein, dass wir alle Vorwürfe gewissenhaft untersuchen", so Spiertz. "Die Angaben des Opfers sind leider etwas lückenhaft und widersprüchlich." Die Anhörungen der strafunmündigen Kinder könnten weiteren Aufschluss geben. "Wir gehen jedenfalls davon aus, dass die meisten Täter aus der unmittelbaren Nachbarschaft stammen", so Spiertz.
Die Rädelsführer
Rädelsführer der Kinderbande sollen zwei 12 und 13 Jahre alte Brüder sein, die ganz in der Nähe der alten Dame wohnen. "Die beiden sind dem Jugendamt schon länger bekannt", sagte der Sprecher der Stadt Mönchengladbach, Dirk Rütten, SPIEGEL ONLINE. Sie seien unter anderem wegen aggressiven Verhaltens und Schulverweigerung aufgefallen. Die Familie habe immer wieder Erziehungshilfen erhalten, zuletzt aber im Juni eine solche Maßnahme abgebrochen.
Rütten: "Insgesamt waren die Eltern wenig kooperativ." Schon vor dem Bekanntwerden der neuerlichen Vorwürfe habe das Jugendamt daher ein Sorgerechtsverfahren gegen das Paar eingeleitet. Ziel sei es, den offenbar überforderten Eltern das Sorgerecht zu entziehen und die Brüder in einem Heim unterzubringen.
Dass sich der Terror der Kinderbande über Wochen hingezogen habe, wie die Polizei gestern noch vermeldet hatte, davon war heute Nachmittag keine Rede mehr. "Unsere Ermittlungen haben ergeben, dass die Kinder seit etwa einem Jahr in der Wohnung der Frau verkehrten", sagte Polizeisprecher Spiertz. Man könne nicht ausschließen, dass sie in dieser Zeit Gegenstände gestohlen hätten. "Aber zu dem geschilderten Gewaltexzess ist es erst am vergangenen Mittwoch gekommen", sagte Spiertz.
Keine Konsequenzen
Das bestätigte auch der Sprecher des für die Betreuung von Agnes W. zuständigen Amtsgerichts, Joachim Banke, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Demnach sei die 80-Jährige täglich zweimal von einer Pflegerin und einmal von einem "Essen-auf-Rädern"-Fahrer besucht worden. Einmal in der Woche sei außerdem eine Zugehfrau gekommen, um Einkäufe für W. zu erledigen. Weil sich diese ehrenamtliche Helferin als einzige länger in der Wohnung aufgehalten habe, sei die Unordnung erst am Freitag bemerkt worden, so Banke.
Der von der Zugehfrau informierte Betreuer, der sich "aus datenschutzrechtlichen Gründen" auf SPIEGEL ONLINE nicht zu den Vorgängen äußern will, habe daraufhin am Samstag Anzeige bei der Polizei erstattet. "Für uns besteht keinerlei Veranlassung, die Arbeit des Pflegepersonals zu kritisieren", sagte Banke.
Die mutmaßlichen Missetäter, allesamt noch nicht strafmündig, haben ebenfalls keine juristischen Konsequenzen zu fürchten. Der Polizeisprecher drohte zwar an, die Beamten würden sich ernsthaft mit den Kindern unterhalten. Doch besonders überzeugt schien auch der Ermittler von diesem Mittel nicht zu sein: "Die Gespräche werden bei den Kindern hoffentlich einen entsprechenden Eindruck hinterlassen."
Hoffentlich.