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27. Mai 2016, 16:51 Uhr

Kinderporno-Affäre

Die Legenden des Herrn Edathy

Ein Kommentar von

Vor mehr als zwei Jahren stürzte SPD-Politiker Sebastian Edathy über eine Kinderporno-Affäre. Seither versucht er, sich als Opfer zu stilisieren. Damit darf er keinen Erfolg haben.

Als PR-Profi hat Sebastian Edathy im Verlauf seiner Kinderporno-Affäre erstaunliches Geschick bewiesen - auch wenn er heute in koketter Manier das Gegenteil behauptet. Die Geschichte, die der frühere SPD-Spitzenmann in Variationen über sich anbietet, ist die Geschichte eines Opfers, das für einen verzeihlichen Fehler geächtet wird.

Wie stets bei gelungener PR ist die Geschichte weder wahr noch unwahr. Sie zeichnet weich, sie vernebelt, sie verfälscht - und sie verfängt. Ende 2014 stellte Edathy fast die gesamte SPD-Spitze an den Pranger und gerierte sich als Aufklärer.

Damals behauptete er, ein Genosse habe ihn vor strafrechtlichen Ermittlungen gewarnt, habe Informationen weitergegeben, die Edathy niemals hätten erreichen dürfen. Es entwickelte sich eine politische Krise, die - ganz im Sinne Edathys - vom Kern der Affäre ablenkte: dem Besitz von Kinderpornografie. In vielen Berichten, auch bei SPIEGEL ONLINE, war aber lediglich von Nacktbildern die Rede.

Opulente Homestory

Nun erscheint eine opulente Story im Magazin der "Süddeutschen Zeitung", die auch als Akt der Reinwaschung verstanden werden kann.

Schon Bildsprache und Metaphorik zeigen, dass hier ein Verfemter sprechen soll. Edathy lebe "im Exil", als habe man ihn verbannt, an einen unbekannten Ort "im Orient". Erstmals durfte sich ein Fotograf in Edathys Haus umsehen, um Bilder für eine Veröffentlichung zu machen. Das Haus sei ein "freiwillig-unfreiwilliges Gefängnis", heißt es im Text.

Für die Kamera posiert Edathy wie ein Häftling auf einer kargen Matratze, das Motiv illustriert eine seitenlange Klage. Der Ex-Politiker habe zu wenig Geld, sei melancholisch, bekomme noch immer Hasspost im Netz. Und das alles wegen ein paar Nacktbildern von Kindern, die er im Internet bestellt habe. Das ist die Lesart.

Allein - es geht nicht nur um ein paar Nacktbilder.

Sie standen am Anfang der Affäre, gewiss, Edathy zog sich deshalb im Februar 2014 fast über Nacht aus der Politik zurück. Es geht aber um deutlich stärkere Verfehlungen. Edathy hat sich Kinderpornos verschafft, Bilder und Videos, über seinen Bundestagsrechner, an sechs Tagen im November 2013. Nur deshalb gab es einen Prozess vor dem Landgericht Verden.

Das Gericht teilte im März 2015 offiziell mit, man habe das Verfahren "nach geständiger Einlassung" des Angeklagten gegen Zahlung von 5000 Euro eingestellt. Und auch ein Untersuchungsausschuss im Bundestag, der sich mit der Affäre beschäftigte, hielt im Abschlussbericht fest, Edathy habe den Besitz von Kinderpornos eingeräumt.

Versuch der Einschüchterung

Edathy will das alles nicht mehr wissen. Er hat via Facebook Journalisten mit Klage gedroht, die ihm den Besitz von Kinderpornos vorhalten. Es ist ein Versuch der Einschüchterung, der wunderbar funktioniert. Edathy, das ist in der Öffentlichkeit heute der Mann mit den legalen Nacktbildern. Nicht der Mann mit den illegalen Kinderpornos.

Und so heißt es in der jüngsten Story falsch, die Vorwürfe gegen Edathy hätten "keine strafrechtliche Relevanz". Die Filme und Fotos hätten "mit sexuellem Missbrauch im strafrechtlichen Sinne nichts zu tun". Edathy sei schließlich wegen der Verfahrenseinstellung nicht vorbestraft. Was stimmt - aber nichts an der "geständigen Einlassung" ändert.

Edathys Lesart ist ein Signal der Verharmlosung, das nicht unwidersprochen bleiben darf. Wer Kinderpornos besitzt, unterstützt Verbrecher, die Kinder quälen und erniedrigen. Es geht um Straftaten, nicht um eine Grauzone. Edathy behauptet, er sei "eindeutig nicht pädophil". Die Nacktbilder habe er bestellt, weil er "strukturell ein Borderliner" sei. Eine Therapie habe er nicht nötig.

Fest steht: Tauschen möchte wohl niemand mit Edathy. Seine Lage ist tragisch. Wer ihn beleidigt oder gar mit dem Tode bedroht, muss dafür bestraft werden. Solange er aber zu einer ehrlichen Aufarbeitung der Affäre nicht bereit ist, fällt es schwer, Mitleid zu haben.

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